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Oxytocin

Peptidhormon mit Potenzial

31.10.2011
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Von Michael van den Heuvel / Früher nur als Hormon zur Steuerung des Geburtsprozesses und der Laktation gedeutet, zeigen neuere Forschungsarbeiten ein breites Wirkspektrum des Oxytocins. Es beeinflusst zwischenmenschliche Interaktionen und könnte einen Beitrag zur Therapie von neurologischen und psychiatrischen Funktionsstörungen leisten.

Das altbekannte Oxytocin, ein kleines Peptidhormon aus neun Aminosäuren, scheint es in sich zu haben. In zahl­reichen Studien zeigten sich in den vergangenen Jahren Effekte bei Angst­störungen, speziell bei sozialen Phobien, sowie bei Depressionen, Autismus und Schizophrenie.

 

Einfluss auf Gefühlszentrum

 

Oxytocin-Rezeptoren sind in vielen Regionen des Körpers lokalisiert, auch im Gehirn. Dort steuert Oxytocin in Stresssituationen offenbar die Aktivität der Amygdala, ein Bereich mit starkem Einfluss auf die Entstehung von Angst sowie auf die Interpretation von Gefahrensituationen. Dafür spricht, dass Patienten mit einer recht selten auftretenden Schädigung dieses Bereichs, bekannt als Urbach-Wiethe-Syndrom, in ihrem Gefühlsleben und Sozialverhalten stark eingeschränkt sind. Bei ihnen zeigen Oxytocin-Gaben keinen Effekt.

In einer Zusammenfassung der Ergebnisse mehrerer Studien stellten Freiburger Neurologen kürzlich in »Nature Reviews Neuroscience« fest, dass sich soziale Kompetenzen wie das Einfühlungsvermögen in Mitmenschen veränderten, wenn Probanden zuvor das Neuropeptid nasal verabreicht bekamen (doi: 10.1038/nrn3044). Speziell Männer konnten sich nach der Applikation besser in ihr Gegenüber hineinversetzen.

 

Diesen Effekt des Oxytocins auf Männer bestätigte das Ergebnis einer niederländischen Forschungsgruppe. In »Psychoneuroendocrinology« berichteten die Wissenschaftler, dass sich Väter viel eher in ihren Nachwuchs hineinversetzen konnten und auch besser mit ihren Kindern spielten, wenn ihnen zuvor Oxytocin appliziert wurde (doi: 10.1016/j.psyneuen.2010.04.007).

 

Oxytocin senkt den Cortisolspiegel und wirkt dadurch stressmindernd. Diese Eigenschaft könnte man sich künftig vielleicht zur Früherkennung oder Therapie von Depressionen zunutze machen. So berichteten Schweizer Wissenschaftler vor Kurzem in »Neuropsychopharmacology«, dass niedrige Spiegel des Hormons das Risiko für Wochenbettdepressionen erhöhen (doi: 10.1038/npp.2011.74). Die Forscher bestimmten bei 74 werdenden Müttern den Oxytocin-Titer. Ein niedriger Spiegel in den Monaten vor der Geburt stand mit Depressionen nach der Niederkunft in engem Zusammenhang.

 

Ein weiteres mögliches Einsatz­gebiet des Neuropeptids ist die Behandlung von Menschen mit Autismus. Diese haben vor allem Schwierigkeiten in der Kommunikation mit ihrer Umwelt und es fällt ihnen schwer, Mimik und Gestik von Mitmenschen richtig zu interpretieren. In einer Studie verabreichten französische Forscher Oxytocin 13 Autisten, die daraufhin länger Blickkontakt mit einem Gesprächspartner halten und dessen Emotionen besser deuten konnten (doi: 10.1073/pnas.0910249107).

 

Größere Studien fehlen noch

 

Potenzial hat das Hormon offenbar auch in der Therapie von Menschen mit Schizophrenie. US-amerikanische Wissenschaftler fanden mithilfe einer placebokontrollierten Studie heraus, dass Oxytocin psychotische Symptome bei Schizophreniepatienten reduzieren kann (doi: 10.1016/j.schres.2011.07.027). Die Probanden erhielten zusätzlich zu ihrer bereits bestehenden Therapie mit Neuroleptika zwei Wochen lang zweimal täglich 24 Internationale Einheiten Oxytocin als Nasenspray oder Placebo. In der Verumgruppe besserten sich daraufhin die Schizophreniesymptomatik und die sogenannte »Theory of Mind«. Darunter verstehen Psychologen die Fähigkeit eines Menschen, sich selbst und anderen Bewusstseinszustände zuzuschreiben.

 

Sollten sich diese Forschungsergebnisse in größeren Studien bestätigen, könnte das bislang als »Frauenhormon« bekannte Oxytocin auch in neurologischen und psychiatrischen Indikationen zugelassen werden. Zurzeit sind in Deutschland allerdings keine Oxytocin-haltigen Nasensprays auf dem Markt. / 

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