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Durchfall bei Kindern

Löffelweise rehydrieren

13.10.2015  16:29 Uhr

Von Annette Mende, Berlin / Wenn kleine Kinder an Durchfall erkranken, droht schnell eine unter Umständen lebensbedrohliche Austrocknung. An den Tropf müssen die Kleinen deshalb aber in der Regel nicht, im Gegenteil: Die orale Rehydrierung ist der intravenösen überlegen.

An Durchfall sterben jährlich 1,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren weltweit. »Das sind mehr als an Aids, Malaria und Masern zusammen«, sagte Professor Dr. Sibylle Koletzko von der LMU München bei einem Symposium der Gastro-Liga in Berlin. Vor allem in Afrika und Südostasien, wo 46 beziehungsweise 38 Prozent dieser Todesfälle zu verzeichnen sind, ist Durchfall damit eine der Haupttodesursachen in dieser Altersgruppe. Doch auch in unseren Breiten kann Durchfall für kleine Kinder akut lebensbedrohlich werden, wenn er nicht schnell richtig behandelt wird.

Meist virale Erreger

 

»Bei Kindern ist Durchfall meist Symptom einer akuten Darminfektion. Chronische Durchfälle sind dagegen selten«, informierte Koletzko. Eine akute Diarrhö dauert definitionsgemäß kürzer als sieben Tage; bei sieben bis dreizehn Tagen Dauer spricht man von prolongiertem und ab vierzehn Tagen von persistierendem Durchfall. Erreger, die akute Diarrhö auslösen, sind meist Noro-, Adeno- oder Rhinoviren, seltener Bakterien wie Campylobacter. Chronische Durchfälle können bei Kindern beispielsweise auf eine Kohlenhydratfehlverdauung, Zöliakie oder eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung zurückzuführen sein.

 

Im Alter zwischen sechs Monaten und zwei Jahren leiden Kinder besonders häufig an infektiösem Durchfall. So lange dauert es, bis die Kleinen ihre eigene Immunität gegen die gängigen Erreger ihrer Umgebung aufgebaut haben. Während des ersten halben Lebensjahrs genießen sie noch den Nestschutz der Mutter und erkranken deshalb nur selten.

 

Dass Durchfall Kindern so viel schneller gefährlich wird als Erwachsenen, liegt daran, dass ihr Dünndarm kürzer ist und damit sehr viel weniger Resorptionsoberfläche zur Verfügung steht. »Bei Kindern ist die Reservekapazität daher deutlich geringer als bei Erwachsenen«, erklärte Koletzko. Wird ein Kind mit Durchfall dem Kinderarzt vorgestellt, muss dieser als Erstes den Flüssigkeitsverlust abschätzen. Sind weniger als 3 Prozent des Körpergewichts verloren gegangen, liegt eine minimale Dehydratation vor, bei 3 bis 8 Prozent Verlust eine leichte bis mittelschwere und ab 9 Prozent eine schwere. Bei einem 10 kg schweren Kind entspricht das gerade einmal 900 g Gewichtsverlust.

 

Der geschätzte Flüssigkeitsverlust sowie weitere Verluste sollten innerhalb von drei bis vier Stunden ersetzt werden und die Kinder sollten auch mit fester Nahrung gefüttert werden, sofern diese bereits vor der Durchfall­erkrankung Teil ihres Speiseplans war. »Karotten, geriebener Apfel, Teepause: All diese alten Hausrezepte sind mittlerweile obsolet«, sagte Koletzko. Das Wichtigste sei der Flüssigkeitsausgleich mit oraler Rehydrierungslösung (ORL).

Nicht zu viel Natrium

 

Dabei ist zu beachten, dass die Welt­gesundheitsorganisation (WHO) ihre Empfehlungen hinsichtlich des Na­triumgehalts geändert hat: Statt wie früher 90 mmol Na pro Liter empfiehlt sie nun eine hypoosmolare Lösung mit maximal 75 mmol/l. Laut europäischer Fachgesellschaft für pädiatrische Gastroenterologie ESPGHAN sollen es sogar nur höchstens 60 mmol/l sein. Nicht alle in Deutschland verfügbaren fertigen ORL-Mischungen entsprechen dieser Vorgabe. So enthält beispielsweise Elotrans® zu viel Natrium; unter der Natrium-Obergrenze bleiben dagegen Präparate wie GES 60®, Humana Elektrolyt® und Oralpädon 240®.

 

»Bei leichter bis mittelschwerer Dehydratation sollten betroffene Kinder alle paar Minuten einen Teelöffel dieser Lösung bekommen«, sagte Koletzko. Mehr dürfe es zu Anfang nicht sein, obwohl die Kinder durstig sind und auch mehr auf einmal trinken würden. Größere Flüssigkeitsmengen führten aber häufig zu Erbrechen. Die Kindergastroenterologin riet dringend davon ab, Cola, Säfte oder selbst hergestellte Zucker-Salz-Wasser-Mischungen zu verwenden. Hier stimme die Zusammensetzung nicht – mit teilweise schlimmsten Folgen. »Es sterben immer wieder Kinder auch in Deutschland, weil Eltern meinen, sie können es besser als die Hersteller entsprechender Präparate.«

 

Die orale Rehydrierung ist die Therapie der ersten Wahl. »Wenn sie nicht möglich ist, sollten die Kinder über eine Nasensonde rehydriert werden und nicht über die Vene«, betonte Koletzko. Diese glasklare Empfehlung der ESPGHAN-Leitlinie werde in Kinder­kliniken jedoch sehr häufig nicht befolgt. »Stattdessen werden die Kinder stationär aufgenommen, wo sie dann die anderen anstecken, bekommen Blut abgenommen, um eine Elektro­lytentgleisung nachzuweisen, die sowieso vorliegt, und werden intravenös rehydriert, was laut Leitlinie mit signifikant mehr Nebenwirkungen und längeren Krankenhausaufenthalten assoziiert ist als die enterale Rehydrierung«, so die Referentin. Diese Fehlversorgung werde vom deutschen System gefördert, weil sie den Kliniken Geld bringe. »Die evidenzbasierte, leitliniengerechte Therapie wird dagegen bestraft«, kritisierte sie.

 

Reicht die orale Rehydrierung nicht aus, können zusätzlich Probiotika mit nachgewiesener Wirkung und Racecadotril zum Einsatz kommen. Diese Mittel sind in dieser Altersgruppe zugelassen und haben laut Leitlinie einen positiven Effekt. »Racecadotril ist fast wie ein Stöpsel«, beschrieb Koletzko die Wirkung. Nicht angewendet werden sollten dagegen Loperamid, Kohle, Kaolin-Pektin, Cholestyramin und Bismuthsalze. Diese Mittel hätten bei kleinen Kindern keinen Effekt oder seien nicht sicher. /

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