Pharmazeutische Zeitung online
Grußworte

Viel Kritik und manches Lob

18.10.2016  16:33 Uhr

Bei der Eröffnung der größten Pharmafachmesse Europas kommentieren namhafte Vertreter aus Großhandel und Industrie die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage der Branche. Es gab einige lobende Worte, aber auch viel Kritik. Vor allem Lieferengpässe bei Arzneimitteln, andauernde Preisrestriktionen und mangelnde Standortentwicklung standen im Fokus.

Der Zweite Bürgermeister der Stadt München, Josef Schmid, freute sich, dass die größte europäische Fachmesse in diesem Jahr in München stattfindet. »Sie haben sich für die Expopharm 2016 einen zukunftsorientierten, starken Pharmastandort ausgewählt«, betonte Schmid. Das untermauerte er mit Zahlen. 

 

So setzten in der Region München im Jahr 2013 etwa 23 000 Beschäftigte in 377 Biotechnologie- und Pharma­unternehmen rund 8,5 Milliarden Euro um. Zusätzlich seien rund 10 000 Beschäftigte in unterschiedlichen öffentlichen und privaten Forschungseinrichtungen oder Universitäten beschäftigt, sodass insgesamt circa 33 000 Menschen in der Region München in dieser Branche arbeiteten. »Die Zahlen verdeutlichen, dass die Biotechnologie sowie die Pharmabranche von elementarer Bedeutung für den Wirtschaftsstandort München sind«, sagte Schmid.

 

Wie der Bürgermeister betonte, fühle er sich in seiner Stammapotheke immer bestens beraten und aufgehoben. Schmid zeigte sich zudem erstaunt über die Fülle an apothekenrelevanten aktuellen Themen, die der DAV-Vorsitzende Fritz Becker in seinem Lage­bericht angesprochen hatte. Im Hinblick auf das Problem der Lieferengpässe zeigte er Unverständnis. »In einem Land wie Deutschland sollten die besten Medikamente jederzeit zugänglich sein.«

Der Chef des Bundesverbands des pharmazeutischen Großhandels (Phagro), Thomas Trümper, nutzte die Gelegenheit, die in seinen Augen unsach­liche Diskussion um überteuerte Arzneimittelpreise und steigende Arzneimittelkosten zu kritisieren. Ihm sei da viel zu viel Meinungsmache und zu wenig Sachlichkeit im Spiel, sagte er in seinem Grußwort. So vermittelten die Zahlen des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) im Zeitraum von 2014 bis 2015 einen Ausgabenanstieg von 8,53 Milliarden Euro auf rund 202 Milliarden Euro. Der Anteil der Arzneimittel am Ausgabenanstieg sei jedoch verschwindend gering. Die Kosten seien hier im besagten Zeitraum nur um 0,76 Prozent angestiegen, so Trümper. Zudem würden die enormen Ein­sparungen durch die Rabattverträge kaum kommuniziert.

 

Problem der Kontingentierungen

 

Kritik übte Trümper zudem auch daran, dass der Phagro nicht zu den Pharma­dialog-Gesprächen geladen war, um das Problem der Lieferengpässe zu diskutieren. Er forderte, alle am Problem Beteiligten an einen Tisch zu bringen, um die Nicht-Lieferfähigkeit von Erstattungsmedikamenten zu beheben. »Kontingentierungen passen nicht in einen freien Markt«, betonte er.

Vor dem Hintergrund andauernder Lieferengpässe bei verschreibungspflichtigen Medikamenten stehen Hersteller und Großhandel immer wieder in der Kritik. So sollen vor allem auch die Hersteller eigentlich lieferbare Arznei­mittel kontingentieren. Aufgrund der geltenden Reimport- und Importregelungen ist es für die Industrie oft lukrativer, Arzneimittel ins Ausland zu liefern, und sie dann gewinnbringend zu reimportieren, so der Vorwurf.

 

Mehr Transparenz

 

Um dem Problem von Liefereng­pässen entgegenzuwirken, verpflichtet sich der pharmazeutische Großhandel künftig zu mehr Transparenz. Wie der Phagro-Chef betonte, will der Großhandel künftig monatliche Statistiken über den Verlauf der Warenströme veröffentlichen.

 

Die Politik brauche sich über die Auswirkungen nicht zu wundern, wenn sie unvereinbare Handelsformen zusammenbringt, merkte Trümper an. Man könne nicht einerseits in der Europäischen Union auf freien Handel bestehen und andererseits den deutschen Markt abschotten wollen. Wer Parallel- und Reimporte von Arzneimitteln zwecks Kostenersparnis begüns­tige, müsse auch die Konsequenzen bedenken.

Wie Trümper zeigte sich auch der Chef des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH), Jörg Wieczo­rek, mit den Ergebnissen des Pharmadialogs nicht wirklich zufrieden. Im nun konsentierten Kabinettsentwurf des Gesetzes zur Stärkung der Arzneimittelversorgung (AM-VSG) seien die Hersteller »bitter enttäuscht«. Es gebe dort für die Pharma­industrie keinerlei Anreize zur Weiter­entwicklung von Wirkstoffen oder zur Stärkung des Produktions­standorts Deutschland. Die geplante Verlängerung des Preismoratoriums um weitere fünf Jahre bis 2022 schädige den Mittelstand und sei schlecht für den Pharmastandort.

 

Mit Fachwissen trumpfen

Als positiven ­Aspekt des sogenannten Pharma­gesetzes nannte er die Anhebung des Apothekenhonorars. Der BAH habe sich bereits in der Vergangenheit immer für die Stärkung der Apotheken und für die Einhaltung der Apothekenpflicht bei OTC-Medikamenten ausgesprochen. Sorge mache ihm allerdings der Umgang der Apotheken mit diesen rezeptfreien Arzneimitteln. Hier kritisierte er eine zunehmende Trivialisierung der Produkte durch drogerie-ähnliche Präsentationen. 

»Was wir gar nicht brauchen in der Apotheke, ist ein digitaler Bilderwald bis hin zur Sichtwahl«, so Wieczorek. Die optimale verkaufsfördernde Aufbereitung und Positionierung von Produkten sollte nicht im Fokus des Interesses stehen. Stattdessen appellierte er an die Apotheker, ihre Beratungskompetenz mehr einzubringen. »Das ist Ihr Alleinstellungsmerkmal. Damit sollten Sie mehr wuchern«.

 

Aufgabe der Politik ist es, die Rahmenbedingungen für eine gute Arzneimittelversorgung zu gestalten. Darauf machte Han Steutel aufmerksam. »Und genau da liegen immer wieder die Probleme«, sagte der Vorstandsvorsitzende des Verbands forschender Pharmaunternehmen (VFA). Als Beispiel nannte er das Thema Lieferengpässe. Wenn ein Medikament nicht liefer­bar ist, gibt es in vielen Fällen glücklicherweise einen Ersatz, so Steutel. Bei patentgeschützten Arzneimitteln gelte dies jedoch nicht. Die Politik müsse daran interessiert sein, dass auch diese neuen Therapieoptionen lieferbar sind. Dafür gibt es für ihn eine einfache Lösung: »Die Rabatte, die unsere Unternehmen mit dem GKV-Spitzenverband aushandeln, dürfen nicht öffentlich bekannt sein.« Derzeit kenne jeder den rabattierten Preis und es komme zu dem Effekt, dass neue Medikamente nach dem AMNOG-Prozess in Deutschland oft günstiger seien als in europäischen Nachbarländern.

»Auch die Parallelexporteure sehen diese rabattierten Preise, kaufen die Arzneimittel auf und exportieren sie ins Ausland«, erklärte Steutel. Das sei für Hersteller ein Problem, aber auch für Apotheken und schlussendlich für die Patienten.

 

Sechs Monate Zeit

 

Um das Thema Lieferengpässe anzugehen, freut sich der Vorstandsvorsitzende von Pro Generika, Wolfgang Späth, vor allem über ein neue Regelung, die nun im Kabinettsentwurf zum AM-VSG verankert ist: Bei Rabattausschreibungen ist für Firmen, die die Zuschläge erhalten, künftig eine Übergangsfrist von sechs Monaten vorgesehen, bis sie lieferfähig sein müssen. »Dies ist eine sinnvolle Regelung, um die Ursachen für Lieferengpässe anzugehen«, betonte er.

 

Den Apothekern sei die Generika­branche sehr dankbar, dass sie sich ebenfalls bei Rabattverträgen für eine Mehrfachvergabe einsetzten, Zuschläge also an mehrere Unternehmen vergeben werden sollten. Dies erhöhe die Versorgungssicherheit. Die Generika­unternehmen in Deutschland hätten zwar enorme Produktions- und Lagerkapazitäten. Am Ende entscheide aber nur ein Rabattvertrag darüber, ob diese Kapazitäten auch für die Versorgung in Deutschland genutzt werden. Mehr Anbieter an der Versorgung zu beteiligen, sei deshalb ein wichtiger Schritt zu mehr Versorgungssicherheit.

 

Preismoratorium ist ein Dorn im Auge

 

Die von der Bundesregierung geplante Verlängerung des Preismoratoriums für die in der Gesetzlichen Krankenversicherung erstattungsfähigen Arzneimittel ist für den Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) nicht hinnehmbar. Dessen stellvertretender Vorstandsvorsitzender, Professor Michael Popp, kritisierte, diese Maßnahme setze die Pharmaunternehmen stark unter Druck und gefährde am Ende die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung. Ferner stellte er klar, dass der Verband mit seiner Argumentation gegen die Verlängerung des Preismora­toriums nicht die Vergütung der Apotheker angreifen will oder diese infrage stellt.

 

»Apotheker sind unverzichtbar für die Versorgung«, sagte Popp. Das Gute sei, dass man in Deutschland immer schnell eine Apotheke in der Nähe findet. Das solle auch so bleiben. »Wir wollen keine Arzneimittel an der Tankstelle und auch keine Ketten«, sagte der BPI- Vertreter. /

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