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Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft

Ein »deutsches Cambridge«

18.10.2011
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Von Richard E. Schneider / Der Theologe Adolf von Harnack trieb Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich die Gründung der »Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft« in Berlin voran. Im Januar 1911 erblickte sie das Licht der Welt und wurde dank ihrer engagierten Wissenschaftler schnell zu einer weltweit angesehenen Forschungsinstitution.

Eine Feierstunde in der Berliner Staatsbibliothek am späten Vormittag des 11. Januar 1911 war der Auftakt zur Gründung der außeruniversitären Institution, die nur der wissenschaftlichen Grundlagenforschung verpflichtet sein sollte. Über Jahre hinweg hatte sich das preußische Kultusministerium geweigert, finanzielle Vorschüsse oder Kostenübernahmen für den zukünftigen Wissenschaftsbetrieb der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) zu garantieren. Die deutsche Industrie, so hieß es, könne und solle die Finanzierung aus eigener Kraft bewältigen.

Den Stein ins Rollen brachte schließlich der Nobelpreisträger von 1902, Emil Fischer (1852 bis 1919), der rund eine Million Mark Spendengelder für die Gründung einer Chemisch-Technischen Reichsanstalt gesammelt hatte und dieses Geld für die Gründung der KW-Institute zur Verfügung stellte. Als 1910 ein Sponsor noch Baugelände in Dahlem anbot, stand der Umsetzung der Idee eines »deutschen Cambridge« (Wilhelm II.) nichts mehr im Wege. In seiner Eröffnungsrede am 11. Januar 1911 wünschte sich der Kaiser »eine völlig freie, in ihren Beschlüssen unbeeinflusste Gesellschaft.«

 

139 Sponsoren hatten sich gefunden, die 10,3 Millionen Mark (heutige Kaufkraft: circa 25 Millionen Euro) aufbrachten. Hinter der neuen Gesellschaft, die satzungsgemäß den Namen ihres Protektors Wilhelm II. trug, standen potente schlesische Großindustrielle wie Graf Henkel Fürst von Donnersmarck, Kohlen-Großhändler Eduard Arnhold oder der Medizin-Nobelpreisträger von 1908, Paul Ehrlich, der auch zum Senator ernannt wurde. Durch die vielen jüdischen Sponsoren und Mitarbeiter der Gesellschaft stand die KWG unter ihrem Präsidenten Max Planck während der NS-Zeit unter misstrauischer Beobachtung. Der spätere israelische Staatspräsident Chaim Weizman kritisierte jene frühen Förderer als »Kaiser-Juden«, die als Konvertiten monarchisch, überpatriotisch und antizionistisch gesinnt seien.

Ein weiteres Fundament der KWG stellte die rheinische Großindustrie dar. Sie war mit den Senatoren Theodor von Guillaume aus Köln, dem Essener Gustav Krupp als erstem Vize-Präsident sowie Emil Fischer als zweitem Vize-Präsident vertreten. Wichtige Auftragsforschungen erteilten der 1904 auf Initiative von Carl Duisberg (Bayer AG) gegründete »Dreibund« BASF, Bayer und AGFA sowie der Duisburger Großindustrielle Hugo Stinnes. Mit dem Chemie-Nobelpreisträger von 1901, Hendrikus van t’Hoff (Osmotischer Druck, van t’Hoffsche Regel), befand sich auch ein Niederländer im Gründungs-Senat. Als Schatzmeister amtierte der Bankier Franz von Mendelssohn bis zu seinem Tod 1935.

 

»Schöpfung von Mammons Gnaden«

 

Privatinitiative statt Staatsmittel? Diese Frage trieb die Politiker bereits vor 100 Jahren um. Im März 1911, nur zwei Monate nach ihrer Gründung, geriet die neue Institution zur Förderung der Wissenschaften im Reichstag ins politische Feuer. Sozialdemokraten wie Karl Liebknecht warnten davor, solche Institute vom Privatkapital finanzieren zu lassen und nannten diese »Schöpfungen von Mammons Gnaden.« Ungeachtet dessen wurden nach nur eineinhalbjähriger Bauzeit auf dem Gelände in Dahlem die beiden ersten Institute am 23. Oktober 1912 eingeweiht: das KWI für Chemie unter Ernst Beckmann und das KWI für physikalische Chemie unter Fritz Haber. Sie bildeten die Keimzelle der KWG, die später über 30 Institute und Forschungsstellen umfasste. Beckmann (1853 bis 1923) begann seine wissenschaftliche Laufbahn als Apothekergehilfe unter anderem bei Remigius Fresenius in Wiesbaden, studierte nach einigen Jahren praktischer Tätigkeit Pharmazie und Chemie in Leipzig, wurde Professor für physikalische Chemie in Erlangen und Direktor der staatlichen Untersuchungsanstalt für Nahrungs- und Genussmittel. Die von ihm entwickelten Geräte und Instrumente wie das Beckmannsche Thermometer sowie die von ihm analysierten ätherischen Öle sind heute noch gut bekannt. Ebenso wird die sogenannte Beckmann-Umlagerung bei der Herstellung von Perlon noch genutzt. Beckmann verstarb an den Folgen seiner Arbeit, da er bei der Entbitterung der Lupine zu viele Geschmacksproben selbst genommen hatte. An einer Abteilung seines Instituts forschte auch der Chemie-Nobelpreisträger von 1915, Richard Martin Willstätter (1872 bis 1942). Er wechselte 1912 auf Betreiben Emil Fischers von der ETH Zürich als Abteilungsleiter nach Berlin. Doch Willstätter wünschte ein eigenes Institut und verließ das KWI bereits 1915 wieder in Richtung München. Der Frankfurter Otto Hahn, Entdecker der Uranspaltung im Dezember 1938, war ebenfalls von Anfang an ein Mitarbeiter Beckmanns. Der berühmte Radiochemiker Hahn, letzter KWG-Präsident und ab 1948 erster Präsident der Nachfolge-Organisation Max-Planck-Gesellschaft, holte die Physikerin Lise Meitner in seine Abteilung. Meitner erwarb sich bis zu ihrer erzwungenen Ausreise im Juli 1938 einen Ruf als exzellente Wissenschaftlerin und Feministin.

Möglich wurden diese Neuberufungen durch den Bankier Leopold Koppel, der 1910 überraschend die vollständige Kostenübernahme für die Errichtung des zweiten KWG-Instituts für physikalische Chemie unter Fritz Haber zusagte. Dies allerdings erfolge, schrieb Koppel an das preußische Kulturministerium, nur unter der Bedingung, dass er eine rasche Zustimmung für sein Vorhaben erhalte und der preußische Staat sich zukünftig mit 50 Prozent an den laufenden Betriebskosten des Instituts beteilige. Die Zustimmung des Ministeriums kam umgehend. Mit Koppel hatte Haber (1868 bis 1934) die Finanzquelle für sein Institut selbst aufgetan. Sein KWI für physikalische Chemie wurde so als rechtsfähige Stiftung errichtet und konnte eigene Verträge abschließen.

 

Prinzipiell waren die an ein KW-Institut berufenen Forscher von der Lehre befreit. Diese Freistellung stellte zwar ein wesentliches Kriterium ihrer wissenschaftlichen Arbeit dar, jedoch wurde ihre meist mit einem Ordinariat verbundene Lehrtätigkeit an der Universität stillschweigend akzeptiert.

 

Die Kaiser-Wilhelm-Institute selbst waren vorbildlich ausgestattet. Ebenso trugen der persönliche Ehrgeiz der Wissenschaftler und ihre Verbundenheit mit der Monarchie nicht nur zu ihrem eigenen beruflichen Aufstieg und Ansehen, sondern auch zu dem ihrer neuen Institute bei. Über ein Dutzend Nobelpreisträger gingen bis 1920 aus der KWG hervor. Der glänzende Erfolg beruhte nicht zuletzt auf dem Harnack-Prinzip, »den besten Wissenschaftler auf seinem Gebiet zu suchen und um ihn herum ein Institut zu errichten.« /

 

Zum 100. Jahrestag der Gründung der »Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft« erschien: Denkorte – Max-Planck-Gesellschaft und Kaiser Wilhelm-Gesellschaft – Brüche und Kontinuitäten, Sandstein-Verlag, 38 Euro.

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