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Prävention

Der Staat hält sich raus

26.10.2010  17:54 Uhr

Von Ines Landschek, Berlin / Das Präventionsgesetz liegt immer noch auf Eis. Inzwischen sind viele kleine Projekte der Gesundheitsförderung entstanden, entweder auf regionaler Ebene, an Schulen, auf Initiative einzelner Krankenkassen oder Verbände. Es fehlen aber Überblick, Vernetzung und Verbindlichkeit.

»Die kapitalistische Marktwirtschaft erzeugt gesellschaftliche Risiken, die das Individuum gefährden.« Mit diesen Worten läutete der christliche Sozialethiker Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach eine Diskussion auf der Berliner Präventions-Tagung ein, die von der Barmer GEK, dem Kneipp-Bund und dem Dachverband Anthroposophische Medizin veranstaltet wurde. Das Individuum bleibe mit seinen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die durch eine hektische Arbeitswelt, schlechte Wohnbedingungen und einen enormen Zeitdruck ausgelöst werden, allein, so Hengsbach. Es werde Druck auf den Einzelnen ausgeübt, dass dieser auch tatsächlich seine individuelle Verantwortung wahrnimmt.

Mit dieser Vorgehensweise ist Hengsbach nicht einverstanden. Da die Gesundheit ein gesellschaftliches Gut sei, müsse auch der Staat Verantwortung für die Gesunderhaltung seiner Bürger übernehmen. Seine These: erst die gesellschaftliche Prävention, dann die persönliche Verantwortung des Einzelnen.

 

Birgit Fischer, die Vorstandsvorsitzende der Barmer GEK, setzt die Prioritäten anders herum. Natürlich müsse man an gesellschaftlichen Strukturen und Rahmenbedingungen arbeiten, aber erst komme die Verhaltensprävention des Einzelnen, dann die Prävention der Verhältnisse, bei der der Staat gefragt ist. Fischer betonte die vielen Aktivitäten ihrer Kasse bei der individuellen Prävention. Sie bedauerte den Flickenteppich auf der Landkarte Deutschlands an vereinzelten Präventionsangeboten, über die kein Mensch mehr einen Überblick habe und forderte eine Vernetzung und Steuerung aller Präventions-Aktivitäten.

 

Der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Wolfgang Zöller (CSU), ergänzte, dass der Patient im Mittelpunkt aller Aktivitäten und damit jedem im Weg stehe. Er schloss sich bezüglich der geforderten Vernetzung von Präventionsmaßnahmen Birgit Fischer an und wünsche sich, dass der Patient nicht weiterhin als Bittsteller betrachtet, sondern als Partner von allen an der Gesundheitswirtschaft Beteiligten angesehen werde.

 

Prof. Klaus Hurrelmann, der seit Jahren die Shellstudie zur Befindlichkeit der Jugend in Deutschland herausgibt, positionierte sich eindeutig: Das soziale Auseinanderdriften der einzelnen gesellschaftlichen Schichten könne von der Gesellschaft nicht mehr hingenommen werden: »Prävention ist heute eine staatliche Aufgabe«, so Hurrelmann. Es müssten vor allem verbindliche integrierte Angebote her, zum Beispiel Ganztagsschulen, die niemanden ausgrenzten. Prävention sei im hiesigen Gesundheitssystem offenbar nicht vorgesehen, sagte Hurrelmann. Der Staat reagiere immer erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen sei. So könne es jedoch nicht weitergehen. »Wir brauchen ein Präventionsgesetz, das Bestandteil der Sozial- und Wirtschaftspolitik ist«.

 

Die deutsche Präventionslandschaft sei äußerst heterogen, die gut gemeinten Ansätze würden aber keine Nachhaltigkeit haben, weil sie eher Modellcharakter hätten, dieses Fazit zog Marion Caspers-Merk vom Kneipp-Bund. Eigenverantwortung zu fordern, sei legitim, löse aber nicht das Problem, dass das Wohlbefinden breiter Bevölkerungsschichten durch politische und wirtschaftliche Weichenstellung strapaziert werde. Die Diskutanten waren sich einig, dass Prävention eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, die aber stärker in den Versorgungsstrukturen verankert werden müsse. Dazu gehörten mehr Vernetzung, mehr Steuerung, vor allem aber mehr Verbindlichkeit – und damit auch mehr Staat . / 

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