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Zwillingsstudien

Gene und Umwelt im Duett

07.10.2015
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Von Hannelore Gießen / Was ist bei der Ausprägung von Merkmalen eines Menschen wichtiger: Erbgut oder Umwelt? Dieser alten Streitfrage gingen Forscher um Professor Dr. Danielle Posthuma von der Freien Universität Amsterdam in einer Metaanalyse nach, die nun in »Nature Genetics« veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler siebten aus der Literatur der letzten 50 Jahre insgesamt 2748 Zwillingsstudien heraus.

Zwillingsstudien stützen sich auf den Vergleich von eineiigen Zwillingen, die nahezu ihr gesamtes Erbgut teilen, mit zweieiigen, deren Gene sich nur zur Hälfte gleichen. Zeigt eine Studie beispielsweise, dass sich zweieiige Zwillinge untereinander in der Größe deutlicher unterscheiden als ihr eineiiges Pendant, spielen offensichtlich Gene eine Rolle. Die Variation zwischen eineiigen Zwillingen ist da­gegen eher auf Umwelteffekte zurückzuführen.

In jeder Studie wurden verschiedene Eigenschaften, Verhaltensweisen, aber auch Erkrankungen untersucht, insgesamt 17 804 Parameter. Das überraschende Ergebnis: Nicht ein Merkmal wies überhaupt keinen genetischen Anteil auf. Im Durchschnitt waren an den Unterschieden zwischen den beiden Gruppen Gene und Umweltfaktoren 50 zu 50 beteiligt, berichten die Forscher (DOI: 10.1038/ng.3285).An der Körpergröße sind zum Beispiel Gene zu 63 Prozent und Umwelt­einflüsse zu 37 Prozent beteiligt. Bei der Ausprägung der Stimme spielen die Gene mit 15 Prozent nur eine geringe Rolle, während die Umwelt mit 85 Prozent deutlich wichtiger ist. Die Entwicklung von Bluthochdruck wird der Analyse zufolge zu 47 Prozent über Gene und zu 53 Prozent über die Umwelt bestimmt.

 

Allerdings konzentrierte sich die große Mehrheit der Studien auf wenige Merkmale. Fragen zur Persönlichkeit, zum Intellekt und zu psychischen Störungen machten fast 60 Prozent aller untersuchten Merkmale aus. Kaum oder gar nicht untersucht wurden Krankheiten wie Morbus Crohn, Morbus Parkinson oder Amyotrophe Lateralsklerose. Auch Gensequenzen, von denen bekannt ist, dass sie charakteristisch für die normale Entwicklung sind, waren mit 1 Prozent deutlich unterrepräsentiert. Entsprechend zeige die Metaanalyse auch, wo noch erheblicher Forschungsbedarf bestehe, erklären die Wissenschaftler. /

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