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Chirurgie

Operation mit Schönheitsgarantie

13.10.2008  14:04 Uhr

Chirurgie

Operation mit Schönheitsgarantie

Von Gudrun Heyn, Berlin

 

Operieren ohne sichtbare Narben zu hinterlassen, das ist mit der neuen Operationsmethode NOTES möglich. Die Zahl der Kliniken, die das Verfahren anpreisen, nimmt weltweit stark zu. In Deutschland soll nun ein nationales NOTES-Register dabei helfen, Probleme frühzeitig zu erkennen.

 

Seit fast 20 Jahren gibt es einen ungebrochenen Trend in der Chirurgie: Immer kleinere Schnitte werden gemacht, um die Bildung kosmetisch verpönter Narben so gering wie möglich zu halten. Mit dem neuen minimal-invasiven Operationsverfahren NOTES (Natural Orifice Transluminal Endoscopic Surgery) scheint nun das Ziel erreicht. Mit ihm lassen sich auch Gallenblasen entfernen, ohne dass äußerlich sichtbare Narben in der Bauchdecke zurückbleiben, denn der Chirurg nutzt natürliche Körperöffnungen, um in die Bauchhöhle zu gelangen. Auch deutsche Kliniken werben im Internet inzwischen damit, dass NOTES genau so sicher ist, wie die minimal-invasive Chirurgie (MIC) oder herkömmliche Operationsmethoden. Doch noch ist die neue Technik in der klinischen Erprobung, und die Risiken sind weitgehend unbekannt.

 

»Wir fürchten einen Flächenbrand in allen Krankenhäusern wie zur Einführung der minimal-invasiven Chirurgie zu Beginn der 1980er-Jahre«, sagte Professor Dr. Heinz Buhr auf dem Kongress Viszeralmedizin 2008 in Berlin. Damals mussten alle Chirurgen damit anfangen, Patienten minimal-invasiv zu operieren, wenn sie ihr Renommee bewahren wollten. Weder mangelnde Eignung, fehlendes Training noch unausgereifte Instrumente konnten sie davon abhalten. »Viele Menschen sind so zu Schaden gekommen«, erklärte der Direktor der Chirurgischen Klinik und Poliklinik 1 der Charité. Auch Todesfälle habe es deshalb gegeben.

 

Kein Flächenbrand

 

Diesmal soll es jedoch nicht so weit kommen: Damit mögliche Probleme und Komplikationen rechtzeitig erkannt werden können, hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie ein nationales NOTES-Register ins Leben gerufen, an dem sich die Chirurgen freiwillig beteiligen können. Außerdem soll das Register einen Überblick über den klinischen Einsatz des Verfahrens in Deutschland gewähren. »Wir wollen, dass sich NOTES nicht flächendeckend unkontrolliert ausbreitet und eingreifen, wenn die Komplikationsraten zu hoch sind«, sagte Buhr.

 

Entwickelt wurde das neue Operationsverfahren im indischen Hyderabad, wo Chirurgen an Hühnern trainierten, wie man über Mund und Speiseröhre beispielsweise einen Blinddarm entfernen kann. Dabei nutzten sie ein übliches Endoskop, machten im gesunden Magen ein Loch und gelangten so in die freie Bauchhöhle. Auch über Anus und Dickdarm, über Harnröhre und Blase oder über die Vagina kann der Eingriff erfolgen, ohne die Bauchdecke zu verletzen. Inzwischen werden solche Operationen am Menschen weltweit durchgeführt. In Brasilien ist das neue Verfahren fast zum Standard geworden. Mehrere Hundert Patienten sind dort bereits behandelt worden, in den Vereinigten Staaten befassen sich sogar ganze Institute an Universitätskliniken mit NOTES.

 

In Deutschland wird die Entwicklung sehr viel kritischer verfolgt. So wird beispielsweise der Zugang über den Darm wegen der besonders großen Infektionsgefahr kaum genutzt. »Auch der Zugang über Mund und Magen ist in der Bundesrepublik derzeit noch kein Thema, um etwa eine Gallenblase zu operieren«, sagte Buhr. So gibt es bisher noch keine Instrumente, mit denen der Chirurg ohne Probleme das Organ erreichen kann. Bei einem normalen, flexiblen Endoskop fehlt nach der Passage des Magens und der daran anschließenden Drehung nach oben im freien Bauchraum die Führung. Auch der Verschluss der geöffneten Magenwand ist nach dem Rückzug der Instrumente eine Herausforderung. Bisher verwenden die Chirurgen Metallclips, die sie über das Endoskop anlegen und wie bei einem Reißverschluss verschließen. Noch unbekannt ist derzeit, ob die Heilung tatsächlich ohne Komplikationen abläuft und wie groß das Infektionsrisiko ist.

 

Vorsichtig ist man zudem bei einem Zugang über die Vagina. Da es noch keine Daten darüber gibt, ob die dort entstehenden Narben später etwa bei einer Geburt Probleme machen oder ob es möglicherweise sogar Gewebewucherungen gibt, rät man beispielsweise an der Charité jungen Frauen unter 30 Jahren von einem transvaginalen Eingriff mit NOTES ab. Diese Maßnahme ist jedoch rein präventiv und basiert nicht auf medizinisch fundierten Erkenntnissen.

 

Rund 180 chirurgische Eingriffe sind bislang im nationalen NOTES-Register erfasst. Eine erste Auswertung zeigt, dass sich vor allem der Weg von der Vagina in den Bauchraum stark durchsetzt. Seit Einführung des Registers im Februar 2008 sind rund 150 Patientinnen transvaginal an der Gallenblase operiert worden, ohne dass größere Komplikationen aufgetreten sind. Außerdem ist mit NOTES bei 15 Patienten inzwischen der Blinddarm entfernt worden. Weitere Operationen galten der Sterilisationen von Frauen durch Unterbindung der Eileiter sowie der Entfernung eines Teils des Dickdarms.

 

Im Gegensatz zu anderen Ländern wird in der Bundesrepublik jedoch kein reines NOTES-Verfahren im strengen Sinne durchgeführt. Bei dem sogenannten Hybridverfahren öffnet der Chirurg etwa in der Vagina einen Zugang zur Bauchhöhle und setzt zusätzlich von außen einen 0,5 cm großen Schnitt in die Bauchdecke auf Höhe des Bauchnabels, um auch von dort ein Instrument einzuführen. Patienten, denen auf diese Weise Blinddarm oder Gallenblase entfernt wird, haben später zwei Narben weniger als bei einem normalen MIC-Eingriff, bei dem ein 1 bis 2 cm großer Schnitt im Bereich des Nabels und zwei weitere Schnitte von 0,5 und 1 cm im Bereich des Rippenbogens Routine sind.

 

Doch nicht nur Patienten, die Wert auf einen möglichst narbenfreien Bauch legen, profitieren von NOTES. So ist auch der Benefit für Ärzte unbestritten, die es sich ersparen wollen, bei besonders fettleibigen Patienten durch dicke Fettschichten schneiden zu müssen. Erwartet werden zudem kürzere Liegezeiten im Krankenhaus und große Fortschritte bei der Entwicklung neuer Instrumente. So wird weltweit an verschiedensten Geräten gearbeitet, die eine schonende Eröffnung und einen schonenden Verschluss der Magenwand ermöglichen. Endoskopie-Experten, wie Professor Dr. Helmut Messmann vom Klinikum Augsburg, gehen bereits jetzt davon aus, dass die neuen Instrumente auch bei einer normalen Magenspiegelung oder bei der Entfernung von Polypen im Colon in Zukunft nützlich sein werden.

NOTES-Register

Im Februar 2008 hat die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie das NOTES-Register ins Leben gerufen. Jede Klinik im deutschsprachigen Raum, die dieses Verfahren durchführt, kann sich unter www.dgav.de/notes registrieren lassen.

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