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Blinde Schüler, gute Aussichten

06.10.2008
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Blinde Schüler, gute Aussichten

Von Ulrike Abel-Wanek, Marburg

 

Rund 145.000 blinde und 500.000 sehbehinderte Menschen leben in Deutschland, etwa 8000 sind jünger als 19 Jahre. Viele dieser Kinder und Jugendlichen sind begabt und wollen Abitur machen, brauchen dafür aber speziell eingerichtete Arbeitsplätze. Die finden sie in der Blindenstudienanstalt in Marburg.

 

»Wir sind doch ganz normale Schüler,« sagt die 15-jährige Lara, während ihre Finger flink über eine Folie mit Braille-Schrift gleiten. Sie und ihre acht Mitschüler der achten Klasse der Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg und ihr Biologielehrer Helmut Karges sprechen heute über das Thema »Rauchen«. Was Teer, Nikotin und Kohlenmonoxid in Bronchien, Lunge oder Blutgefäßen anrichten, »sehen« die 14- und 15-jährigen Jungen und Mädchen unter anderem auf speziellen Folien mit Texten und Schaubildern in Punkt-Schrift, die Louis Braille 1825 erfand. Lara ist blind, ihre Mitschüler haben noch eine Sehkraft zwischen etwa 3 und 27 Prozent. Mandy sitzt an einem speziellen Lesegerät, das wie ein Overhead-Projektor, riesige Buchstaben auf den Bildschirm projiziert. Max hält sich eine DIN-A-4-Fotokopie mit Schwarzschrift dicht vor die Augen. »Ganz normale Schüler«, die ernsthaft über Raucherlungen diskutieren, sich wie alle Jugendlichen über das Pausenklingeln und auf die Herbstferien freuen, die aber deutlich schlechter sehen können, als viele ihrer Altersgenossen auf den Regelschulen.

 

Die Ursachen für Sehbehinderung und Blindheit sind vielfältig. Zwar kommen Menschen selten ganz blind zur Welt, aber frühe Augenerkrankungen wie das angeborene Glaukom oder die Frühgeborenen-Retinopathie können trotz heute guter Behandlungsmöglichkeiten das Sehvermögen stark beeinträchtigen. Anfänglich noch recht gutes Sehen entwickelt sich bei einigen Betroffenen auch dramatisch zurück. Ein Beispiel ist die Retinopathia pigmentosa, bei der es zum Absterben der Netzhaut kommt. Gut ein Drittel der rund 280 Blista-Schüler besuchte vorher die normale Regelschule, nicht immer waren ihre Erfahrungen positiv, bevor sie nach Marburg kamen. Meistens nach der Verschlechterung ihrer Symptome wechselten sie in die Blista, um hier den Schulabschluss zu machen. Sehbehinderte, denen nicht nur im Bildungssektor wortwörtlich viele Stolpersteine im Weg liegen, haben mit einer akademischen Ausbildung deutlich bessere Chancen am Arbeitsmarkt.

 

Die Blista in Marburg wurde 1916 ursprünglich zur Rehabilitation von erblindeten Soldaten gegründet - viele junge Männer kehrten während des Ersten Weltkrieges mit Sehbehinderungen oder totaler Blindheit heim. Ziel war die Integration in das Arbeitsleben und das Nachholen von Schulabschlüssen. Heute ist die Blista eines der führenden Bildungs-, Medien- und Hilfsmittelzentren für blinde und sehbehinderte Menschen. Unter einem Dach vereint sie die Carl-Strehl-Schule mit dem einzigen »Voll-Gymnasium« für sehbehinderte Kinder im deutschsprachigen Raum, die Rehabilitationseinrichtung RES und die deutsche Blinden-Bibliothek. Die Schüler machen das Abitur, besuchen die Fachoberschule für Sozialwesen oder spezielle Berufsfachschulen und lassen sich zu IT-Spezialisten ausbilden. Der Lernstoff ist der gleiche wie an anderen Schulen, auch hier gelten beispielsweise die Anforderungen des Zentralabiturs. Aber blinde und sehbehinderte Schüler brauchen mehr Unterstützung, um den zum Teil schwierigen Lerninhalten folgen zu können. Hausinterne Spezialisten entwickeln deshalb individuell zugeschnittene Hilfsmittel für den Unterricht. Die Anforderungen sind hoch, denn jeder der sechs bis zwölf Mädchen und Jungen pro Klasse hat unterschiedliche Voraussetzungen. Zwischen etwa 0 und 30 Prozent liegt ihre Sehfähigkeit, hinzu kommen häufig starke Gesichtsfeldeinschränkungen, die berücksichtigt werden müssen. In enger Zusammenarbeit mit den Fachlehrern werden besonders kontrastreiche oder tastbare Abbildungen und Reliefs hergestellt, Texte in Punkt- und Großschrift angefertigt und spezielle Arbeitsplätze für die Naturwissenschaften eingerichtet. So können die Versuche im Chemieunterricht mit den passenden Modellen und auch am Bildschirm mitverfolgt und nachvollzogen werden.

 

Ab der siebten Klasse hat jeder Schüler ein Laptop, alle Arbeiten werden ab Klasse 10 auf dem PC geschrieben. Neben den traditionellen Arbeitstechniken wie der Braille-Schrift gehört der Umgang mit moderner Informationstechnologie unverzichtbar zum schulischen Alltag dazu. Viel Wert legen die Blista-Pädagogen auf den Sport. Auf dem Programm stehen nicht nur Schwimmen, Blindenfußball oder Leichtathletik, sondern auch Reiten, Kanu fahren und sogar Ski alpin. Sportliche Herausforderungen zu meistern stärkt nicht nur das Selbstbewusstsein, sondern fördert dazu die für Sehbehinderte und Blinde so wichtige Körperbeherrschung.

 

»Wenn die Schüler hier weggehen, sollen sie so selbstständig wie möglich sein«, sagt Rudi Ullrich, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit und früher selbst Schüler der Blista. Neben der Schulausbildung werden deshalb Orientierung, Mobilität und lebenspraktische Fähigkeiten großgeschrieben. Hochgradig sehbehinderte Kinder und Blinde müssen ganz besonders »für das Leben lernen«, um sich nicht nur innerhalb, sondern vor allem auch außerhalb des Schulgeländes zurechtzufinden. Mitarbeiter des Rehabilitationszentrums RES, eines der bedeutendsten Einrichtungen dieser Art in Europa, unterstützen die Schüler dabei, ihren Alltag möglichst eigenständig zu meistern, das heißt, sich in der Stadt zu orientieren, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen oder Straßen sicher zu überqueren. Geldmünzen und Scheine zu unterscheiden, Formulare zu unterschreiben, aber auch Kochen, Einkaufen und Haushaltsführung gehören zur Gestaltung eines selbstbestimmten Alltags dazu. Die rund fünfzig Spezialisten der RES, zum Teil selbst sehbehindert, bilden nicht nur die Blista-Schüler aus. Auch Menschen aus der Umgebung, die durch Krankheit oder Unfall erblindet sind, müssen viele Dinge des Alltags neu erlernen und finden hier ebenso Hilfe wie Familien mit sehbehinderten Kleinkindern.

 

Blista-Schüler kommen aus ganz Deutschland nach Marburg, die meisten von ihnen leben im Internat, das schon seit den 70er-Jahren dezentral organisiert ist. Verteilt über die ganze Stadt in zum Teil schönen alten Häusern, leben die Jungen und Mädchen in circa 40 Wohngruppen zusammen, die jüngeren mit Betreuer. Volljährige und selbstständige Schüler ziehen in WGs um, versorgen sich selbst und sind hier unter sich. Das Konzept: eine möglichst normale Wohnumgebung zu schaffen mit Kinos, Geschäften und öffentlichen Einrichtungen. Die älteren Jungen und Mädchen kommen zu Fuß oder mit dem Bus selbstständig zur Schule, vorausgesetzt, sie können sich orientieren und fühlen sich sicher genug.

 

»Für die Stoffvermittlung im Unterricht gab es früher nur Schreibmaschinen und Overheadprojektoren, die riesige Bilder an die Wand warfen«, sagt der Biologielehrer Helmut Karges, und ist heute froh über die vielen Hilfsmittel und technischen Geräte, die den Schülern das Lernen, aber auch den Weg in die Selbstständigkeit erleichtern. Keinen Grund haben Blista-Schüler zum Beispiel, morgens zu spät zur Schule zu kommen. Sprechende Wecker und tastbare oder akustische Uhren sorgen für pünktliches Aufstehen. Sind Schulunterricht, Sportkurse und AGs endlich geschafft, stehen für die Freizeit spezielle Karten- und Gesellschaftsspiele zur Verfügung. Auch auf eine umfangreiche Blindenschriftbücherei mit wissenschaftlichem Archiv und zurzeit rund 11.000 Hörbuch-Titeln müssen Sehbehinderte verzichten. Auf CD in einem Format für blindengerechte Abspielgeräte finden sich Sachbücher, Belletristik, Fachzeitschriften und ein großes Wochenmagazin - gegen eine dunkle Zukunft blinder Menschen.

Sechs Richtige

Louis Braille, am 4. Januar 1809 in Coupvray bei Paris geboren, ist der Erfinder der nach ihm benannten Punktschrift für Blinde. Als Dreijähriger verletzte er sich in der Sattlerei seines Vaters am Auge und erblindete. Der kleine Louis war intelligent und wissbegierig und ließ sich von seiner Behinderung nicht entmutigen. Er besuchte zunächst die Dorfschule seines Heimatortes und wechselte mit 10 Jahren auf die Blindenschule in Paris. Hier wollte man den Schülern vor allem handwerkliche Fähigkeiten vermitteln und sie musikalisch fördern, um ihnen eine Erwerbsmöglichkeit zu schaffen. An einen Unterricht im heutigen Sinne war nicht zu denken, es fehlten die einfachsten Hilfsmittel und vor allem eine brauchbare und leicht lesbare Schrift.

 

Noch in seiner Schulzeit begann Louis Braille, eine alltagstaugliche Blindenschrift zu entwickeln. Basis war ein komplizierter Code des französischen Militärs, der es Soldaten ermöglichte, geheime Nachrichten auch im Dunkeln zu lesen. Aus diesem System gestaltete Louis Braille 1825 die bis heute unveränderte Braille-Schrift aus sechs erhabenen Punkten mit 63 verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten, mit der nicht nur verschiedene Sprachen, sondern auch Zahlen, Musiknoten oder chemische Formeln dargestellt werden konnten. Obwohl die Schriftzeichen leicht erlernbar und einfach zu schreiben waren, konnten sie sich jedoch lange nicht durchsetzen.

 

1839 veröffentliche Louis Braille seine Raphigrafie zur Nachbildung der lateinischen Buchstaben durch Punkte. Mit ihrer Hilfe sollten blinde Schüler ihren Freunden und Angehörigen schreiben können, die die Braille-Schrift nicht lesen konnten. Diese Schrift geriet später jedoch wieder in Vergessenheit.

 

1850 wurde die Braille-Schrift offiziell für den Unterricht an französischen Blindenschulen eingeführt, 1852 starb ihr Erfinder an einem Lungenleiden. Späte Ehre: 100 Jahre nach seinem Tod wurde Brailles Körper exhumiert und in das Pariser Panthéon überführt.

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