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Digitale Medizin

»Der Mehrwert muss deutlich werden«

10.10.2016
Datenschutz bei der PZ

Von Ulrike Abel-Wanek / Jens Spahn war 13 Jahre lang Mitglied im Ausschuss für Gesundheit des Deutschen Bundestages, davon sechs als gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion. Die PZ sprach mit ihm über sein jetzt erschienenes Buch »App vom Arzt« und den Stellenwert digitaler Medizin für eine bessere Gesundheit.

PZ: Eine provokative These Ihres Buches lautet: Datenschutz ist etwas für Gesunde. Was meinen Sie damit?

 

Spahn: Wer gesund ist, macht sich selten viele Gedanken darüber, was ist, wenn man doch mal Hilfe benötigt. Stellen Sie sich vor, Sie sind im Krankenhaus und werden nach Ihren Vorerkrankungen gefragt, nach Medikamenten, Unverträglichkeiten, Ihrem Impfstatus oder den letzten Röntgenbildern. 

 

Die meisten Menschen haben das nicht alles im Kopf. Für eine sichere medi­zinische Versorgung wäre es deshalb einfacher, wenn diese Informationen über eine digitale Patientenakte abrufbar wären. Besonders wichtig ist das bei chronisch Kranken. Oder denken Sie im schlimmsten Fall an einen Unfall, und der Notarzt kennt noch nicht einmal Ihre Blutgruppe.

 

In Deutschland herrscht in weiten Teilen eine fast schon schizophrene Daten­hysterie. Wir sind viele Stunden täglich auf Facebook, Twitter oder Instagram unterwegs – und diese Unternehmen wissen oft mehr über uns als unsere Partner oder Familien. Wenn es aber um das Wissen über unsere Gesundheit geht, das von Ärzten und Apothekern erfasst wird, ist das Unbehagen groß. Wer ernsthaft krank ist, wird sich auch fragen, ob ein besseres Datenmanagement nicht auch eine bessere Behandlung und größere Heilungschancen zur Folge hätte. Mit dem Buch möchten wir diese Hysterie aufbrechen. Und anregen, darüber nachzudenken, ob ein gut funktionierender, sicherer Datenaustausch im Gesundheitssystem und damit die bessere Abstimmung zwischen Arzt, Apotheker und Krankenhaus nicht eher Verbesserungen für die Patienten bringen – durch für alle Beteiligten verfügbare Informationen und mehr Transparenz. Auch die Forschung würde davon profitieren.

 

PZ: Die nun zehnjährigen Bemühungen um Einführung der elektronischen Gesundheitskarte zeigen die Angst vor dem gläsernen Patienten deutlich. Wie ließe sich das ändern?

 

Spahn: Wenn alle Beteiligten merken, dass Therapien durch Informationsaustausch besser werden und sich der Arbeitsalltag vereinfacht, wird die Akzeptanz auch besser. Der Mehrwert muss deutlich werden. Das funktioniert nicht von heute auf morgen. So lange Arztbriefe und Rezepte noch auf Papier geschrieben und gedruckt werden, statt die Daten auf einer elektronischen Pa­tientenakte zu speichern, kommen wir nicht weiter. Aus der Sicherheitsperspektive betrachtet halte ich es sogar für fragwürdig, sensible Gesundheitsdaten und Diagnosen per Mail oder Fax hin und her zu senden. Da können Sie genauso gut eine Postkarte schicken. Die kann auch jeder lesen.

 

PZ: Sie sind Befürworter der Online-Sprechstunde, ein Thema, über das sich die Ärzteschaft heftig streitet. Welche Vorteile sehen Sie in der Fernbehandlung von Patienten?

 

Spahn: 50 bis 70 Prozent der Arztbesuche drehen sich um einfache Nach­fragen des Patienten, die gut per ­kurzer Online-Sprechstunde über Smart­phone oder Computer beantwortet werden können – von einem Arzt, der gerade Zeit hat und der auch nicht unbedingt vor Ort ansässig sein muss. Rechtlich und technisch ist es möglich, sicher­zustellen, dass es sich auch wirklich um einen Arzt handelt, mit dem ich da ­online spreche. So könnte eine sichere Alternative zu all den anderen Anbietern geschaffen werden, die sich mit wenig nachvollziehbaren Qualitätskriterien massiv in den Gesundheitsmarkt drängen. Viele Patienten nutzen diese Angebote, das sieht man an den hohen Zugriffszahlen. Wir sollten diese starke Nachfrage mit qualitäts­basierten Online-Sprechstunden stillen. Das entlastet außerdem Ärzte und Apotheker, die sich dann mehr auf wirklich wichtige Fragen, Bera­tungen und Behandlungen konzentrieren können.

 

PZ: Seit dem 1. Oktober gibt es für gesetzlich Versicherte, die mehr als drei verschreibungspflichtige Arzneimittel einnehmen, einen Medikationsplan vom Hausarzt – zunächst in Papierform. Ihrer Forderung nach Vernetzung wird der vermutlich nicht gerecht?

 

Spahn: Der Medikationsplan ist eine gute Sache und ich würde mich freuen, wenn er jetzt schnell für alle spürbar umgesetzt wird, und zwar digital. Jährlich sterben in Deutschland mehr Menschen an falsch aufeinander abgestimmten Medikamenten als im Straßenverkehr. Das wäre zu vermeiden, wenn Ärzte und Apotheker wissen, auf welche Medikamente ihre Pa­tienten eingestellt sind. Vor einer Operation oder bei einigen akuten Erkrankungen setzt man zum Beispiel bestimmte Arzneimittel besser ab – solche Entscheidungen können blitzschnell mithilfe des elektronischen Medikations­plans getroffen werden.

 

PZ: Sie prognostizieren das Ende des Arzneimittels, wie wir es kennen. Was ist die Alternative?

 

Spahn: Eine personalisierte Medizin, die ganz auf den Einzelnen zugeschnitten ist, auf seine genetische Veranlagung und sein Krankheitsbild, anstelle von Arzneimitteln, die nach dem Prinzip »one size fits all« hergestellt werden. Wir kennen das heute schon von Zytostatika. Bislang werden erst etwa 30 Medikamente in Deutschland »personalisiert«. Doch jedes Jahr kommen weitere hinzu, weil man mithilfe von Big Data Millionen von Datensätzen verschiedener Patienten mit ähnlichen Krankheitsbildern abgleichen kann, die zeigen, welcher Wirkstoff bei einer bestimmten Person wirkt und welcher nicht. Ich kann mir vorstellen, dass auch Apotheker hier eine noch aktivere Rolle bei der Arzneimittelherstellung bekommen.

 

PZ: Sie beschreiben Hochleistungscomputer, die das Berufsbild von Arzt und Apothekern verändern werden und sprechen von einem Duell »Mensch gegen Maschine«. Was ist mit Empathie, Vertrauen und Menschlichkeit im Umgang mit Kranken?

 

Spahn: Das eine schließt das andere nicht aus. Algorithmen können innerhalb von Sekunden 10 000 Studien vergleichen und auswerten – das kann kein Arzt. Aber er muss wissen und lesen können, was der Computer auswirft und auf die persönliche Situation seiner Patienten übertragen. Im Idealfall führt das Mehr an Technik im Hintergrund dazu, dass »vorne« mit dem Patienten mehr Zeit bleibt für Gespräche, Empathie und Hilfe. Es geht hier nicht um einen Gegensatz, sondern um ein gutes Zusammenspiel und eine sinnvolle Ergänzung.

 

PZ: Gesundheits-Apps schießen wie Pilze aus dem Boden. Es gibt mittlerweile mehrere Hunderttausend. Sie stellen einige in Ihrem Buch vor. Bleibt bei der Menge nicht die Qualität auf der Strecke?

 

Spahn: Natürlich müssen sich Apps Qualitätskriterien stellen wie beispielsweise Medizinprodukte auch. Dann können sie durchaus hilfreich sein. Man kann zum Beispiel Hautveränderungen oder Leberflecken fotografieren und an den Arzt schicken, der daraufhin eine Behandlung empfiehlt. Vieles ist noch nicht perfekt, aber wenn man sieht, was sich in kurzer Zeit hier entwickelt hat, dann ahnt man, was in fünf oder zehn Jahren möglich sein wird. Entweder, wir sind jetzt vorne mit dabei oder wir kaufen alles aus dem Silicon Valley. Mir wäre es lieber, wir gestalten die Entwicklung aus Deutschland aktiv mit.

 

PZ: Mehr Lebensqualität, bessere Gesundheit bis ins hohe Alter und ein sinnvoller Einsatz der Krankenkassenbeiträge: So fassen Sie Ihre Visionen von einer digitalen Medizin zusammen. Wen wollen Sie mit dem Buch erreichen?

 

Spahn: Gemeinsam mit Professor Debatin und Dr. Müschenich will ich aufzeigen, was gerade auf dem Gesundheitsmarkt passiert und welche Veränderungen durch die Digitalisierung zu erwarten sind. Die Zielgruppe sind Laien und Patienten, aber ich freue mich auch über jeden Fachmann, der das Buch liest. Wir fokussieren uns in Deutschland viel auf Bedenken und Probleme – die darf man nicht außer Acht lassen. Aber wir reden noch viel zu wenig über die Chancen und die Möglichkeiten der Digitalisierung. Das muss sich ändern. /

Buchtipp

Die Autoren Jens Spahn, Markus Müschenich und Jörg F. ­Debatin beschreiben in ihrem Buch die praktische Seite der medizinischen Revolution, deren Beginn wir gerade erleben. Sie zeigen, wie der Arzt der Zukunft arbeitet, welche Rolle Datenschutz spielt und was das für die Patienten bedeutet.

 

Jens Spahn, Markus Müschenich, Jörg F. Debatin:
App vom Arzt. Bessere Gesundheit durch digitale Medizin
Herder, 2016, gebunden, 144 Seiten,

ISBN-13: 978-3-451-37508-8,

EUR 16,99

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