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Schwangerschaft

Diabetes im Schlaf vorbeugen

08.10.2013
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Von Christine Hutterer / Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes erkranken in der Folge häufiger an Typ-2-Diabetes. Neben bekannten Risikofaktoren gerät zunehmend auch die Bedeutung des Schlafes ins Blickfeld der Wissenschaft.

Frauen, die während der Schwangerschaft unter Gestationsdiabetes (GDM) leiden, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, in den folgenden Jahren an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Die genauen Gründe dafür sind noch nicht bekannt, allerdings gibt es pathophysiologische Ähnlichkeiten: Beide Diabetesformen kennzeichnet eine zunehmende Insulinresistenz mit abfallender β-Zellkompensation.

Risikofaktoren für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes nach GDM sind Adipositas, insulinbehandelter GDM und die Zahl vorheriger Schwangerschaften. Daneben spielen auch eine erbliche Komponente sowie Bewegungsmangel eine Rolle. Darüber hi­naus wird seit einigen Jahren daran geforscht, wie Dauer und Qualität des Schlafes den Zuckerstoffwechsel und damit die Entstehung eines Typ-2-Diabetes beeinflussen.

 

Auch die Arbeitsgruppe von Professor Dr. Jochen Seißler von der Ludwig-Maximilians-Universität in München forscht in Zusammenarbeit mit dem Helmholtz Zentrum München in diese Richtung. »Wir glauben, dass zu wenig oder häufig unterbrochener Schlaf bei Personen mit einem Risiko für Diabetes die Glucosetoleranz zusätzlich verschlechtern kann«, erklärt Dr. Andreas Lechner, stellvertretender Leiter der Arbeitsgruppe, gegenüber der PZ. Eine im Fachjournal »BMC Womens Health« erschienene Studie zeigte beispielsweise, dass Schwangere, die regelmäßig nur vier oder weniger Stunden schliefen, ein mehr als fünffach höheres Risiko für GDM hatten als Frauen mit circa neun Stunden Schlaf pro Nacht (doi: 10.1186/1472-6874-10-17).

 

Schlafmangel beeinflusst Glucosestoffwechsel

 

Zahlreiche Studien aus den letzten Jahren an gesunden Personen konnten zeigen, dass Schlafmangel einen großen Einfluss auf den Glucosestoffwechsel und die Insulinresistenz hat. Die Glucoseclearance, also die Entfernung der Glucose aus dem Blutplasma durch den Stoffwechsel insulinabhängiger Gewebe, erfolgt bei gesunden Männern unter Schlafmangel bis zu 40 Prozent niedriger. Auch die Insulinantwort fällt 30 Prozent geringer aus als bei ausreichendem Schlaf, wie eine Studie in »The Lancet« ergab (doi: 10.1016/S0140-6736(99)01376-8). Zudem werden abends erhöhte Cortisolwerte gefunden, was darauf hindeutet, dass die Feedback-Regulierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse gestört ist. Ebenso scheint ein Missverhältnis zwischen sympathischem und parasympathischem Tonus zu bestehen. Als Folge ist die Antwort der β-Zellen der Langerhans-Inseln unter Schlafmangel herabgesetzt – mit negativen Effekten für die Blutdruckregulierung, Herz- und Nierenfunktion.

Frauen mit Baby oder Kleinkindern haben in aller Regel in den ersten Lebensjahren des Kindes eher zu wenig und häufig unterbrochenen Schlaf. Liegt nun aufgrund einer Prädisposition eine Tendenz zur Insulinresistenz vor, so könnte der chronisch schlechte Schlaf das Zünglein an der Waage sein.

 

Die Zahl der Gestationsdiabetes-Fälle ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen. Das liegt daran, dass heute mehr Frauen Risikofaktoren wie Übergewicht aufweisen. Dazu kommen Fälle von Diabetes oder GDM in der Familie und das polyzystische Ovarialsyndrom. Außerdem steigt das durchschnittliche Alter bei Schwangerschaften, was Störungen des Zuckerstoffwechsels wahrscheinlicher macht. Auch ist heute die Diagnostik besser und über flächendeckende Screeningprogramme werden auch leichtere Erkrankungsformen aufgedeckt.

 

Eine 2006 im Fachjournal »Diabetes« publizierte Untersuchung von Professor Dr. Anette-Gabriele Ziegler von der Technischen Universität München ergab, dass 61 von 100 Frauen mit insulinbehandeltem Schwangerschafts­diabetes innerhalb von drei Jahren nach der Entbindung einen Typ-2-Diabetes entwickeln (doi: 10.2337/diabetes.55. 03.06.db05-0746). Diese Ergebnisse beruhen auf Schwangerschaften der Jahre 1989 bis 1999. Es gibt jedoch auch zahlreiche leichtere Erkrankungen, die nicht mit Insulin behandelt werden müssen und mit einem deutlich niedrigeren Typ-2-Diabetesrisiko einhergehen. »Für heute diagnostizierte GDM-Fälle dürfte das mittelfristige Risiko, an einem permanenten Diabetes zu erkranken, generell etwas niedriger liegen«, schätzt Lechner, da nun eben auch leichtere Erkrankungen diagnostiziert und behandelt würden. Im Rahmen einer prospektiven Beobachtungsstudie, in der Frauen nach einem Gestationsdiabetes mehrere Jahre nachverfolgt werden, sammelt die Münchner Arbeitsgruppe gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung aktuelle Daten zu dieser Frage.

 

Was können Frauen tun, um einem Schwangerschaftsdiabetes vorzubeugen? »Übergewichtige Frauen sollten möglichst vor einer Schwangerschaft ihr Gewicht reduzieren und zudem in der Schwangerschaft gemeinsam mit dem Arzt darauf achten, dass die Gewichtszunahme nicht zu groß ist«, erklärt Lechner. Weiterhin sei es wichtig, möglichst die komplette Schwangerschaft über körperlich aktiv zu bleiben, soweit dies aus geburtshilflicher Sicht möglich ist. Bei Frauen mit Risikofaktoren für einen GDM soll bereits in der Frühschwangerschaft der Nüchternblutzucker gemessen werden, um einen bereits vorbestehenden, unentdeckten Diabetes auszuschließen.

 

Screening für alle Schwangeren

 

Unabhängig vom individuellen Risiko wird allen Frauen in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche ein Screeningtest mit 50 g Glucose empfohlen. Dieser erfolgt in der Regel beim Frauenarzt und wird von der Krankenkasse bezahlt. Ist dieser Test auffällig, folgt ein standardisierter Zuckerbelastungstest mit 75 g Glucose (oGTT). Wird ein GDM festgestellt, so wird die Schwangere je nach Schwere der Erkrankung mit Diät und gegebenenfalls einer Insulintherapie behandelt. Auch die Überwachung mit Ultraschall und Kardiotokografie erfolgt engmaschiger.

 

In den folgenden Jahren sollten betroffene Frauen Risikofaktoren minimieren, indem sie ihr Gewicht reduzieren, regelmäßig Sport treiben, sich ausgewogen ernähren und möglichst Raum für ausreichend Schlaf und Erholung gewährleisten. Auch Kontroll­untersuchungen mittels oGTT sollten in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen. /

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