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Regelmäßig gereizt

24.10.2006  11:35 Uhr

Regelmäßig gereizt

Von Ariane Wohlfarth

 

Wenn manche Frauen einmal im Monat in einen Ausnahmezustand geraten, nennt sich das »prämenstruelle Dysphorie« (PMD). Für diese extreme Ausprägung des prämenstruellen Syndroms (PMS) ist nun eine neue Therapie in Sicht: Anfang des Monats erweiterte die FDA die Zulassung des oralen Kontrazeptivums Yaz® für diese Indikation.

 

An der Beurteilung des prämenstruellen Syndroms, scheiden sich bisher die Geister. Von wahlweise 25, 50, 70 oder sogar 90 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter, die vor der Menstruation unter Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Lethargie und anderen Symptomen leiden, ist die Rede. Mehr Einigkeit besteht dagegen im Fall der prämenstruellen Dysphorie. Von dieser besonders schweren Form des prämenstruellen Syndroms sind nach einer Studie an der Harvard Medical School in Boston etwa 6 Prozent der Frauen im sogenannten reproduktiven Alter betroffen. Sie sind in der zweiten Zyklushälfte wie ausgewechselt. Extrem reizbar und gereizt, aggressiv, abgeschlagen und körperlich beeinträchtigt sehen sie sich in dieser Zeit mit Alltag, Beruf und Familienleben völlig überfordert. Oft reagieren sie beleidigt auf kleinste Kritik, streiten über Banalitäten oder brechen sofort in Tränen aus.

 

1994 zum ersten Mal als Störung erwähnt, ist die prämenstruelle Dysphorie seit dem Jahr 2000 offiziell als Krankheit anerkannt. Weiter bekannt ist sie aber bisher nur in den USA, wo auch detaillierte Kriterien für die Diagnose existieren. Eine PMD liegt gemäß dem »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« vor, wenn mindestens fünf der elf prämenstruellen Symptome entsprechend stark ausgeprägt sind und eines davon körperlicher Natur ist. Zu beachten ist, dass in der ersten Zyklushälfte ein Zustand völliger Beschwerdefreiheit vorliegen muss, um die PMD von anderen psychischen Erkrankungen abzugrenzen. Symptome sind unter anderem depressive Verstimmungen, unbegründeter Ärger, vermindertes Interesse an der sozialen Umgebung, Lethargie, Schlaf- und Essstörungen und Spannungsgefühle in der Brust, Gewichtszunahme, Kopf- und Muskelschmerzen.

 

Von den betroffenen Frauen befinden sich Schätzungen zufolge in Deutschland nur 5 Prozent in ärztlicher Behandlung. Eingesetzt wurden bisher die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Fluoxetin und Paroxetin. Ungewöhnlich für ein Antidepressivum und deshalb bemerkenswert ist, dass die Wirkung innerhalb von Stunden einsetzt und das Präparat phasenweise eingenommen wird. Das spricht dafür, das PMD keine Sonderform der Depression und auch keine Angsterkrankung ist. Stattdessen wird vermutet, dass der zum Zyklusende niedrige Progesteronspiegel, der die Hemmung bestimmter Neurone und den Serotoninspiegel beeinflusst, schuld an der Misere ist. Das gilt allerdings bis jetzt als reine Spekulation, denn bisher blieben alle Hormonbehandlungen erfolglos.

 

Für Frauen, die die Einnahme von Antidepressiva ablehnen, könnte sich bald eine andere Möglichkeit bieten: das neue Kontrazeptivum Yaz. Im März 2006 erteilte die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA die Erstzulassung für die orale Kontrazeption und erweiterte sie vor zwei Wochen auf die Therapie der PMD. In einer randomisierten Doppelblindstudie mit 450 Frauen halbierte das Kombinationspräparat verglichen mit Placebo die Stärke der Beschwerden (48 versus 36 Prozent). Verbessert wurden sowohl physische als auch psychische Symptome und damit die Stimmung und das Verhalten der Frauen. Für Europa hat der Hersteller die Zulassung beantragt und plant die Markteinführung für 2008.

 

Yaz enthält eine Kombination aus 20 µg Ethinylestradiol und 3 mg Drospirenon und ist damit etwas niedriger dosiert als die bereits erhältliche Pille Yasmin®. Neu ist das Einnahmeschema: Auf 24 Tage mit hormonhaltigen Pillen folgen vier Tage Hormonpause mit wirkstofffreien Pillen. Gerade diese längere Einnahme zum Ende des Zyklus wirkt sich laut Hersteller positiv auf die Hormonschwankungen und damit die PMDaus. Drospirenon weist neben antimineralocorticoiden auch antiandrogene Eigenschaften auf. Die nächste Zulassungserweiterung ist deshalb schon in Sicht - diesmal in der Aknetherapie.

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