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Social Freezing

Kinderwunsch später

22.10.2014  07:36 Uhr

Von Christina Hohmann-Jeddi / Die Unternehmen Apple und Facebook haben mit dem Angebot für Schlagzeilen gesorgt, ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen für spätere Schwangerschaften zu bezahlen. Wie funktioniert die Methode? Und wie groß sind die Chancen und die Risiken des sogenannten Social Freezing?

Kind und Karriere sind schlecht zu vereinbaren, zumindest für Frauen. Die Firmen Apple und Facebook sind einem Bericht des US-Fernsehsenders NBC zufolge bereit, bis zu 20 000 US-Dollar (etwa 16 000 Euro) für die Kryokonservierung von Eizellen ihrer Mitarbeiterinnen zu bezahlen, damit diese ihren Kinderwunsch aufschieben können. 

 

Das soll die Unternehmen attraktiver für junge Arbeitnehmerinnen machen. Entwickelt wurde das Verfahren für Krebspatientinnen, die sich vor einer Chemotherapie Eizellen entnehmen lassen können, die dann eingefroren werden und für spätere Schwangerschaften zur Verfügung stehen. Mittlerweile wird die Kryokonservierung aber zunehmend aus nicht medizinischen Gründen angewendet, wenn etwa die Karriere noch weiter vorangetrieben werden soll oder der richtige Partner noch nicht gefunden wurde. Das Verfahren wird daher auch Social Freezing genannt.

 

Der erste Schritt der Prozedur ist die Gewinnung der Eizellen, die auch für die künstliche Befruchtung notwendig ist. Hierfür erhält die Frau über mehrere Tage lang Injektionen des Follikel-stimulierenden Hormons (FSH), um die Follikelreifung kontrolliert überzustimulieren. Die Reifung der Follikel wird regelmäßig mittels Ultraschall überwacht, um zu einem günstigen Zeitpunkt durch Gabe des humanen Choriongonadotropins (hCG) den Eisprung zu induzieren. Unter Vollnarkose werden die Follikel dann durch die Scheide punktiert und die Eizellen entnommen. Im Schnitt können pro Durchgang neun Eizellen gewonnen werden.

 

Dieses Verfahren ist nicht komplikationslos. Durch die Hormonbehandlung kann es zum Überstimulationssyndrom kommen, das durch eine Vergrößerung der Eierstöcke, Unterbauchschmerzen, Übelkeit und hohen Estrogenspiegeln gekennzeichnet ist. Als Folge können die Gefäßdurchlässigkeit und das Thromboserisiko erhöht sein oder auch Wasseransammlungen im Bauchraum und Durchblutungsstörungen der Niere auftreten. An einer mäßigen Form dieses Syndroms leidet etwa jede dritte behandelte Frau. In seltenen Fällen kann es auch zu Komplikationen bei der Eizellentnahme kommen, wobei die Rate laut Daten des Deutschen IVF-Registers bei 0,8 Prozent liegt. Am häufigsten treten vaginale und intraabdominelle Blutungen auf, aber auch Darmverletzungen und eine Entzündung des Bauchfells sind möglich.

 

Überschaubarer Erfolg

 

Die gewonnenen Eizellen werden tiefgefroren aufbewahrt, bis der Kinderwunsch aktuell wird. Dann können sie aufgetaut, mit den Spermien des Partners in vitro befruchtet und der Frau eingesetzt werden. Wie erfolgreich dies verläuft, hängt auch vom Alter der Frau ab. Laut Angaben der Melbourne-IVF-Klinik sei das Verfahren für Frauen in den Zwanzigern und Dreißigern gut etabliert. Etwa 80 bis 90 Prozent der Oocyten überstehen das Einfrieren und Auftauen. Von diesen lassen sich zwischen 50 und 70 Prozent erfolgreich befruchten. Diese bedeutet, schreibt die Klinik auf ihrer Website, dass von zehn eingefrorenen Eizellen zwischen drei und vier Embryonen gewonnen werden können, die der Frau eingesetzt werden können. Die Chance, dass durch das Einsetzen eines Embryos eine Schwangerschaft induziert wird, liegt laut Deutschem IVF-Register bei 21 Prozent.

 

Nur die Hälfte der induzierten Schwangerschaften führte zu einer Lebendgeburt und etwa 20 Prozent zu einer Fehlgeburt. Für 30 Prozent der Schwangerschaften lagen dem Register keine Angaben über den Ausgang vor. Je älter eine Frau zum Zeitpunkt des Embryonentransfers ist, desto geringer ist die Chance, dass eine Schwangerschaft entsteht, und desto höher ist das Abortrisiko.

 

Komplikationsrate erhöht

 

Zudem steigt das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen mit dem Alter der Mutter. Jede Schwangerschaft bei Frauen, die älter als 35 Jahre sind, gilt als Risikoschwangerschaft. Das gilt für die normale Empfängnis ebenso wie für den Kryotransfer. So schreibt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) in einer Stellungnahme: »Wenn die Eizellen erst jenseits des 45. Lebensjahres befruchtet und wieder in die Gebärmutter eingesetzt werden, sinkt die Chance, dass die Schwangerschaft ohne Komplikationen mit der Geburt eines gesunden Kindes endet: Das Risiko für Frühgeburten, niedriges Geburtsgewicht, Schwangerschaftsdiabetes und Bluthochdruck der Mutter steigt – auch ohne künstliche Befruchtung – mit zunehmendem Alter.«

 

Möglichst früh vorsorgen

In der Stellungnahme stellt die DGGG auch fest, dass der Wunsch nach Social Freezing vergleichsweise spät auftritt: Das Durchschnittsalter der Frauen, die diese Option in der Kinderwunschsprechstunde nachfragen, liege bei 38 Jahren. In diesem Alter seien allerdings die Erfolgschancen für eine spätere Schwangerschaft bereits deutlich eingeschränkt: Es lassen sich weniger Eizellen gewinnen, und die Übertragung führt seltener zu einer Schwangerschaft. Mit dem Alter der Frau steige weiterhin die Wahrscheinlichkeit, dass das Erbmaterial der entnommenen Eizellen auffällig ist.

 

Wenn Arbeitnehmerinnen von Apple oder Facebook, die Option der Kryokonservierung wahrnehmen wollten, müssten sie sich also früh entscheiden und in jungen Jahren, Eizellen einfrieren lassen. Außerdem haben sie die besten Chancen, auf diese Weise ein gesundes Kind auszutragen noch vor dem 35. Lebensjahr, zu einem Zeitpunkt, an dem man es auch noch auf herkömmliche Weise versuchen kann.

 

Neben den medizinischen, gibt es auch soziale Faktoren, die gegen das Social Freezing sprechen: Bei den Arbeitnehmerverbänden traf die Ankündigung der Unternehmen daher auf Unverständnis. So kommentierte zum Beispiel Elke Hannack vom Deutschen Gewerkschaftsbund in der »Süddeutschen Zeitung«, man brauche keine Unternehmen, die ihren Mitarbeiterinnen die Entscheidung für oder gegen Kinder »schwermachen und vorgaukeln, sie könne auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden«. Nötig seien Arbeitgeber, die mit flexiblen Arbeitszeitmodellen Mut machten, eine Familie zu gründen. /

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