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Arbeitskreis 3

Honorierung – nicht mehr, aber anders

16.10.2012  18:10 Uhr

Die Honorierung der Apotheken stand auch beim dritten Arbeitskreis des Deutschen Apothekertags im Mittelpunkt. In dem diskutierten Gesundheitspolitiker der fünf Fraktionen im Bundestag mit Vertretern der Apotheker. Geschenke hatten die Politiker nicht dabei, aber immerhin einige interessante Ideen.

Obwohl Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) bei der Eröffnung des Deutschen Apothekertages zwei Tage zuvor sehr um die Sympathien der Apotheker bemüht war, zeigte sich der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), Fritz Becker, noch nicht mit der Bundesregierung versöhnt. Vom Moderator des Arbeitskreises, dem stellvertretenden Bild-Chefredakteur Nikolaus Blome, nach einer besseren Versorgung von chronisch Kranken befragt, machte Becker deutlich, dass die Apotheker zwar gerne ins Medikationsmanagement einsteigen wollten, sie dazu »aber von bürokratischen Martyrien befreit und finanziell besser ausgestattet werden« müssten. Karin Graf, Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes der ABDA sah dies ähnlich. Die Bundesregierung habe mit der Erhöhung des packungsabhängigen Honorars um 25 Cent zwar ein wenig für die Apotheken getan, insgesamt reiche dies aber nicht.

Beim Fixhonorar scheint es aber keinen weiteren Verhandlungsspielraum zu geben. Auch eine regelmäßige Überprüfung wollte der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Jens Spahn (CDU), nicht anbieten. Die Forderung der Apotheker sei legitim, die Neuregelung sei nun aber angemessen. Auch die behindertenpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Gabriele Molitor, machte keine weiteren Versprechungen: Die Regierung habe mit den Änderungen bei Honorierung und Apothekenbetriebsordnung bereits viel für die Apotheker getan. Man erreiche in Verhandlungen eben nicht immer das, was man möchte.

Dagegen hält die gesundheitspolitische Sprecherin der Linken, Martina Bunge, die Anpassung von 25 Cent für »sehr knapp«. Die Summe sollte nicht »das Ende der Fahnenstange sein«. Andere Berufsgruppen im Gesundheitswesen hätten höhere Steigerungen erhalten.

 

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach mochte sich zur Höhe der Anpassung nicht äußern. Ihm geht es um die Struktur der Vergütung: Die Honorierung der Apotheker sollte grundsätzlich überprüft werden. Der Aufwand und die Qualität sollten stärker berücksichtigt werden. Die Politik sollte zusammen mit den Apothekern eine neue Honorarordnung vereinbaren, in der die Beratungsleistung stärker berücksichtigt werde. Die Apotheker in Deutschland seien sehr gut ausgebildet, sagte Lauterbach. »Das ist eine wertvolle Ressource und die müssen wir nutzen.« Die Apotheker sollten stärker als bislang in die Gesundheitsberatung einbezogen werden, um die Versorgung der Patienten weiter zu verbessern. Diese Leistung müsse dann auch entsprechend honoriert werden. »Über eine pauschale Vergütung ist das nicht möglich«, so Lauterbach.

Mit diesem Statement griff Lauterbach einen Vorschlag auf, den der Bundesgesundheitsminister vor einiger Zeit ebenfalls ins Spiel gebracht hatte. Auch die Apotheker selbst denken über andere Ansätze für die Honorierung nach. Deshalb dürfte dort Lauterbachs Vorschlag auf Interesse gestoßen sein.

 

Auch Spahn kann sich eine andere Vergütungsweise der Apotheker vorstellen, die besondere Beratungs- und Betreuungsleistungen stärker berücksichtigt. Er forderte dazu aber auch Vorschläge aus der Apothekerschaft. Die Politik könne ein entsprechendes Konzept nicht alleine ausarbeiten. Der DAV-Vorsitzende Becker kündigte an, mit den Politikern das Honorarsystem gemeinsame weiterentwickeln zu wollen.

 

Birgitt Bender von den Grünen mochte sich nicht festlegen, ob die Honorierung der Apotheker angemessen sei. Bender: »Die Faktenlage ist kompliziert. Eine typische Apotheke ist nicht wirklich typisch. Zwei Drittel der Apotheken haben einen höheren Umsatz.« In Schwierigkeiten seien vor allem die kleinen Apotheken in Wohngebieten. Diese hätten oft zu wenig Kunden. Wenn eine Apotheke eine schlechte Lage habe, sei es aber nicht die Aufgabe der Regierung, Abhilfe zu schaffen.

Becker widersprach Bender. Die von der ABDA vorgelegten Zahlen orientierten sich nicht an der typischen Apotheke, sondern spiegelten die Situation von 2500 Apotheken unterschiedlicher Lage und Größe wider.

 

Pluspunkte konnte Spahn mit der Ankündigung sammeln, die Bundesregierung plane eine schnelle Einführung der Notdienstpauschale. »Wir wollen das zum 1. Januar umsetzen«, sagte Spahn. Er geht davon aus, dass die Regierung einen Weg sucht, das Vorhaben ohne die Beteiligung der Opposition durchzusetzen. Es sei aber nicht sicher, ob der Zeitplan tatsächlich einzuhalten sei.

 

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen die dafür bereitgestellten 120 Millionen Euro auch tatsächlich vornehmlich bei den Landapotheken ankommen und nicht bei den großen Innenstadt- und Center-Apotheken. Es sei schließlich das Ziel, die Versorgung in strukturschwachen Regionen zu sichern, so Spahn.

 

Ob die Regierung tatsächlich den Bundesrat umgehen müsste, um schnell zum Ziel zu kommen, ist fraglich. Auch Lauterbach hält das Vorhaben der Bundesregierung für richtig. Auch wenn der Vorschlag von der FDP stamme, sei er dennoch gut.

 

Wie zuvor schon Daniel Bahr machte auch Spahn deutlich, dass die Form der Vergütung bei der Notdienstpauschale noch vollkommen offen sei. Der Betrag von 200 Euro pauschal für einen Dienst sei wahrscheinlich die Erfindung eines Online-Portals.

 

Bender bereicherte die Debatte um die Vergütung von Nacht- und Notdiensten mit einem eher eigenwilligen neuen Vorschlag. Demnach sollen Ärzte im Bereitschaftsdienst die Möglichkeit erhalten, selbst Arzneimittel abzugeben. Dafür könnten Apotheken die Mediziner mit bestimmten Medikamenten ausstatten, die diese bei Bedarf direkt an den Patienten abgeben, sagte Bender. Abgerechnet werden sollten die Arzneimittel über die Apotheken. Auf diese Weise würden insbesondere Landapotheken entlastet, die relativ häufig Notdienste leisten müssen. Bei der geplanten pauschalen Vergütung, über die zurzeit das Bundesministerium für Gesundheit berät, sieht Bender Schwierigkeiten. So sei unklar, wie mit Früh- und Spätdiensten umzugehen sei. »Hier besteht die Gefahr von Mitnahmeeffekten«, sagte sie.

 

Aus der Apothekerschaft kam deutliche Kritik an Benders Vorschlag. Das Dispensierrecht für Ärzte sei nicht der richtige Weg, um die Probleme der Apotheker zu lösen, sagte ABDA- Vorstandsmitglied Graf. Vielmehr müsse man darüber nachdenken, neben Nacht- und Notdiensten auch weitere Aufgaben der Apotheker besser zu vergüten, so etwa die Herstellung von Rezepturen und die Abgabe von Betäubungsmitteln. Der DAV-Vorsitzende Becker erinnerte daran, dass die Selbstmedikation ein wichtiger Punkt in Notdiensten sei. Ein Dispensierrecht für Ärzte sei absolut indiskutabel. ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf fragte Bender, wo diese denn in strukturschwachen Gebieten die Ärzte hernehmen wolle, die dann im Nachtdienst die Arzneimittel abgeben.

 

Wie im vergangenen Jahr erntete Linken-Gesundheitsexpertin Bunge auch beim diesjährigen Apothekertag wieder viel Applaus. So auch für ihre Forderung, nicht der Markt allein solle über Apothekenstandorte entscheiden, sondern vor allem der Bedarf. Lauterbach zeigte sich angesichts der Zustimmung der Delegierten überrascht. Der Vorschlag der Linken ziele in Richtung Bedarfsplanung und von dort sei es nur ein kleiner Schritt zur Verstaatlichung der Apotheken, sagte er. »Daran können Sie kein Interesse haben.« Auch Spahn betonte: »Wir wollen keine Bedarfsplanung.« Aufgabe der Politik sei es, eine flächendeckende Versorgung sicherzustellen. Dort, wo Wettbewerb bestehe, könne es aber keine Garantie dafür geben, dass jede Apotheke auskömmlich betrieben werden kann. Ähnlich äußerte sich Bender. »Wenn mehrere Apotheken an einem Standort um die Kunden kämpfen, dann wird sich diejenige mit dem besten Service durchsetzen«, sagte sie. Bunge wehrte sich gegen den Vorwurf, eine staatliche Bedarfsplanung einführen zu wollen. Darum gehe es der Linken keinesfalls. »Wenn der Markt allein es aber nicht richtet, brauchen wir Instrumente, um einzugreifen.« Das dürfte die Vertreter der Apothekerschaft wiederum gefreut haben, denn sie halten von einer Bedarfsplanung oder gar einem Konzessionssystem wenig.

 

Im Anschluss an die politische Diskussionsrunde nutzten viele Delegierte die Gelegenheit, Fragen an die Politiker zu stellen. Ein Delegierter forderte, den Kassenrabatt endlich an die schwierige finanzielle Situation der Apotheken anzupassen. Spahn betonte daraufhin, als Ausgangspunkt für die Verhandlungen des Abschlags für 2013 müssten aus seiner Sicht die 1,75 Euro aus dem Jahr 2010 gelten. »Wir haben Ihnen 2011 und 2012 viel zugemutet. 2013 gehen wir nun zurück zur Ausgangslage.«

 

Diskussionsstoff bot auch die Nacht- und Notdienstpauschale, deren Umsetzung noch völlig unklar ist. Hier mangele es an Transparenz in Bezug auf die politische Entscheidungsfindung, so der Vorwurf aus dem Plenum. Spahn verwies auf die laufenden Beratungen. »Wir wollen transparent sein. Fakt ist, wir haben schlicht noch keine Lösungswege gefunden.« Er appellierte an die Apotheker, Vorschläge zu erarbeiten. Auch Bender forderte die Anwesenden auf, nicht nur zu kritisieren, sondern selbst konkrete Lösungswege vorzuschlagen.

 

Sie zeigte sich zudem besorgt mit Blick auf einen wachsenden vertikalen Kooperationsprozess auf dem Apothekenmarkt und eine zunehmende Differenzierung innerhalb der Apothekerschaft. Die internen Interessenkonflikte dürften die Apotheker nicht auf die Politik abwälzen. »Einigen Sie sich doch erst einmal, dann kommen wir vielleicht auch weg von der Produktabgabe hin zur Stärkung der Dienstleistung.« Graf sieht die Verantwortung für diese Entwicklung bei der Politik. Das Abdriften in die vertikale Kooperation sei eindeutig der Angst geschuldet, dass das Mehr- und Fremdbesitzverbot aufgeweicht werde.

 

Zum Abschluss stellte Moderator Blome die Frage an die Podiumsteilnehmer, was sie für die Apotheker tun würden, wenn sie Gesundheitsminister wären. Im Grunde waren sich die Politiker einig: Die inhabergeführte Apotheke gelte es zu stärken und die flächendeckende Versorgung zu sichern. Bender würde darüber hinaus die Praxisgebühr abschaffen und die Beitragsautonomie der Kassen wieder einführen. Bunge von den Linken möchte den Versandhandel auf rezeptfreie Medikamente beschränken. Lauterbach würde beim Thema »Betreuung von chronisch Kranken« gern Vorschläge der Apotheker einbinden.

 

Abschließend forderte Graf alle Politiker auf, die Macht der Krankenkassen zu beschneiden, die die Politik ihnen verliehen habe. Dabei müssten die Kassen vor allem hinsichtlich der Anerkennung von Schiedssprüchen zu einem besseren Benehmen erzogen werden. /

Gastkommentar

Anstöße für mehr Beteiligung

Die »Basis« war ein häufig gehörtes Wort beim Apothekertag 2012: »Wollen wir und wenn ja, wie können wir die Basis besser einbinden?«, so lautete die Frage, die sich den Delegierten und der ABDA stellte. Zur Basis der angeschlossenen Organisationen gehören rund 31 000 angestellte Approbierte in öffentlichen Apotheken. Sie gilt es also zu motivieren, sich in den Kammern zu engagieren. Denn dort liegt das Herz der demokratischen Strukturen, hier beginnt die Meinungsfindung, hier werden neue Konzepte entwickelt und umgesetzt. Es ist daher zu begrüßen, wenn einzelne Kammern wie Niedersachsen und Westfalen-Lippe schon regelmäßige Anstrengungen in diese Richtung machen und den berufspolitischen Nachwuchs fördern wollen.

 

Allerdings kann nicht wie selbstverständlich davon ausgegangen werden, dass dabei die speziellen Interessen der Angestellten ausreichend berücksichtigt werden. Hier sind die approbierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch selbst gefragt: Engagiert Euch! Wagt den Weg in die Gremien! Macht Euch für Eure Belange stark. Überlasst Eure Zukunft nicht allein den Selbstständigen. Natürlich sind viele Interessen deckungsgleich, aber beileibe nicht alle!

 

Sie würden gern, wissen aber nicht, wie Sie einen Fuß in die Türen der Standesorganisationen bekommen? Die ADEXA-Fachgruppe der ApothekerInnen kann Ihnen hier Unterstützung geben, zum Beispiel durch Kontakte zu ADEXA-Mitgliedern in den Kammerversammlungen und -ausschüssen. Und in der Regel gilt: Jede Kammer freut sich über neue Gesichter, die Lust auf berufspolitische Arbeit haben.

 

Aber auch der ABDA ist zu wünschen – gerade mit Blick auf den anstehenden Wechsel an der Spitze –, dass die Anstöße zu mehr Beteiligung und Transparenz sowie zu einer besseren Kommunikation zwischen der Basis und den gewählten Vertretern der repräsentativen apothekerlichen Demokratie aufgegriffen und umgesetzt werden. So besteht die Chance, dass aus Frustration und Gegeneinander ein zukunftsgerichtetes Miteinander im Sinne der öffentlichen Apotheken und der Patienten beziehungsweise Apothekenkunden wird.

 

Elfriede Hoffmann

ADEXA-Landesvorsitzende Baden-Württemberg, Delegierte der LAK BW

 

Ellen Oetterer

ADEXA-Landesvorstand Westfalen-Lippe, Delegierte der AK WL

 

Eva-Maria Plank

ADEXA-Fachgruppe ApothekerInnen/Landesvorstand Bayern, Delegierte der BLAK

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