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Patienteninformation

Ein Gegengewicht schaffen

13.10.2008  14:04 Uhr

Patienteninformation

Ein Gegengewicht schaffen

Von Daniel Rücker

 

Gemeinsam mit anderen Organisationen im Gesundheitswesen wollen die Apotheker die Beratung zu rezeptpflichtigen Arzneimitteln ausbauen. ABDA-Vizepräsident Friedemann Schmidt sieht darin eine zentrale Aufgabe, die allerdings die Arbeitsabläufe in den Apotheken erheblich verändern kann.

 

PZ:Die ABDA hat mit Verbänden der Ärzteschaft, den Verbraucherschützern, dem Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA), dem Bundesgesundheitsministerium und anderen Organisationen vereinbart, die Patienten in Zukunft noch besser über verschreibungspflichtige Medikamente zu informieren. Was ist der Hintergrund?

Schmidt: Die Europäische Kommission will die Regelungen zur Information lockern. Das könnte bedeuten, dass sich die Industrie in Zukunft auch bei verschreibungspflichtigen Medikamenten direkt an die Patienten wenden darf. Wir sehen dies mit großer Skepsis. Wir haben deshalb Kontakt aufgenommen mit den Institutionen, die an einer neutralen Information der Patienten interessiert sind, und einen Runden Tisch installiert. So wollen wir ein Gegengewicht zu den Bemühungen der Industrie schaffen.

 

PZ:Geht es bei dem Vorhaben der Europäischen Kommission primär um Information oder um Werbung?

Schmidt: Das lässt sich nach meiner Überzeugung nicht trennen. Wenn man sich die heutigen englischsprachigen Angebote vieler pharmazeutischer Unternehmen im Internet ansieht oder die nur scheinbar neutralen deutschsprachigen Websites der Industrie zu einzelnen Indikationen, dann erkennt man doch, dass es hier keinesfalls ausschließlich um Information geht.

 

Auf der anderen Seite erheben wir Apotheker gemeinsam mit der Ärzteschaft natürlich den Anspruch, dass wir die Informationsstelle für alle Arzneimittel sind. Wir möchten nicht, dass es noch eine weitere Quelle gibt, die zudem ein anderes Interesse verfolgt. Mehrere sich widersprechende Informationsquellen würden das Vertrauen der Patienten in die Medikamente schmälern.

 

PZ:Das bedeutet, dass Sie zwei Ziele verfolgen? Sie wollen die Beratung verbessern und gleichzeitig verhindern, dass die Industrie stärker Einfluss auf die Patienten nehmen darf?

Schmidt: Anders kann es ja auch nicht gehen. Die Patienten haben ja unstreitig einen Informationsbedarf. Da sind wir uns mit der Industrie sogar einig. Wir sagen aber, dass nicht die pharmazeutische Industrie selbst, sondern die Heilberufe diesen Bedarf befriedigen müssen.

 

PZ:Heißt dies, dass die Information in den Apotheken ausgebaut werden soll oder wird es ein neues Medium geben, das sich direkt an die Patienten wendet?

Schmidt: Beides. Die eigentlich wichtigen, individualisierten Informationen wird es immer nur in der Apotheke geben. Daneben muss es aber auch eine Möglichkeit für die Patienten geben, sich im Internet zu informieren. Ich bin der Überzeugung, dass das Internet eine wichtige Anlaufstelle ist, aber niemals den Apotheker ersetzen kann. Im Gegenteil: Die Patienten lesen etwas im Internet und gehen dann in die Apotheke, um sich die Information im Detail erklären zu lassen.

 

Wir müssen aber das Rad nicht neu erfinden. Es ist nicht zwingend notwendig, ein weiteres Portal der Apotheker aufzubauen. Wir versuchen zurzeit, uns in Informationsportale, etwa der Ärzte oder der Verbraucherschützer, einzuklinken. Wir sind bereits in Gesprächen mit der Ärzteschaft und kommen auch gut voran. Wir haben auch mit der Stiftung Warentest gesprochen. Doch die ist eher zurückhaltend. Sie ist stark an Alleinstellung interessiert.

 

PZ:Das Konzept wird aber nur dann einen Erfolg haben, wenn die Patienten gute Antworten auf ihre Fragen erhalten. Wollen Sie dafür zusätzliche Fortbildungen anbieten oder werden neue Informationsmaterialien für Apotheker entwickelt?

Schmidt: Eine gute Beratung hängt meiner Meinung nach von zwei Faktoren ab: Die Apotheker brauchen das notwendige Fachwissen - da habe ich keine Sorgen. Unsere Ausbildung und die zahlreichen Fortbildungsangebote, die es heute gibt, reichen dafür aus. Genauso wichtig ist aber auch die Informationsvermittlung. Hier gibt es noch Defizite. Wir müssen es schaffen, die komplexe Beratung zu verschreibungspflichtigen Arzneimitteln in den Apothekenalltag zu integrieren.

 

Das ist nicht ganz einfach. Eine angemessene Beratung zu einem verschreibungspflichtigen Arzneimittel geht womöglich über das hinaus, was bei der Rezepteinlösung möglich ist. Ich glaube auch nicht, dass diese Aufgabe delegierbar ist. Wir müssen deshalb darüber nachdenken, welche Umgebung, welcher Zeitrahmen geeignet ist für eine solche Beratung. Das kann auch bedeuten, dass Apotheker in diesen Fällen Termine vergeben. Die Ärzte haben übrigens dieselben Probleme.

 

PZ:Das hört sich nach einer langfristigen Aufgabe an.

Schmidt: Ja. Ich bin aber der Meinung, dass wir gar nicht darum herumkommen. Wenn wir uns Gedanken über die Arzneimittelversorgung der Zukunft machen, dann müssen wir uns auch fragen, wie die Beratung aussehen soll. Das bedeutet ganz sicher auch, dass wir neue Wege prüfen und beschreiten müssen. Ich glaube nicht, dass wir auch in Zukunft unsere gesamte Leistung in den einen Patientenkontakt hineinpacken können. Damit wären wir überfordert.

 

PZ:Das alles ist ja nicht unaufwendig. Wie viel Zeit wollen Sie sich geben, bis es erste Resultate gibt, die auch in den Apotheken wahrgenommen werden?

Schmidt: Das Informationsportal für verschreibungspflichtige Arzneimittel muss es schnell geben. Hier laufen die Gespräche ja auch schon einige Zeit und wir sind schon sehr nahe beieinander. Ich denke, dass wir in den nächsten Monaten ein Modell fertig haben und im nächsten Jahr an den Start gehen werden. Das müssen wir auch, denn die Entscheidung der EU-Kommission wird bald fallen. Die Industrie wird sicher keine Sekunde zögern, die für sie gangbaren Wege einzuschlagen.

 

Die Debatte über die Beratung in der Apotheke muss sicher auch bald begonnen werden, sie dürfte aber länger dauern. In jedem Fall sollte diese Debatte in eine umfassende Diskussion über die Indikatoren der Qualität in Apotheken eingebettet sein. Wir werden definieren, welche Leistungen zur Versorgung mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln in den Apotheken gehören. Anschließen wird es darum gehen, diese Leistungen in die Arbeit zu implementieren.

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