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Forschung

Kommt bald die Erkältungsimpfung?

18.10.2016
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Erkältungserreger sind vielfältig: Mehr als 300 verschiedene Viren kommen als Auslöser infrage. Eine Impfung gegen alle wird es nicht geben. Aber bei einem Teil gibt es in der Impfstoffforschung Fortschritte zu verzeichnen.

Bisher galt es als unmöglich, eine Impfung gegen die Erkältung zu entwickeln. Der Hauptgrund ist, dass die Zahl an Erregern, die zu Infektionen der oberen Atemwege führen, zu groß ist. Das Spektrum umfasst Pathogene wie Rhinoviren, Corona-, Parainfluenza-, Boca-Viren, humane Adenoviren und das Respiratory-Syncytial-Virus (RSV). Die Hauptverursacher von Erkältungen sind Rhinoviren aus der Familie der Picornaviridae, von denen etwa 150 bis 170 Serotypen existieren.

An einer Schutzimpfung gegen diese Viren arbeiten unter anderem Forscher der Emory University in Atlanta, Georgia. Bereits in den 1960er-Jahren konnte gezeigt werden, dass es möglich ist, eine Vakzine gegen einen Serotypen zu entwickeln, die effektiv vor einer Infektion mit genau diesem Serotypen schützt. Angesichts der hohen Zahl an Rhinovirus-Unterarten war damit allerdings nicht viel gewonnen.

 

Rhinovirus-Cocktail

 

Die Emory-Forscher setzten daher auf einen polyvalenten Cocktail. Sie kombinierten inaktivierte Rhinoviren von 25 beziehungsweise 50 Serotypen in einem Impfstoff. Diese Vakzinen riefen bei Untersuchungen mit Mäusen beziehungsweise Rhesusaffen breite Virus-neutralisierende Antikörper-Antworten hervor, berichtete eine Gruppe um Dr. Sujin Lee im Frühjahr dieses Jahres im Fachjournal »Nature Communications« (DOI: 10.1038/ncomms12838).

 

Zwei Rhesusaffen erhielten jeweils zwei Dosen der 25-valenten Vakzine und zwei weitere Affen zwei Dosen der 50-valenten Vakzine intramuskulär injiziert. Nach der zweiten Impfung wiesen die Affen aus der 25-valenten-Gruppe gegen 100 Prozent der im Impfstoff enthaltenen Serotypen neutralisierende Antikörper auf. Beim 50-valenten Impfstoff wurde eine Schutzrate von 98 Prozent erzielt. Die Antikörperreaktion war dabei typspezifisch – eine Kreuzreaktivität gegen zehn getestete nicht in den Vakzinen enthaltene Serotypen war nicht zu beobachten.

 

Es wurde nicht getestet, ob die Antikörper-Antworten die Tiere vor einer Rhinovirus-Infektion schützen können. »Es gibt keine guten Tiermodelle für Rhinovirus-Replikation«, erklärt Seniorautor Professor Dr. Martin Moore in einer Mitteilung der Universität. Als nächstes wollen die Forscher daher die Wirksamkeit der Vakzinen bei gesunden Freiwilligen in Expositionsuntersuchungen testen, was ethisch vertretbar ist, da die Erreger nicht sehr pathogen sind.

 

RSV-Impfstoffkandidaten in der Entwicklung

 

Auch bei einem weiteren häufigen Erreger von Infektionen der oberen Atemwege, dem Respiratory-Syncytial-Virus, verzeichnet die Impfstoffentwicklung Fortschritte. Der Erreger aus der Familie der Pneumoviridae verursacht Erkältungen, Husten und Mittelohrentzündungen. Bei Senioren und Säuglingen können die Erkrankungen einen schweren Verlauf nehmen. So ist RSV der häufigste Auslöser von Lungenentzündungen bei Kindern, die eine Krankenhausbehandlung nötig machen.

 

Derzeit befinden sich sechs Impfstoffkandidaten gegen RSV in der klinischen Entwicklung, berichtete Dr. Karl-Heinz Grajer, Mitglied des Vorstands von VFA Bio, Anfang September auf der Jahrestagung des House of Pharma in Frankfurt am Main. Ein Vakzinekandidat von Glaxo-Smith-Kline zur Immunisierung von Müttern befindet sich in Phase II der Entwicklung, ein Impfstoff von Astra-Zeneca speziell für Senioren ebenfalls.

 

Gegen einen weiteren Erkältungs­erreger, die humanen Adenoviren, von denen mehr als 50 Unterarten bekannt sind, gab es bereits eine Vakzine. Diese wurde von 1971 bis 1999 beim US-amerikanischen Militärpersonal eingesetzt. Der oral zu applizierende Impfstoff enthielt lebende Adenoviren der Sub­typen 4 und 7. Der einzige Hersteller stellte 1995 aus wirtschaftlichen Gründen die Produktion ein. /

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