Pharmazeutische Zeitung online
Interview

Erfolgsfaktor Familienfreundlichkeit

26.10.2010  17:08 Uhr

Von Stephanie Schersch / Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren, ist nicht immer leicht. Apothekenleiter sollten ihre Mitarbeiter bei dieser Aufgabe unterstützen, sagt Sofie Geisel, Projektleiterin des Unternehmensnetzwerks »Erfolgsfaktor Familie«. Denn das habe auch Einfluss auf den Unternehmenserfolg einer Apotheke.

PZ: Warum ist es für Apotheken so wichtig, ihre Personalpolitik familienbewusst zu gestalten?

Geisel: In Apotheken wird es in absehbarer Zeit zu einem möglicherweise erheblichen Fachkräftemangel kommen. Einerseits wird in den nächsten Jahren eine große Zahl insbesondere von Apothekenleitern altersbedingt ausscheiden, gleichzeitig sind die Nachwuchszahlen rückläufig. Zwischen 1999 und 2008 ist die Approbationsquote im Studiengang Pharmazie um fast 10 Prozent gefallen. Hinzu kommt, dass vor dem Hintergrund einer zunehmend alternden Bevölkerung künftig mit einem wachsenden Bedarf an Apothekern zu rechnen ist. Es wird also immer stärker darum gehen, qualifiziertes Fachpersonal im Arbeitsmarkt zu halten. Das Thema Familie spielt dabei eine große Rolle – auch und gerade weil der Apothekerberuf und auch der Beruf der PTA eine absolute Frauendomäne ist und Frauen nun mal noch stärker mit Vereinbarkeitsfragen konfrontiert sind als Männer. Der Beginn der Berufstätigkeit einer Apothekerin fällt häufig mit der Familiengründung zusammen. Es ist also wichtig, Angebote zu schaffen, die es erlauben, Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren und etwa einen schnellen Wiedereinstieg nach der Elternzeit zu ermöglichen.

 

PZ: Ein wichtiger Faktor sind flexible Arbeitszeiten. Das ist nicht immer leicht zu organisieren.

 

Geisel: Apotheken sind in der Regel vergleichsweise kleine Unternehmen. Hier kommt es ganz besonders darauf an, im Team Absprachen zu treffen, in die alle Mitarbeiter aktiv einbezogen werden – die mit Familie ebenso wie die ohne Familie. Denn Probleme entstehen nicht nur dann, wenn Beschäftigte mit Familie Dienste machen müssen, die zum Beispiel mit Abholzeiten nicht vereinbar sind, sondern auch wenn die Angestellten ohne Familie immer für die anderen einspringen müssen. Es ist daher manchmal sinnvoll, über eine individuelle Teamplanung hinaus, Modelle wie Arbeitszeitkonten und entsprechende Ausgleichsregeln zu etablieren. Damit kann Mehrarbeit dokumentiert und etwa über ein Bonussystem entsprechend kompensiert werden.

PZ: Sie schreiben in Ihrer Broschüre, dass Beschäftigte auch während der Elternzeit als ein Teil des Apothekenteams verstanden werden sollen. Weshalb ist es so wichtig, während der Elternzeit den Kontakt zum Arbeitnehmer aufrechtzuerhalten?

 

Geisel: In der Elternzeit, vor allem dann, wenn sie länger als sechs Monate andauert, kommt es häufig zu einem Perspektivenwechsel. Nicht selten orientieren sich Beschäftigte in dieser Phase auf dem Arbeitsmarkt neu, was den Wiedereinstieg in den alten Job manchmal nicht so selbstverständlich macht. Um das Personal und auch die Qualifikation zu halten, ist es daher so wichtig, den Kontakt auch während der Elternzeit zu pflegen. Dies kann zum Beispiel durch die Teilnahme an gemeinsamen Teamtreffen oder Fortbildungsveranstaltungen auch während der Babypause geschehen. Die Elternzeit sollte nicht als reine Pause betrachtet werden.

 

PZ: Ein häufiges Problem ist die Kinderbetreuung, weil die Kita etwa bereits um sechs Uhr schließt, in der Apotheke Dienste bis 20 Uhr aber durchaus keine Seltenheit sind. Wie kann die Apotheke ihre Mitarbeiter in diesem Punkt unterstützen?

 

Geisel: Die Kinderbetreuung ist immer noch das größte Hindernis bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Arbeitgeber können sich umschauen, welche Kitas oder auch Tagesmütter es im Umfeld gibt, mit denen man individuelle Betreuungsangebote für die Kinder der eigenen Mitarbeiter aushandeln kann. Wenn man eigene Angebote zur Kinderbetreuung bereitstellen möchte, ist es sinnvoll, mit anderen Unternehmen vor Ort zu kooperieren, die ähnlichen Bedarf haben und mit denen man gemeinsam nach Lösungen suchen kann. Darüber hinaus müssen wir langfristig aber auch eine Kultur schaffen, in der es möglich ist, dass Kinder mit an den Arbeitsplatz kommen. Ich stelle mir etwa vor, dass zum Beispiel Schulkinder an einem Nachmittag auch am Schreibtisch in der Apotheke ihre Hausaufgaben machen können.

 

PZ: Wir sprechen bislang von Familienfreundlichkeit im Sinne von Kinderfreundlichkeit. Dahinter verbirgt sich jedoch mehr. Es geht auch um die Unterstützung bei Pflegefällen, ein Thema das immer mehr Bedeutung erlangt. Welche Unterstützung vonseiten des Arbeitsgebers ist hilfreich?

 

Geisel: Pflege ist ein Thema, über das gerade am Arbeitsplatz nicht unbedingt gesprochen wird. Ein Pflegefall tritt zudem oft sehr plötzlich ein. Wenn Menschen mit der Pflege eines Angehörigen konfrontiert werden, müssen sie schnell reagieren, es bleibt selten Zeit, sich da­rauf vorzubereiten. Deshalb ist es wichtig, Mitarbeitern in einem solchen Fall die Freiräume zu gewähren, die sie brauchen. Dazu gehören natürlich flexible Arbeitszeitarrangements, aber es kann auch sehr hilfreich sein, wenn der Arbeitgeber Informationen zu pflegerelevanten Aspekten wie Pflegeberatungsstellen oder -diensten bereithält und den Mitarbeiter so bei einer ersten Orientierung unterstützt.

Das Unternehmensnetzwerk »Erfolgsfaktor Familie« hat in Zusammenarbeit mit der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände eine Broschüre zur »Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Apotheken« erstellt. Sie liegt dieser Ausgabe der PZ als Supplement bei und steht außerdem unter www.abda.de/apothekenteam.html zum Download bereit.

PZ: Sie beschreiben Familienfreundlichkeit als einen Faktor für den Unternehmenserfolg einer Apotheke. Was verbirgt sich dahinter?

 

Geisel: Die Apotheke ist nicht irgendein Laden. Hier geht es in ganz besonderem Maße um die Beratung und Betreuung des Patienten, es geht um den Dienst am Kunden. Und ob der Dienst am Kunden gut läuft, hat viel damit zu tun, ob Beschäftigte zufrieden sind und sich nebenher nicht mit organisatorischen Schwierigkeiten rumschlagen. Denn je zufriedener sie sind, desto mehr identifizieren sie sich mit dem Unternehmen, und das tragen sie auch nach außen. Der Erfolg steht und fällt also mit der Motivation der Beschäftigten und dabei spielt Familienfreundlichkeit eine große Rolle. Familienfreundlichkeit ist ein oft unterschätzter Baustein für mehr Identifikation mit der Arbeit. / 

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