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Fatigue

Vom Krebs total erschöpft

25.10.2017  09:18 Uhr

Von Brigitte M. Gensthaler, München / Die Fatigue ist eine der häufigsten Komplikationen bei Krebspatienten und kann auch nach der Tumortherapie noch lange anhalten. Die übermäßige Erschöpfung belastet die Patienten stark, aber oft werden die Beschwerden nicht ernst genommen und kaum behandelt.

Unter Tumor-assoziierter Fatigue (TF) versteht man ein andauerndes subjek­tives Empfinden körperlicher, emotionaler und/oder kognitiver Erschöpfung im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung und deren Therapie. Die Erkrankung kann zu jedem Zeitpunkt der Tumor­erkrankung auftreten, selbstlimitierend verlaufen oder jahrelang persistieren. Die Betroffenen fühlen sich müde und völlig erschöpft, kraft- und antriebslos und sind kaum leistungs­fähig. Ihre Beschwerden stehen nicht in Relation zu vorangehenden Arbeiten und Aktivitäten. Schlaf bringt – anders als bei normaler Müdigkeit – keine oder nur eine geringe Besserung.

 

Mehr als die Hälfte ist betroffen 

»Etwa 50 bis 80 Prozent der Krebspa­tienten sind von TF betroffen«, berichtete Professor Dr. Karen Steindorf beim Kongress Sport und Krebs der TU in München. Die Wissenschaftlerin leitet die Abteilung »Bewegung, Präventionsforschung und Krebs« beim Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg und entwickelt unter anderem Bewegungsprogramme für Krebspatienten.

 

»Die Fatigue beeinflusst die Lebensqualität des Patienten massiv, ebenso sein soziales Umfeld wie Partnerschaft, Familie und Freundeskreis, den Beruf und Sozialstatus«, sagte Steindorf. Häufig leide die Compliance während der Tumortherapie. Mitunter müssen Therapien reduziert oder abgesetzt werden, weil die Patienten zu erschöpft sind.

 

Ursachen und Pathophysiologie der TF sind weitgehend ungeklärt, eine multikausale Entstehung ist aber wahrscheinlich. So wirken sowohl der Tumor selbst als auch die Krebstherapie auf den Körper ein. Komorbiditäten wie Schmerzen oder Schlafprobleme schwächen ihn ebenso wie Organschäden und Infektionen. Psychische Belastungen wie Ängstlichkeit und Depressivität sowie somatische Faktoren wie Anämie, Mangelernährung und Hormonungleichgewicht fördern die bleierne Müdigkeit und Inaktivität.

 

Steindorf warnte vor überzogenen ­Erwartungen an die Therapie: »Es gibt nur wenig Erfolgversprechendes und kaum gesicherte Erkenntnisse. Und wenn die Maßnahmen wirken, sind die Effekte leider meist klein.« Arzneistoffe wie Methylphenidat und Corticostero­ide könnten im Einzelfall helfen, seien aber keine generelle Option. Anti­depressiva sind wirkungslos, wenn keine Depression vorliegt. Ist eine Anämie oder Schilddrüsen-Dysregulation nachgewiesen, werden zunächst diese behandelt.

 

Anders als noch vor einigen Jahren wird Patienten mit TF heute nicht mehr Bettruhe, sondern Sport und Bewegung empfohlen. Ausdauer- und Krafttraining sollen den Teufelskreis aus Bewegungsmangel, Verlust an Kondition und rascher Erschöpfung durchbrechen. Kognitive und verhaltensorientierte Therapien, psychosoziale Interven­tion und achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) sind weitere Optionen, ebenso eine Verbesserung der Schlafhygiene.

 

Steindorf vermutet, dass die aktuellen Therapien möglicherweise deshalb so wenig effektiv sind, weil diverse Symptome mit unterschiedlichen Patho­physiologien vereinfacht als Fatigue zusammengefasst werden. »Eventuell muss die Behandlung an den TF-Subtyp angepasst werden, aber dies ist noch nicht möglich, da uns die Daten fehlen.« Wichtig sei zudem, zeitliche Verläufe ­einer TF zu beschreiben.

 

Sport-Interventionsstudien

In zwei randomisierten kontrollierten Sport-Interventionsstudien mit Brustkrebs-Patientinnen konnten Steinberg und ihr Team den Nutzen von Krafttraining auf die Fatigue belegen. In die ­BEATE-Studie (Bewegung und Entspannung als Therapie gegen Erschöpfung) waren 101 Frauen unter Chemotherapie eingeschlossen (»International Journal of Cancer« 2014, DOI: 10.1002/ijc.29383). In die BEST-Studie (Bewegung und Entspannung bei Patientinnen mit Brustkrebs unter adjuvanter Strahlentherapie) wurden 160 Frauen aufgenommen, die sich einer Bestrahlung unterzogen (»Annals of Oncology« 2014, DOI: 10.1093/annonc/mdu374). Die Frauen absolvierten jeweils ein zwölfwöchiges Programm mit Kraft- oder Entspannungstraining.

 

Das Krafttraining verbesserte in der BEST-Studie signifikant die TF allgemein und vor allem die körperliche Erschöpfung während und nach der adjuvanten Therapie und im Follow-up. Auch Parameter der Lebensqualität besserten sich in der Trainingsgruppe. In der ­BEATE-Studie zeigte sich, dass Krafttraining die körperliche Fatigue mildern und die Lebensqualität während der Chemotherapie erhalten kann.

 

In ihren Untersuchungen konnte Steindorf Faktoren identifizieren, die die Ausbildung einer TF begünstigen. Dazu zählen Chemotherapie, hoher Body-Mass-Index, Hitzewallungen, Schlafprobleme und psychische Probleme zu Therapiebeginn. Der Einfluss einzelner Faktoren kann sich laut Steindorf im Zeitverlauf ändern. »Fatigue muss als Vielfalt von Symptomen mit spezifischen Charakteristika und verschiedenen Ätiologien verstanden werden«.

 

Im Versorgungsalltag ist das Spezialwissen über TF noch nicht überall angekommen. »Viele Fatigue-Patienten berichten uns, dass Ärzte kaum auf ihre Beschwerden eingehen oder sich damit nicht gut auskennen«, berichtete die Psychologin Dr. Irene Fischer. Sie leitet das Institut für Tumor-Fatigue-­Forschung in Emskirchen, das 2013 ­gemeinsam mit der Bayerischen Krebsgesellschaft das Projekt Tumor-Fatigue-Sprechstunde in Nürnberg ins Leben gerufen hat.

 

Die kostenlose Sprechstunde, für die die Patienten keine Überweisung vom Arzt brauchen, gibt es seit 2015 in mehreren Städten. Es gehe darum, mögliche Mitursachen der TF zu finden, eine Depressivität abgrenzen und mögliche Therapien zu besprechen, erklärte Fischer. Nach einer eigenen Erhebung nutzen vor allem Frauen mit ausgeprägten Beschwerden die Sprechstunde. Ihre seelische Belastung durch die TF liege auf einer Skala von 0 bis 10 bei 6,5 und damit deutlich höher als die Belastung durch den Krebs selbst. /

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