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Müttersterblichkeit sinkt zu langsam

22.10.2007
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Müttersterblichkeit sinkt zu langsam

Von Christina Hohmann

 

Die Müttersterblichkeit geht kaum zurück, kritisieren Experten. Jedes Jahr sterben mehr als 500.000 Frauen weltweit an Schwangerschaft oder Geburt. Das entspricht etwa der Situation von vor 20 Jahren.

 

1987 startete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammen mit Partnern die »Safe Motherhood Initiative«, um die Müttersterblichkeit zu senken. Doch die Bilanz nach 20 Jahren fällt erschreckend aus: Nach wie vor sterben jedes Jahr weltweit etwa 536.000 Frauen an Komplikationen während der Schwangerschaft oder der Geburt. »Es ist enttäuschend, dass bislang so wenig erreicht wurde, um die Zahl dieser vermeidbaren Todesfälle zu senken«, schreibt Richard Horton im Editorial des Fachjournals »The Lancet«, das dem Thema Müttersterblichkeit eine ganze Ausgabe widmet.

 

Die Zahl der Todesfälle sei zwar gegenüber 576.000 im Jahr 1990 leicht gesunken, berichten Kenneth Hill vom Harvard Center for Population and Development Studies in Cambridge und seine Kollegen in derselben Ausgabe. Allerdings seien Fortschritte nur in Schwellenländern zu beobachten, während es im südlichen Afrika überhaupt keine Verbesserungen gebe. Etwas mehr als die Hälfte aller Todesfälle (270.000) seien in dieser Region aufgetreten. 188.000 Frauen starben in Südasien, davon allein 117.000 in Indien an Komplikationen bei Geburt und Schwangerschaft.

 

Weltweit sei die Zahl der Todesfälle von 1990 bis 2005 um 2,5 Prozent pro Jahr zurückgegangen. Bei dieser Rate und keinen messbaren Fortschritten im südlichen Afrika sei es sehr unwahrscheinlich, dass das Millenniums-Ziel erreicht werden könne, schreibt Hill. Im Jahr 2000 hatten sich Regierungen in der sogenannten Millenniumserklärung verschiedene Ziele gesetzt. So wollten sie unter anderem bis 2015 die Müttersterblichkeit um 75 Prozent senken. Der hierfür benötigte Rückgang von 5,5 Prozent pro Jahr wurde aber von keinem Land der Welt erreicht. Obwohl einige Schwellenländer, vor allem in Nordafrika, Südostasien und Lateinamerika, gute Fortschritte machten.

 

Zugang zu Verhütungsmitteln

 

Ein positives Beispiel stellt Bangladesch dar. Das Land konnte die Müttersterblichkeit in den letzten Jahren deutlich senken, vor allem weil Schwangere Zugang zu Notfall-Entbindungsstationen bekamen. Ein ganz entscheidender Punkt ist auch die Möglichkeit einer sicheren Abtreibung. In Bangladesch sank in den vergangenen 30 Jahren die Zahl der Todesfälle durch unsichere Schwangerschaftsabbrüche um 74 Prozent.

 

Die medizinischen Bedingungen bei Abtreibungen zu verbessern, ist einer der Hauptansatzpunkte, um die Müttersterblichkeit zu senken. Im »Lancet« stellen Forscher um Gilda Segh vom Guttmacher Institute in New York neue Daten vor. So ging zwar zwischen 1995 und 2003 die Zahl der Abbrüche weltweit um 17 Prozent zurück, doch die Rate der unsicheren Abtreibungen habe sich nicht verändert. 48 Prozent der Abbrüche werden unter unzureichenden medizinischen Bedingungen ausgeführt. Die Folge: Jedes Jahr sterben etwa 70.000 Frauen an den Folgen unsicherer Abtreibungen, berichten die Forscher. Weitere fünf Millionen Frauen erleiden vorübergehende oder bleibende Schäden. Segh und ihre Kollegen fordern daher, dass Frauen in Entwicklungsländern einen besseren Zugang zu effektiven Verhütungsmethoden und auch zu legalen medizinisch hochwertigen Abtreibungskliniken haben sollten.

 

In kaum einem anderen Bereich der Gesundheitsvorsorge sei der Gegensatz zwischen Arm und Reich so groß wie bei der medizinischen Versorgung von werdenden Müttern, kritisiert die Hilfsorganisation Unicef. Die Müttersterblichkeit variiert stark: Während in Afghanistan oder Sierra Leone eine von acht Frauen an Komplikationen stirbt, ist es in Irland eine von 47.000. Die meisten Geburten erfolgen in Entwicklungsländern zu Hause mithilfe einer Hebamme. Daher hängt das Überleben der werdenden Mütter oft davon ab, ob die Angehörigen Komplikationen rechtzeitig erkennen, wie weit das nächste Krankenhaus entfernt ist und ob sich die Familie einen Besuch beim Arzt leisten kann.

 

Wenn eine Mutter stirbt, habe das auch weitreichende Konsequenzen für die Angehörigen, informiert Unicef. Untersuchungen zufolge haben Neugeborene, deren Mütter gestorben sind, ein zehnfach erhöhtes Risiko, ebenfalls zu sterben. Ältere Kinder müssen nach dem Tod der Mutter Geschwister versorgen, viele Familien verarmen.

 

Um die Situation der Frauen zu verbessern, sei es vor allem nötig, mehr Hebammen, Krankenschwestern und Ärzte für Geburtshilfe auszubilden, die in ländlichen Gebieten eingesetzt werden können. Außerdem müsse das Selbstbewusstsein der Frauen gestärkt werden, in Fragen der Partnerschaft und Familienplanung mitsprechen zu können.

 

Die geringen Fortschritte im Kampf gegen die Müttersterblichkeit reflektierten vor allem auch den niedrigen Status, den Frauen in den meisten Entwicklungsländern besitzen, schreibt Unicef. Auch Horton stellt im Lancet-Editorial fest, dass der Kampf gegen die Müttersterblichkeit nie so viel Interesse finden würde wie der Kampf gegen Aids, weil Frauenthemen in politischen Kreisen wenig Gewicht hätten. Dies müsse sich jetzt ändern. Es stehe derzeit Geld zur Verfügung, und viele Initiativen lieferten nützliche Erfahrungen. Horton: »Es darf keine weiteren Ausreden und Verzögerungen mehr geben.«

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