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Frauen an der Flasche

12.10.2010
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Von Conny Becker, Berlin / Alkoholabhängigkeit wird im Allgemeinen als typisch männliches Problem gesehen. Dass diese Annahme revidiert werden muss, stellte nun die Drogenbeauftragte der Bundesregierung klar. Ein großes Problem sehen Experten bei trinkenden Müttern.

»Lange Zeit sind wir davon ausgegangen, dass Alkoholabhängigkeit ein typisch männliches Problem ist, doch heute wissen wir, dass es zu einem beträchtlichen Teil auch Frauen betrifft«, berichtete die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, anlässlich ihrer Jahrestagung zum Thema »Alkohol – für Frauen (k)ein Problem?« in Berlin. Neben rund einer Million Männer sind nach Erhebungen des Münchner Instituts für Therapieforschung in Deutschland 370 000 Frauen alkoholabhängig, was bislang statistisch nicht umfassend ausgewertet wurde. Ein riskanter Alkoholkonsum tritt vor allem bei Frauen im Alter von 10 bis 20 Jahren und von 40 bis 59 Jahren auf.

Besorgniserregend sei der Anstieg von exzessivem Trinken bei Kindern und Jugendlichen, zumal es bei einem frühen Auftreten von Alkoholproblemen schwierig ist, diese im Erwachsenen­alter zu beheben. »Der Trend des exzessiven Trinkens bei Jugendlichen setzt sich fort. Wir sind besorgt, dass es jetzt auch so viele Mädchen betrifft«, sagte Dyckmans. Die Zahl der 10- bis 15-jährigen Mädchen, die wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt wurden, sei zwischen 2000 und 2008 um 26,3 Prozent gestiegen und übertraf mit insgesamt 2400 Fällen die Zahl der Jungen deutlich (2100 Fälle).

 

Akademikerinnen als Risikogruppe

 

Während der Alkoholkonsum bei Jugendlichen seit einigen Jahren verstärkt im Fokus von Erhebungen und Studien steht, wurde der Risikogruppe von Frauen im mittleren Alter bisher wenig Beachtung geschenkt. Allerdings konsumiert jede fünfte Frau im Alter von 45 bis 54 Jahren eine gesundheitsgefährdende Menge von mehr als 12 g Alkohol pro Tag und überschreitet damit die tolerierbare obere Alkoholzufuhrmenge. Dabei hängt das Trinkverhalten stark vom sozioökonomischen Status der Frauen ab: Während 9 Prozent der Frauen mit geringem Bildungsniveau angibt, täglich mehr als 10 g Alkohol zu konsumieren, so sind dies in der mittleren Gruppe 14 Prozent und in der Gruppe mit hohem sozioökonomischen Status sogar 30 Prozent (1). Offensichtlich ist der deutliche Unterschied an den jeweiligen durchschnittlichen Weinkonsum gekoppelt. Denn dieser liegt in der Gruppe der Frauen mit hohem Bildungsabschluss fünfmal höher als in der Gruppe mit geringem sozioökonomischen Status; der Bierkonsum dagegen zeigt sich nur leicht verändert (2). Konkrete Erklärungen für das unterschiedliche Trinkverhalten gebe es bislang nicht, weitere Untersuchungen seien notwendig, so die Drogenbeauftragte. Plausibel scheint jedoch, dass besser situierte berufstätige Frauen durch ihre gesellschaftlichen Aktivitäten häufiger in den Kontakt mit Alkohol kommen und möglicherweise auch zur Stressbewältigung trinken. Zudem wurde in der Vergangenheit immer wieder der gesundheitliche Nutzen von moderatem Alkoholkonsum propagiert, was vielen als Rechtfertigung dienen könnte. Allerdings wird die Grenze von einem akzeptablen Weinkonsum (0,125 l pro Tag) schnell überschritten, nicht zuletzt da in Gaststätten häufig nur in Gläsern mit 0,2 l ausgeschenkt wird. Frauen sollten jedoch wissen, dass sich schon ab 12 g Alkohol pro Tag das Risiko für Leberzirrhose und Tumore im Aerodigestivtrakt, aber auch für Brustkrebs deutlich erhöht.

 

Ein Großteil der von Dyckmans präsentierten Zahlen ist allerdings keineswegs neu. Bereits der »Bundes-Gesundheitssurvey: Alkohol« aus dem Jahr 2003 hat letztere Sachverhalte vor Augen geführt. Jetzt müssen die angekündigten spezifischen Präventionsprogramme folgen, um genderspezifisch auf die Probleme von Mädchen, Frauen mittleren Alters und Müttern einzugehen.

 

Abhängige Mütter als Gefahr

 

In der Schwangerschaft sollte Alkohol ein absolutes Tabu sein, was aber laut Dyckmans keineswegs der Realität entspricht: »Nur zwei von zehn Frauen schaffen es, ganz auf Alkohol zu verzichten.« Damit setzen Schwangere ihr Ungeborenes der Gefahr eines fetalen Alkoholsyndroms aus. Dies betrifft in Deutschland nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung jährlich 2000 Neugeborene (2). Die Kinder weisen typischerweise ein geringes Geburtsgewicht auf, körperliche Missbildungen wie Nierenschäden, Herzfehler oder Verformungen im Gesicht sowie Verhaltensstörungen und Defizite in der geistigen Entwicklung. Die schweren alkoholbedingten Folgeschäden sind meist nicht heilbar, sodass viele Kinder lebenslang auf fremde Hilfe angewiesen sind. Weitere 8000 Babys werden da­rüber hinaus mit sogenannten Alkoholeffekten geboren, die das Gehirn der Kinder betreffen und sich in intellektuellen und motorischen Fehlentwicklungen und Entwicklungsverzögerungen äußern.

Doch auch nach der Schwangerschaft kann der Alkoholkonsum der Mutter eine gravierende Rolle für die Entwicklung des Kindes spielen. Wie der Leiter des Deutschen Instituts für Sucht- und Präventionsforschung, Professor Dr. Michael Klein, erläuterte, entwickeln 33 bis 40 Prozent der Kinder alkoholabhängiger Eltern selber eine substanzbezogene Suchterkrankung. Ein weiteres Drittel weise psychische Störungen wie Depressionen, Ängste oder Persönlichkeitsstörungen auf. Auffällig sind hierbei die geschlechtsspezifischen Unterschiede hinsichtlich Stressempfinden und Bewältigungsverhalten: Während das Risiko für eine Alkoholabhängigkeit bei Söhnen nur um den Faktor zwei respektive drei erhöht ist, wenn der Vater beziehungsweise die Mutter Alkoholprobleme zeigen, so ist es bei Töchtern um den Faktor 9 beziehungsweise 16 gesteigert. Klein führte aus, dass Jungen sich eher gleichgültig zeigen oder andere Bewältigungsstrategien an den Tag legen, Mädchen dagegen tendieren zu internalisierenden Copingstrategien und damit zu depressiven Verstimmungen bis hin zu selbstschädigendem Verhalten und vor allem auch Alkoholproblemen. So ergab das Kölner Jugendmonitoring 2008 mit mehr als 2000 Mädchen mit einem durchschnittlichen Alter von 14,2 Jahren, dass in der Gruppe der Mädchen, deren Mütter ein Alkoholproblem aufwiesen, 80 Prozent bereits einmal eine Betrunkenheitserfahrung gemacht hatten, verglichen mit 40 Prozent bei gleichaltrigen betroffenen Jungen. Daher seien gerade bei Mädchen in suchtbelasteten Familien frühe und selektive Präventionsmaßnahmen nötig, forderte der Suchtexperte. /

Literatur

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Robert-Koch-Institut, Bundes-Gesundheitssurvey: Alkohol, Berlin 2003.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Auf dein Wohl, mein Kind. Ein Ratgeber zum Thema Alkohol für werdende Eltern. Köln 2009.

 

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