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Ernährung

Krebs ist vermeidbar

12.10.2009
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Tabelle: Wünschenswerter BMI in Abhängigkeit vom Alter

Alter (Jahre) BMI
19 bis 24 19 bis 24
25 bis 34 20 bis 25
35 bis 44 21 bis 26
45 bis 54 22 bis 27
55 bis 64 23 bis 28
über 64 24 bis 29

Bei 19- bis 24-Jährigen wäre ein Wert von 19 bei Über-64-Jährigen 24 wünschenswert. Übergewicht und die Zunahme des Bauchumfangs sind zu vermeiden, empfiehlt der WCRF. Der Grund ist, dass Übergewicht und Adipositas das Risiko für einige Krebserkrankungen erhöhen. Die Evidenz ist »überzeugend«, dass eine erhöhte Körperfettmasse die Entstehung von Tumoren des Ösophagus, Pankreas, Colorectums, der Brust (postmenopausal), des Endometriums und der Niere begünstigt. Als »wahrscheinlich« gilt, dass Übergewicht das Risiko für Gallenblasenkrebs erhöht.

 

Bei Dickdarmkrebs ist der Zusammenhang besonders deutlich: Das Risiko für diesen Tumor steigt kontinuierlich mit dem Körpergewicht oberhalb des normalen Bereichs, etwa ab einem BMI von 23, an. Bei einem BMI von 30 ist das Risiko bis zu doppelt so hoch wie bei einem BMI unter 23. Für Krebs der Gebärmutterschleimhaut (Endometriumkarzinom) gilt ähnliches: Hier erhöht ein BMI von über 25 das Erkrankungsrisiko um das Zwei- bis Dreifache im Vergleich zu Normalgewicht.

 

Wie Übergewicht die Krebsentwicklung beeinflusst, ist noch nicht vollständig verstanden. Bei Brust- und auch bei Endometriumkrebs spielt vermutlich eine Rolle, dass Fettgewebe unabhängig von der Funktion der Eierstöcke Estrogen bildet, und so das hormonempfindliche Gewebe auch nach der Menopause noch einem Estrogeneinfluss ausgesetzt ist. Bei anderen Tumorarten könnte das metabolische Syndrom bei Übergewichtigen die Krebsentstehung begünstigen. Bei Übergewicht gerät der Stoffwechsel dauerhaft in Schieflage, was zu Entzündungsprozessen führt, die das Risiko für Diabetes und neueren Studien zufolge auch für Krebserkrankungen erhöht.

 

Schlank zu bleiben, gilt daher als wichtigste Präventionsmaßnahme. In diesem Zusammenhang empfiehlt der WCRF auch, energiedichte Lebensmittel nur in geringen Mengen zu verzehren, um Übergewicht zu verhindern. Als »energiedicht« gelten hierbei Lebensmittel, die mehr als 225 kcal pro 100 g enthalten. Hierzu zählen zum Beispiel Plätzchen (490 kcal/100 g), Croissants (430 kcal/100 g), Salami (370 kcal/100 g) und Butter (800 kcal/100 g). Fast Food und zuckerhaltige Getränke sollten möglichst gemieden werden. Hiermit sind Getränke mit Zuckerzusatz wie Limonaden gemeint, doch auch Fruchtsäfte sollten nur begrenzt konsumiert werden.

 

Es ist aber nicht nur hilfreich, auf sein Gewicht zu achten, sondern auch aktiv zu bleiben. Bewegungsarmut erhöht das Risiko für Dickdarmkrebs nachweislich, und für Brust-, Endometrium- und Pankreaskrebs vermutlich auch. Der WCRF empfiehlt daher, mindestens 30 Minuten am Tag moderat körperlich aktiv zu sein, besser wären noch 60 Minuten Bewegung. Zudem hat Bewegung den positiven Nebeneffekt, vor Übergewicht und anderen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu schützen.

 

Ebenfalls als gesichert gilt, dass Alkohol das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen erhöht. Hier ist vor allem der Gastrointestinaltrakt betroffen. Alkoholkonsum kann Tumoren im Mund, am Rachen, Kehlkopf, an der Speiseröhre, am Dick- und Enddarm, aber auch an der Brust verursachen. Den Daten zufolge ließe sich keine Mindestmenge angeben, unter der das Erkrankungsrisiko nicht ansteigt, schreibt der WCRF. Konsequent wäre es daher, ganz auf Alkohol zu verzichten. Da dies schlecht durchzusetzen ist, empfiehlt die Gesellschaft, dass Frauen nicht mehr als ein Glas (10 g Ethanol) und Männer nicht mehr als zwei Gläser (20 g Ethanol) pro Tag trinken sollten. Dabei spiele die Art des Getränks, ob es Wein, Bier oder Schnaps sei, keine Rolle. Schädigend wirke der enthaltene Ethanol.

 

Kaum Schutz durch Obst und Gemüse

 

Während der positive Effekt von einem niedrigen BMI, körperlicher Aktivität und Alkoholverzicht belegt ist, sind die Zusammenhänge bei anderen Faktoren weniger klar. So zum Beispiel bei dem Verzehr von Obst und Gemüse, der immer als krebsvorbeugend galt. Nach jetziger Datenlage ist der Schutzeffekt deutlich geringer als bislang angenommen, schreibt das Deutsche Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) in einer Stellungnahme. Große Kohortenstudien hätten keine Assoziation zwischen Obst- und Gemüseverzehr und dem Krebsrisiko ergeben. Das schließe aber nicht aus, dass bei einzelnen Populationen und bei einzelnen Tumorarten ein Zusammenhang bestehen könnte, so das DIfE.

 

Auch der World Cancer Research Fund äußert sich in seinem Bericht verhalten: Es sei »wahrscheinlich«, aber nicht bewiesen, dass ein hoher Konsum pflanzlicher Lebensmittel vor einigen Krebsarten schützt, darunter vor allem vor Tumoren des Magen-Darm-Trakts. Wahrscheinlich senke ein hoher Verzehr von Ballaststoffen auch das Risiko für Dickdarmkrebs. Der WCRF empfiehlt, täglich mindestens fünf Portionen (400 g) Obst und nicht stärkehaltiges Gemüse zu sich zu nehmen. Relativ unverarbeitetes Getreide oder Hülsenfrüchte sollten zu jeder Mahlzeit gehören. Nicht stärkehaltiges Gemüse und Obst hätten zudem den Vorteil, dass sie energiearm sind und damit vor Übergewicht schützen können. Auch das DIfE hält an der »5-am-Tag«-Empfehlung fest. Auch wenn die Daten für die Krebsprävention nicht gut wären, für die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien sie umso besser. Daher sollte man dem Herzen zuliebe reichlich Obst und Gemüse essen.

 

Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe in Tablettenform scheinen keinen Schutz zu bieten. Deshalb empfiehlt der WCRF ausdrücklich nicht die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. Drei große Studien kamen in den vergangenen zwei Jahren zu dem Ergebnis, dass Multivitamintabletten und Präparate mit Antioxidantien weder vor Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen, noch die Gesamtmortalität senken (siehe dazu Antioxidantien ohne Nutzen, PZ 09/2009).

 

Verzicht auf rotes Fleisch

 

Belegt ist allerdings, dass eine vegetarische Lebensweise das Krebsrisiko senkt. Das könnte aber eventuell nicht am hohen Obst- und Gemüseverzehr, sondern am Fleischverzicht liegen. Denn für rotes Fleisch (vom Schwein, Schaf, Rind und Ziege) ist gut belegt, dass es das Risiko für einige Krebsarten, vor allem Dickdarmkrebs erhöht. Der WCRF empfiehlt daher, nicht mehr als 500 g Fleisch pro Woche zu essen. Sehr wenig davon sollten verarbeitete Produkte wie Wurst oder Würstchen sein. Denn diese enthalten meist viel Fett und begünstigen damit die Gewichtszunahme.

 

Ob die Fettzufuhr an sich oder die Zufuhr tierischer Fette einen Einfluss auf das Krebsrisiko hat, ist noch nicht eindeutig geklärt. Es gibt Hinweise darauf, dass ein hoher Fettkonsum die Entstehung von Brust-, Lungen- und Dickdarmkrebs begünstigen kann. 

 

Verarbeitete Lebensmittel enthalten aber nicht nur viel Fett, sondern meist auch viel Salz. Und ein hoher Salzkonsum führt nach heutiger Datenlage »wahrscheinlich« zu Magenkrebs, warnt das WCRF. Daher sollte der Verzehr bei etwa 5 g Salz pro Tag liegen. Der Verzehr von gepökelten, stark gesalzenen oder salzigen Lebensmitteln ist zu meiden. Nahrungsmittel sollten ohne Salz haltbar gemacht werden.

 

Die Haltbarmachung spielt noch in einer anderen Hinsicht eine Rolle bei der Krebsentstehung: Bei langer Lagerung in feuchter Umgebung können Getreide und Hülsenfrüchte schimmeln. Die von bestimmten Schimmelpilzen gebildeten Aflatoxine erhöhen nachweislich das Risiko für Leberkrebs. Der Verzehr von verschimmelten Lebensmitteln ist daher unbedingt zu vermeiden.

 

Stillen schützt

 

Als erster großer Report zur Krebsprävention enthält der WCRF-Bericht die Empfehlung, dass Mütter ihre Säuglinge möglichst bis zu sechs Monate ausschließlich stillen sollten. Dies helfe sowohl der Mutter als auch dem Kind. Bei der Mutter reduziere es das Risiko für pre- und postmenopausalen Brustkrebs. Einer Studie des DKFZ zufolge ist der Schutz relativ hoch: Bei einer Gesamtstillzeit von sieben bis zwölf Monaten sinkt das Brustkrebsrisiko um 14 Prozent, bei einer Stillzeit von 13 bis 24 Monaten sogar um bis zu 42 Prozent. Das Kind profitiert vom Stillen, da es vor späterem Übergewicht schützt, einem Hauptrisikofaktor für Krebs.

Serie Ernährung

Dieser Artikel ist Teil der Serie Ernährung. Die nächste Folge zum Thema »Ernährung bei Krebserkrankungen« erscheint in PZ 44 und ist bereits am Montag, dem 26. Oktober, online verfügbar unter »Zum Thema«.

Literatur

Zweiter WCRF-Report: Ernährung, körperliche Aktivität und Krebsprävention; Eine globale Perspektive, World Cancer Reserach Fund (2007)

Deutsches Krebsforschungsinstitut: Ernährung und Krebsvorbeugung (www.dkfz.de)

Obst und Gemüse: Schutz vor Krebserkrankungen? Stellungnahme des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke

 

Buch-Empfehlungen

Unsere Autorinnen und Autoren haben eine Literaturliste mit empfehlenswerten Büchern zum Thema Ernährung zusammengestellt:

 

Ernährung allgemein

Hans-Konrad Biesalski u. a., Ernährungsmedizin (2004), Thieme Verlag

Hans-Konrad Biesalski und Peter Grimm, Taschenatlas der Ernährung (2007), Thieme Verlag

 

Kalorien/Vitamine

DGE, Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr (2008), Umschau Verlag

Ibrahim Elmadfa u. a., Die große GU Nährwert-Kalorien-Tabelle 2008/2009, Gräfe und Unzer Verlag (2008)

Nestlé Deutschland, Kalorien mundgerecht (2006), Umschau Verlag

Karl-Heinz Bässler u. a., Vitamin-Lexikon (2007), Komet-Verlag

 

Gewichtsreduktion

Alfred Wirth, Adipositas: Ätiologie, Folgekrankheiten, Diagnostik, Therapie, Springer-Verlag Berlin (2007)

Martin Wabitsch und andere, Adipositas bei Kindern und Jugendlichen: Grundlagen und Klinik (2004), Springer-Verlag

Joachim Westenhöfer, Abnehmen ab 50 (2005), Govi-Verlag

Tanja Schweig, Abnehmen und schlank bleiben (2002), Govi-Verlag

 

Diabetes mellitus

A. Liebl und E. Martin, Diabetes mellitus Typ 2 (2005), Govi-Verlag

J. Petersen-Lehmann, Diabetes heute, mehr Sicherheit und Freiheit (2003), Govi-Verlag

J. Petersen-Lehmann, Diabetes-Wissen von A bis Z (2006), Govi-Verlag

Arthur Teuscher, Gut leben mit Diabetes Typ 2 (2006), Trias Verlag

Eberhard Standl, Hellmut Mehnert, Das große Trias-Handbuch für Diabetiker (2005), Trias Verlag

Annette Bopp, Diabetes, Stiftung Warentest (2001)

 

Allergien/Intoleranzen

Andrea Betz-Hiller, Zöliakie. Mehr wissen, besser verstehen (2006), Trias Verlag

Thilo Schleip, Fructose-Intoleranz (2007), Trias Verlag

Thilo Schleip, Lactose-Intoleranz (2005), Ehrenwirth Verlag

 

Cholesterin

C. Eckert-Lill, Kampf dem Cholesterin (2003), Govi-Verlag

 

Hypertonie

M. Conradt, Blutdruck senken, der richtige Weg (2004), Govi-Verlag

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.govi.de.

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