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Orthopädie

Frühe Prophylaxe verhindert Beschwerden im Alter

24.10.2006  13:19 Uhr

Orthopädie

Frühe Prophylaxe verhindert Beschwerden im Alter

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Manche chronische Krankheit im höheren Alter lässt sich verhindern oder hinauszögern, wenn die Prävention bereits bei Kindern und Jugendlichen beginnt. Der alten Volksweisheit »Vorbeugen ist besser als Heilen« gaben mehr als 6700 Mediziner auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie einen neuen Bezug.

 

»Häufig wird der Grundstein einer chronischen Erkrankung schon bei Neugeborenen oder im Kindesalter gelegt«, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie, Professor Dr. Jochen Eulert, in Berlin. In den letzten Jahrzehnten ist es jedoch möglich geworden, durch eine gute Prophylaxe viele Beschwerden im späteren Leben zu verhindern oder hinauszuzögern. Zu ihnen gehören degenerative Gelenkerkrankungen, wie Arthrose, Erkrankungen des Skeletts, wie Osteoporose und manche Formen des Rückenschmerzes.

 

Noch in den 1960er-Jahren lagen viele Kinder mit einer Hüftgelenksdysplasie in deutschen Krankenhäusern, um den angeborenen Hüftschaden chirurgisch korrigieren zu lassen. Heute sind solche operativen Eingriffe äußerst selten geworden. Möglich wurde dies durch neue Früherkennungs- und Behandlungsmethoden. So kann eine Hüftgelenksdysplasie mithilfe des Ultraschalls bereits bei Neugeborenen erkannt werden. Zumeist wird die Diagnose im Rahmen der Früherkennungsuntersuchung U3 zwischen der dritten und sechsten Lebenswoche gestellt. In diesem Alter reichen in der Regel konservative Maßnahmen, wie das Tragen einer Spreizhose noch aus, um die schnell wachsenden Knochen in die richtige Richtung zu lenken. Durch die frühe orthopädische Behandlung bleibt den meisten Betroffenen daher auch eine spätere Arthrose des Hüftgelenks erspart.

 

Neuerdings ist es zudem auch möglich geworden, Kindern mit einer Knieverletzung so zu helfen, dass einer späteren Arthrose der Kniegelenke vorgebeugt wird. Besonders häufig treten Knieverletzungen beim Fußballspielen auf. Betroffen sind vor allem wenig trainierte Kinder mit guten Schuhen. Die Schuhe geben einen solchen Halt auf dem Boden, dass beim Sturz ein Mitgleiten nicht mehr möglich ist und das Knie verletzt wird. Noch vor wenigen Jahren wurden Kinder, etwa mit einer Kreuzbandverletzung, nicht behandelt. Die Mediziner fürchteten, die sogenannte Wachstumsfuge zu verletzen. Jeder kindliche Knochen besitzt diese Zonen, in denen das Knochenwachstum stattfindet. Bei einer Schädigung kann es zu einem Wachstumsstopp kommen. In der Folge muss mit einem unterschiedlichen Längenwachstum der Knochen, aber auch mit Fehlstellungen der Gelenke gerechnet werden. Heute kann durch neue Operationstechniken die Kniestabilität bei einem Kreuzbandriss problemlos wieder hergestellt werden, ohne die Wachstumsfuge zu schädigen. So bleiben vielen Betroffenen spätere Gelenkschmerzen erspart.

 

Elastische Implantate

 

Inzwischen ist auch ein Paradigmenwechsel in der Behandlung von Frakturen bei Kindern eingetreten. Insbesondere bei Schaftfrakturen in den Armen oder Beinen werden heute elastische Titannägel zur Stabilisierung des Knochens eingebracht. Die Implantate haben den Vorteil, dass die minimalinvasive Behandlung so durchgeführt werden kann, dass dabei Wachstumsfugen nicht geschädigt werden. Mit der neuen Methode sind unterschiedlich schnell wachsende Beine oder Arme selten geworden. Zudem machen sie das Eingipsen eines gebrochenen Knochens weitgehend überflüssig. Über 95 Prozent der Kinder mit Frakturen bleiben daher heute weniger als zwei Tage im Krankenhaus. Dagegen lag ein Kind etwa mit einem Oberschenkelbruch früher bis zu drei Wochen in einem Spezialbett.

 

Sport als Prophylaxe

 

Viel Bewegung ist das beste Mittel, um Knochenbrüchen vorzubeugen. Studien zeigen, dass Kinder, deren Ausdauer, Kraft und Koordination gut trainiert ist, ein sehr viel geringeres Verletzungsrisiko haben. In Deutschland sinkt jedoch die Koordinations- und Sportfähigkeit der Kinder von Jahr zu Jahr. Selbst der Deutsche Sportbund musste die Anforderungen für das Deutsche Sportabzeichen reduzieren, damit noch genügend Kinder die Auszeichnung erhalten können.

 

Dabei hat die mangelnde Bewegung noch sehr viel weitreichendere Konsequenzen. Je weniger Muskelkraft vorhanden ist, desto größer ist bereits in jungen Jahren das Risiko für Rückenschmerzen und im Alter für Osteoporose. Durchschnittlich 8,5 Stunden sitzen Kinder in Deutschland pro Tag, vor dem Computer, dem Fernseher oder in der Schule. So hat mehr als die Hälfte aller Schulkinder heute Haltungsschwächen. Eine Untersuchung der AOK Baden-Württemberg ergab zudem, dass rund 53 Prozent der Schüler bereits unter Rückenschmerzen leiden.

 

Aber auch bei der Osteoporose besteht ein enger Zusammenhang zur Muskelkraft. »Je stärker die Muskulatur in jungen Jahren trainiert wird, desto stärker werden auch die Knochen«, sagte Eulert. Bis zum 30. Lebensjahr nimmt die Knochenmasse zu. Durch Training gilt es daher, die Knochenmasse bis zu diesem Zeitpunkt so stark zu machen, dass bei einem Knochenverlust im höheren Lebensalter die Knochen noch stark genug sind, um einer Verformung bei Belastung standzuhalten. So kann man die Osteoporose zwar nicht verhindern, dafür aber ihre gefürchteten Folgen vereiteln, wie etwa eine osteoporotische Fraktur an der Wirbelsäule.

 

Wer zusätzlich etwas tun möchte, sollten zudem Phosphate im Essen vermeiden. Die Calcium-Räuber sind in den Speisen vieler Fast-Food-Ketten enthalten. Aber auch Getränke wie Cola enthalten Phosphate und sollten den Knochen zuliebe durch Milch ersetzt werden. Außerdem wirken sich primäre und sekundäre Essstörungen nachteilig auf das Calciumkonto aus. Zu schlanken Menschen, die kaum Fettgewebe haben, fehlt das zweite Reservoir für die Hormonproduktion. Ein zu niedrigerer Estrogenspiegel fördert den Abbau von Knochensubstanz.

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