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Griechenland

Geldsorgen steigen, die Suizidrate auch

25.10.2011
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Von Annette Mende / Wie kein zweites Land ist Griechenland in den Strudel der internationalen Finanzkrise geraten. Das hat für die Bevölkerung nicht nur ökonomische Folgen. Auch die Gesundheit leidet.

Kein Tag vergeht momentan ohne neue Schreckensmeldungen zur Krise des Euro, zu seinem Rettungsschirm und zu den Sparbemühungen der griechischen Regierung, die immer noch nicht ausreichen, um die wirtschaftliche Talfahrt zu beenden. Mittlerweile hängt Griechenland finanziell am Tropf der sogenannten Troika aus Europäischer Zentralbank, EU-Kommission und Internationalem Währungsfonds.

 

Die drei Geldgeber haben bereits massive Einschnitte durchgesetzt, die sich unter anderem im Gesundheitswesen bemerkbar machen. In einem Artikel in der aktuellen Ausgabe von »The Lancet« geben mehrere Autoren um den Soziologen Alexander Kentikelenis von der Universität Cambridge einen Überblick über die gesundheitlichen Folgen der Krise (doi: 10.1016/S0140-6736(11)61556-0).

In Griechenland ist der Besuch beim Allgemeinarzt für alle Bürger kostenlos. Die Behandlung in einer Klinik­ambulanz ist entweder ebenfalls gratis oder kostet nur bis zu 5 Euro. Die Einsparungen der öffentlichen Hand sind hier deutlich spürbar: Um etwa 40 Prozent wurden den Krankenhäusern die Budgets gekürzt. Diese bauten daraufhin Personal ab, teilweise wurde auch an der Ausstattung gespart. Infolgedessen mussten Patienten deutlich länger auf einen Termin warten. Wer das nicht wollte, zahlte Bestechungsgelder.

 

Langes Warten schreckt ab

 

Die langen Warteschlangen sind ein Grund dafür, dass immer mehr Griechen auch dann nicht zum Arzt gehen, wenn sie sich krank fühlen. In einer repräsentativen Befragung gaben 2009 signifikant mehr Menschen an, auf einen eigentlich notwendigen Besuch beim Arzt oder Zahnarzt verzichtet zu haben, als vor der Krise im Jahr 2007. Möglicherweise ist die sinkende Inanspruchnahme der medizinischen Primärversorgung eine Ursache für die steigende Zahl der Krankenhauseinweisungen. Diese nahm in staatlichen Kliniken von 2009 auf 2010 um knapp ein Viertel zu (24 Prozent).

 

Die desperate Finanzlage löst in Griechenland bei immer mehr Menschen Suizidgedanken aus. Im Jahr 2009 nahmen sich 17 Prozent mehr Menschen das Leben als zwei Jahre zuvor. 2010 stieg die Zahl der Suizide inoffiziellen Angaben zufolge noch stärker, nämlich um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Nach Informationen der nationalen Telefonseelsorge hatte im vergangenen Jahr jeder vierte Anrufer mit Selbsttötungsabsicht finanzielle Probleme.

 

Immer mehr HIV-Infektionen

 

Die Kriminalität stieg im Vergleich zur Zeit vor der Krise deutlich. Zwischen 2007 und 2009 verdoppelten sich die Zahlen der Morde und Diebstähle. Bedenklich ist auch eine signifikante Zunahme an HIV-Neuinfektionen in der letzten Zeit. Neueste Erhebungen deuten darauf hin, dass die Zahl der neu mit dem HI-Virus Infizierten 2011 vo­raussichtlich um mehr als die Hälfte im Vergleich zu 2010 steigen wird (922 versus 605). Viele der Neuinfizierten sind offenbar drogenabhängig. Auch gibt es Hinweise darauf, dass eine Zunahme der Prostitution zum Anstieg der HIV-Neuinfektionen beigetragen hat.

 

Budgetkürzungen hatten zur Folge, dass ein Drittel der staatlichen Streetworker-Programme eingestellt wurde. Mitarbeiter des griechischen Dokumentations- und Überwachungszentrums für Drogen berichten, dass einige Heroinabhängige sich absichtlich selbst mit HIV infiziert haben, um Anspruch auf eine Unterstützung in Höhe von 700 Euro monatlich sowie einen schnelleren Zugang zu Substitutionsprogrammen zu erlangen. Die Wartezeit auf einen Platz in einem solchen Programm kann in Städten bis zu drei Jahre betragen.

 

Insgesamt sei die gesundheitliche Lage in Griechenland besorgniserregend, resümieren Kentikelenis und Kollegen. Beim Versuch des Staates, seine Schulden in den Griff zu bekommen, müssten die einfachen Leute die Rechnung bezahlen. Größere Anstrengungen zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung sind aus Sicht der Autoren notwendig, damit Griechenland in der Krise nicht sein größtes Kapital verliert – seine Menschen. / 

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