Pharmazeutische Zeitung online
Virustatika

Antivirale Substanzen auf Abwegen

31.10.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Aline Rühtz / Ob Aciclovir bei Alzheimer oder HIV-Therapeutika bei Genitalherpes – einige Virustatika zeigen auch außerhalb ihres ursprünglichen Indikationsgebietes eine Wirkung und liefern somit neue Forschungsansätze.

Weltweit leiden rund 20 Millionen Menschen an einer Alzheimer-Erkrankung. Die meisten Wissenschaftler gehen von zwei pathologischen Merkmalen aus: einer Akkumulation von beta-Amyloid-Plaques und von hyperphosphorylierten tau-Proteinen (Lesen Sie dazu den Titelbeitrag in dieser Ausgabe). Dass Herpes-simplex-Viren vom Typ 1 (HSV 1) bei genetisch vorbelasteten Patienten in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen, konnten britische Forscher bereits 2008 belegen. Das Team um Ruth Itzhaki von der Universität Manchester zeigte anhand von Hirnproben verstorbener Alzheimer-Patienten, dass etwa 90 Prozent der typischen Plaques Virus-DNA enthielten. Sie zogen daraus den Schluss, dass Herpesviren ein Hauptfaktor für die Plaquebildung sind. Folglich sollte die Erkrankung mit Virustatika wie Aciclovir zu bekämpfen sein. Dies setzt allerdings voraus, dass die Akkumulation der beta-Amyloide und tau-Proteine abhängig von der DNA-Replikation des Virus abläuft. Denn Virustatika wirken, indem sie in die Replikation der Virus-DNA eingreifen.

 

Virustatika gegen Alzheimer

 

In einer neuen Studie untersuchten die britischen Forscher nun in Zellkulturen die Effekte von antiviralen Arzneistoffe wie Aciclovir, Penciclovir und Foscarnet auf die Alzheimer-typischen Veränderungen. Die Studie ergab, dass alle Substanzen die Replikation des HSV 1 hemmten und zu einer signifikanten Verringerung der toxischen Proteine führten. Tatsächlich bestand zwischen der Akkumulation der tau-Proteine und der Replikation der HSV1-DNA eine Abhängigkeit. Diese Beziehung gab es nicht für die beta-Amyloide, die vermutlich unabhängig von der viralen DNA-Replikation gebildet werden. Die verminderte Proteinkonzen­tration könnte hier allein durch die Hemmung der Virusvermehrung zustande gekommen sein.

 

»Da die untersuchten Substanzen die Konzentration an beta-Amyloid und tau-Proteinen in HSV1-infizierten Zellen stark reduzieren, schlussfolgern wir, dass sie für die Behandlung der Alzheimer-Krankheit geeignet sein könnten«, schreibt Itzhaki. Der große Vorteil gegenüber anderen Alzheimer-Therapien sei, dass die Virustatika ausschließlich auf das Virus wirken und somit nicht die Wirtszellen oder nicht-infizierte Zellen angreifen.

 

In Zukunft wollen die Forscher die am besten geeignete antivirale Substanz ermitteln und das Zusammenwirken von genetischer Disposition und Virusinfektion genauer untersuchen.

 

Tenofovir bei Genitalherpes

 

Ein weiteres Virustatikum, das indikationssübergreifenden Erfolg zeigt, ist Tenofovir. Zugelassen ist dieser Reverse-Transkriptase-Hemmer in Kombination mit anderen antiretroviralen Arzneimitteln zur Behandlung einer Infektion mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV). Dabei wirkt der aktive Metabolit von Tenofovir als Hemmstoff der Reversen Transkriptase. In Deutschland sind für diese Indikation zum Beispiel Viread-Filmtabletten auf dem Markt. Zukünftig könnte auch ein Gel, das 1 Prozent Tenofovir enthält, vor der Infektion mit HIV schützen. Laut einer südafri­kanischen Pilotstudie konnte es die HIV-Übertragung bei heterosexuellem Geschlechtsverkehr um 39 Prozent reduzieren. Für viele afrikanische Frauen könnte dies ein wichtiges Mittel sein, um sich auch ohne Wissen des Geschlechtspartners vor HIV zu schützen. Denn oftmals können die Frauen den Gebrauch von Kondomen nicht durchsetzen, obwohl das Land schwer von der HIV-Epidemie betroffen ist.

 

Doch überraschenderweise kann das Gel noch mehr: Es verringerte das Ansteckungsrisiko mit dem Herpes-simplex-Virus vom Typ 2 (HSV 2) um 51 Prozent. Dieser Virustyp kann zwar grundsätzlich überall auftreten, ist aber vornehmlich genital anzutreffen (Herpes genitalis). Forscher um Jan Balzarini vom Rega Institute for Medical Research in Leuven, Belgien, beobachteten ex vivo, dass der Wirkstoff die Vermehrung des HSV 2 in verschiedenen menschlichen Zelllinien hemmt. Und das obwohl das Herpesvirus keine Reverse Transkriptase besitzt, da sein Erbmaterial bereits aus DNA besteht. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie im Fachjournal »Cell Host & Microbe«. Um eine duale Wirkung gegen HIV und HSV zu erzielen, sei unbedingt eine topische Anwendung erforderlich. Denn oral verabreicht, reiche die lokale Wirkstoffkonzentration nicht aus, um die Vermehrung des HSV 2 erfolgreich zu hemmen. / 

Kommentar

Kein Grund zur Euphorie

Es wäre nicht das erste Mal, dass Arzneistoffe in einer neuen Indikation reüssieren. Prominentes Beispiel ist Sildenafil, das zunächst als Mittel gegen Angina pectoris geprüft wurde und dann als blaue Raute eine stürmische Karriere erlebte. Inzwischen ist der Vasodilatator auch bei pulmonaler arterieller Hypertonie zugelassen. Eine win-win-Situation für alle Beteiligten.

 

Bei der Indikation Alzheimer-Demenz ist man von solchen Erfolgen weit entfernt. Viele Kandidaten, die auf neuen Wegen in die Pathogenese der dramatischen Erkrankung eingreifen sollen, scheitern vor oder in frühen Phasen der klinischen Prüfung. Denn ein idealerweise peroral verabreichtes Antidementivum muss die Blut-Hirn-Schranke überwinden und zentral angreifen, ohne gesunde Gehirnzellen zu schädigen. Und es muss für geriatrische Patienten gut verträglich sein. Ob Aciclovir, das bei Herpes-simplex-Enzephalitis als Infusion zugelassen ist, ein aussichtsreicher Kandidat ist, erscheint sehr fraglich. Penciclovir wird derzeit nur als Topikum eingesetzt. Was im Labor so spektakulär erscheint, muss erst einmal in die klinische Prüfung.

 

Brigitte M. Gensthaler

Apothekerin

Mehr von Avoxa