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Arzneiverordnungsreport

Alte bedrohliche Zahlen

24.10.2006  17:47 Uhr

Arzneiverordnungsreport

Alte bedrohliche Zahlen

Von Thomas Bellartz

 

Nichts ist älter als die Nachrichten von gestern. Das gilt auch für die Vorstellung des aktuellen Arzneiverordnungsreports. Die präsentierten Botschaften waren allerdings noch älter.

 

Die Inszenierung verlief nach dem altbekannten und bislang bewährten Strickmuster: Der nunmehr emeretierte Professor Dr. Ulrich Schwabe verkündigte die möglichen Einsparpotenziale bei Arzneimitteln, hob denkbar unangenehm den Zeigefinger, zeigte dabei anschließend in Richtung Industrie, Ärzteschaft, Apothekerschaft und Politik und labte sich wie gewohnt an seinen Ausführungen. Als Adjutanten waren wieder einmal berufen: Mitherausgeber Dieter Paffrath und der Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Dr. Leonhard Hansen.

 

Und weil Prominenz nicht schadet, war Gesundheitsstaatssekretärin Marion Caspers-Merk (SPD) auch noch gekommen. Ein Vertreter der Kassen durfte auch am Podium Platz nehmen - und los ging's mit der fröhlichen Selbstinszenierung. Doch der Springer-Verlag, der seit Wochen süffisant das alles andere als exklusive Werk angekündigt hatte und das Buch zum Nabel der pharmapolitischen Szene stilisierte, hatte zumindest in diesem Jahr die Rechnung ohne den Wirt, nämlich die Öffentlichkeit gemacht. Schon der Titel von Schwabes Redemanuskript war bezeichnend für den mangelnden Weitblick, der in diesem Jahr dem Buch zugrunde liegt. »Massive Mehrkosten durch Medikamente« prangert der Professor an, der zweifelsohne neben Professor Dr. Gerd Glaeske der Elder Statesman der Pharmakoökonomie ist. Nun widmet sich Schwabe in seinem Report dem vergangen Jahr 2005. Viele Monate später das Zahlenmaterial aufzuarbeiten und zu präsentieren, reichte noch im vergangenen Jahr einigermaßen aus. In diesem Jahr ist alles anders. Doch bei den Autoren des Reports war das nicht angekommen.

 

Arzneimittel seien auch 2005 wieder die Hauptursache für den Ausgabenanstieg in der GKV gewesen, urteilte Schwabe und brachte die übliche Relation zu den Aufwendungen bei den ärztlichen Honoraren und den Krankenhauskosten, Vergleiche, die heute so wenig Gültigkeit haben wie in den vergangenen Jahren, weil sie Marktentwicklungen und die Besonderheiten von ambulanter und stationärer Versorgung nicht berücksichtigen. Immer noch sei das Verordnungsverhalten von Ärzten schuld an der Misere.

 

Auch wenn Schwabe klammheimlich eingesteht, dass nur ein geringer Teil der Mehrausgaben darauf zurückgeführt werden kann. Es gebe viele Chancen zum Sparen, insgesamt rund 3,5 Milliarden Euro. Rund 1,6 Milliarden könne man durch Substitution teurer Analogpräparate einsparen, 1,3 Milliarden durch die Verordnung preiswerter Generika und 600 Millionen Euro durch einen Verzicht auf umstrittene Arzneimittel.

 

Schwabe übte zudem scharfe Kritik an der Industrie und deren Marketingmethoden, aber auch an der Politik, die es nicht verstanden habe, eine sinnvolle Reform zustande zu bringen. Die vergangenen Maßnahmen hätten nur kurzfristig Erfolg gehabt, Strukturdefizite seien nicht beseitigt worden. Schwabe beklagte auch die Veröffentlichung eines anderen Werks vor wenigen Wochen. Der Arzneimittel-Atlas des Verbands forschender Arzneimittelhersteller sei »relativ armselig« und ein Beispiel für die Einflussnahme im System.

 

Der Pharmakologe forderte zudem erneut die Liberalisierung des Apothekenmarktes und der Arzneimitteldistribution. Zitat: »Wir brauchen in den Städten nicht alle 400 Meter eine Apotheke.« Das Mehrbesitzverbot sollte fallen. Schwabe forderte die Einführung einer 10-prozentigen Zuzahlung mit einer Obergrenze von 10, einer Untergrenze von 5 Euro. Und zudem seien in Deutschland Arzneimittel viel teurer als im Ausland.

 

Die Kirche im Dorf lassen

 

Dass war selbst der Staatssekretärin zu viel. »Man muss die Kirche im Dorf lassen«, entgegnete Caspers-Merk. Sie erinnerte Schwabe an das Arzneimittelverordnungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz (AVWG). Das sei eine der ersten Maßnahmen der großen Koalition gewesen und überdies erfolgreich. Man habe seit Monaten sinkende Arzneimittelpreise und auch die Ausgaben seien seit AVWG-Einführung fortlaufend gefallen. Das Gesetz wirke mit diesen Maßnahmen. Auch wenn der Report sinnvoll sei, so kritisierte Caspers-Merk doch die Inszenierung und Überzeichnung: »Ihre Zahlen sind bedrohlich, aber sie sind alt.«

 

Die Liste zuzahlungsbefreiter Arzneimittel werde immer größer, die Kosten seien bereits um 8 Prozent gesunken. Und auch die aktuelle Gesetzgebung ändere die Strukturen weiter. Dafür werde man von der Industrie, von Ärzten, aber auch von der ABDA angegriffen. Das geschehe nicht »im luftleeren Raum«.

 

Begleitet wurde die Veröffentlichung des Reports wieder von der nicht minder unüblichen, scharfen Kritik aus der Industrie. Alle Pharmaverbände urteilten ähnlich wie Caspers-Merk.

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