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Augenheilkunde

Gentherapien gegen Erblindung

04.10.2017
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Von Annette Mende, Berlin / Die Entwicklung von Therapien, bei denen defekte Gene gezielt ersetzt und somit funktionsfähig gemacht werden, ist in der Augenheilkunde weit fortgeschritten. Sie werden bei verschiedenen seltenen Erbkrankheiten der Netzhaut getestet.

Professor Dr. Birgit Lorenz von der Universität Gießen gab bei einer Pressekonferenz im Vorfeld des Jahres­kongresses der Deutschen Ophthal­mologischen Gesellschaft in Berlin einen Überblick über den Stand der Forschung zu Gentherapien am Auge. »Nachdem vor genau zehn Jahren erstmals die retinale Gentherapie bei Patienten mit erblicher Netzhauterkrankung angewendet wurde, steht nun das erste entsprechende Präparat in den USA kurz vor der Markteinführung«, sagte sie. 

 

Voretigen Neparvovec sei kürzlich von Spark Therapeutics in den USA zur Zulassung eingereicht worden und werde dort voraussichtlich im März 2018 unter dem Handels­namen Luxturna™ auf den Markt kommen. In Europa werde die Zulassung allerdings noch etwas länger auf sich warten lassen.

 

Luxturna korrigiert einen Defekt im RPE65-Gen. Dessen Genprodukt, das RPE65-Protein, ist essenziell für das Recycling des aktiven Sehpigments Rhodopsin im retinalen Pigmentepithel. Fehlt RPE65, kommt es bereits im frühen Kindesalter zu einer Netzhautdystrophie, die mit fortschreitendem Sehverlust und oft völliger Erblindung vor dem Erreichen des 20. Lebensjahrs einhergeht. Die Erkrankung ist sehr selten, Lorenz zufolge sind in Deutschland etwa 150 bis 200 Menschen betroffen.

 

Die Gentherapie könne bereits abgestorbene Sinneszellen nicht wiederbeleben, das Fortschreiten der Erkrankung jedoch verlangsamen. Weltweit seien in Studien bislang 137 Patienten behandelt worden. »Es konnten funktionelle Verbesserungen erreicht werden, die vor allem das bessere Sehen bei schlechten Lichtverhältnissen betreffen. Die Verbesserung der Sehschärfe war dagegen nicht signifikant«, informierte die Augenärztin.

 

Auge besonders geeignet

 

Das Auge eigne sich aus zwei Gründen besonders gut für gentherapeu­tische Ansätze. Erstens gibt es im subretinalen Raum, dem Spalt zwischen Pigmentepithel und Photorezeptoren, weder Blut- noch Lymphgefäße, sodass keine Immunreaktion zu befürchten ist. Zweitens erneuern sich die Zellen dort nicht, ein Gen muss also idealerweise nur einmal eingebracht werden und wird anschließend dauerhaft exprimiert. Bei den heute untersuchten Gentherapien wird das funktionstüchtige Gen entweder in die Hüllen von rekombinanten Adeno-assoziierten Viren oder in Lentiviren verpackt. Diese Genfähren werden dann je nach Art der Zielzellen entweder unter die Netzhaut oder in den Glaskörper gespritzt.

 

Mutationen in 250 Genen

 

Erbliche Netzhauterkrankungen sind zwar jede für sich genommen selten, aber insgesamt betreffen sie in Deutschland rund 20 000 Patienten. »Bis vor wenigen Jahren gab es für diese Patienten überhaupt keine therapeutischen Optionen«, sagte Lorenz. Das RPE65-Gen ist nur eines von 250 Genen, in denen Mutationen mittlerweile als Auslöser für eine dieser Erkrankungen identifiziert wurden. Für eine Gentherapie infrage kommen prinzipiell monogene Erkrankungen, also solche, die auf einer einzigen Genmutation beruhen.

 

Lorenz ging auf zwei weitere Krankheitsbilder ein, bei denen eine Gen­therapie zurzeit erprobt wird: die Chorioideremie und die Achromatopsie. Ursache für die Chorioideremie ist eine Mutation im CHM-Gen auf X-Chromosomen, weshalb ausschließlich Männer erkranken. Die Patienten leiden an einer angeborenen Nachtblindheit und Gesichtsfeldeinschränkung, die von außen nach innen fortschreitet. Bei der Achromatopsie kommt es dagegen aufgrund von Mutationen im CNGA3-Gen zu einem Ausfall der Zapfen; Betroffene sind extrem farbenblind. »Da die Stäbchen für das Schwarzweißsehen im Hellen nicht funktionieren, sind die Patienten bei Tag quasi blind, wenn sie nicht die Augen zukneifen, um möglichst wenig Licht hineinfallen zu lassen«, erklärte Lorenz.

 

In beiden Fällen sei die Universitäts-Augenklinik Tübingen an den Studien beteiligt. Klinische Studien der Phasen I/II beziehungsweise II laufen zudem momentan bei folgenden Erkrankungen: Lebersche hereditäre Optikus­atrophie (LHON), Morbus Stargardt, X-chromosomale Retinoschisis, MERTK-assoziierte Retinadegeneration und Usher-Syndrom. /

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