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Selbstmedikation

Mehr Infos für Patienten

04.10.2017
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Von Ev Tebroke, Berlin / Die Selbstmedikation als eine zentrale Säule der Arzneimittelversorgung wird aufgrund sich verändernder Lebenswelten immer wichtiger. Voraussetzung dafür, dass Menschen sich bei leichten Erkrankungen künftig auch verstärkt selbst behandeln können, ist aber eine verbesserte Gesundheitskompetenz. Hier braucht es verstärkt unabhängige Informationsangebote.

Eine eigenverantwortliche Selbstbehandlung mit verschreibungsfreien Medikamenten ist bei leichten Erkrankungen oft gut möglich und bietet viele Vorteile: Nicht nur spart der Patient Zeit und Wege. Sie trägt auch zur Entlastung der Ärzte bei, gleichzeitig werden mehr Ressourcen für die Versorgung ernster Erkrankungen frei. 

 

Um die Selbstmedikation zu unterstützen, gilt es vor allem, die Gesundheitskompetenz des Einzelnen zu stärken und ihm verstärkten niedrigschwelligen Zugang zu qualifizierten Informationen zu ermöglichen. Das war Tenor einer Diskussionsveranstaltung des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH im Dialog), die vergangene Woche in Berlin stattfand.

 

Dem Apotheker kommt dabei eine essenzielle Rolle zu, darüber waren sich die Diskutanten einig. Gleichzeitig forderten manche Experten auch eine Plattform, die Hersteller-unabhängige wissenschaftliche Informationen zu OTC-Produkten anbietet.

 

Einer Studie der AOK und der Universität Bielefeld aus dem Jahr 2016 zufolge haben rund 54 Prozent aller Deutschen eine mangelnde Gesundheitskompetenz. Um Patienten im Rahmen der Selbstmedikation besser zu begleiten und vor Fehlentscheidungen zu schützen, bedarf es aus Sicht der Hersteller aber auch entsprechender Rahmenbedingungen, betonte Stefan Meyer von Bayer Vital. So seien etwa mehr und flexibler verfügbare Produktinfos nötig. Auch müssten die Hersteller wesentlich aktiver über den Nutzen und die Wirkung ihrer Produkte kommunizieren können. »Digital gibt es viele Möglichkeiten«, so Meyer. »Wir sollten dies aber auch dürfen.« Um die Selbstmedikation zu stärken, fordert er zudem, regulatorische Anforderungen an Wirksamkeit, Qualität und Sicherheit zu erhalten. Auch die Beibehaltung der Apothekenpflicht sei ein wichtiges Kriterium, um das Vertrauen in diese Produkte zu fördern. Meyer unterstrich zudem die Wichtigkeit von Markenprodukten. »Marken ermöglichen Orientierung«, betonte er.

 

Gegenwind gab es von der Wissenschaft: »Es geht um Infos, nicht um Marken«, so Professor Gerd Glaeske von der Uni Bremen. Auch er fordert mehr Infos und besser informierte Patienten. Jedoch sieht er verstärkt Bedarf für eine marktunabhängige neutrale Bewertung der Produke. Glaeske verwies auf Untersuchungen der Stiftung Warentest, die demnächst veröffentlicht werden sollen, und die von 2000 untersuchten häufig verkauften OTC-Produkten 29 Prozent schlecht bewertet. Er sieht daher die Wissenschaft in der Pflicht, den Patienten leicht zugängliche fundierte Infos anzubieten.

 

Beratung honorieren

 

Die Notwendigkeit einer fundierten wissenschaftlichen Beratung des Patienten betonte auch Professor Klaus Weckbecker, Direktor des Instituts für Hausarztmedizin an der Universität Bonn. Dabei sieht er vor allem den Apotheker in der Pflicht. Vor dem Hintergrund, dass gerade alte Menschen oft zu viele Medikamente nehmen, sei eine Reduktion auf wirksame wissenschaftlich begründete Therapien nötig. Aktuell hätte die Apotheke aber kein Interesse, den Medikamentenverkauf zu reduzieren. Es sei daher dringend erforderlich, die pharmazeutische Beratungsleistung zu honorieren, betonte er.

 

Damit Apotheker künftig die Medikation ihrer Patienten noch besser begleite­n können, fordert Stefan Fink, Vorsitzender des Thüringer Apothekerverbands, die Digitalisierung voranzutreiben. Auch müssten die Apotheker Zugang zum Patientenfach der elektronischen Patientenakte bekommen. Nur so könnten sie Patienten umfänglich helfen und vor Schaden bewahren. »Als verantwortungsvolle Heilberufler wollen wir hier agieren können«, so Fink. /

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