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Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft

Beipackzettel 2.0

04.10.2017
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Von Caroline Wendt, Saarbrücken / Beipackzettel sind oft eng beschrieben und voller Fachausdrücke. Dabei sollen sie doch der Patienteninformation dienen. Neue Studien zum Thema zeigen, dass bessere Lesbarkeit große Wirkung zeigt.

»Obwohl die Problematik bekannt ist, gibt es bisher kaum wissenschaftliche Studien«, kritisierte Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, bei einem Vortrag auf der Jahrestagung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG). Der Dozent nahm dies zum Anlass, seine Studenten auf das Thema anzusetzen. Auf der Tagung stellte Lehr nun die Ergebnisse dreier Studien vor.

 

»Wenn ich so einen Beipackzettel entfalte, fühle ich mich ein bisschen wie ein Römer, der vor 2000 Jahren eine lange Schriftrolle vor sich hält«, bemerkte Lehr. Doch sei es nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern auch die Formulierung der Packungsbeilagen, die eine Überarbeitung nötig hätten. »Lange Sätze, viel Fachausdrücke, mehr Passiv als Aktiv, dass macht einen Text schwer lesbar«, so Lehr.

 

Verständlichkeitssoftware

 

Um Aussagen über die Verständlichkeit von Beipackzetteln zu treffen, untersuchten seine Studenten die Packungsbeilagen der 30 laut Barmer-Arzneimittelreport am häufigsten verordneten Arzneimittel. Die dazu verwendete Verständlichkeitssoftware »TextLab« bewertet Texte anhand des Hohenheimer Index (HI) auf Lesbarkeit: Auf einer Skala von Null bis 20 bedeutet ein HI von 0 eine geringe Verständlichkeit und ein HI von 20 eine sehr gute. »Ein Artikel der Zeitung »Bild« hat beispielsweise einen HI von 18, eine wissenschaftliche Dissertation einen von 4«, erklärte der Dozent. Die geprüften Beipackzettel erhielten im Durchschnitt nur einen HI von 9,1 und beinhalteten zwischen fünf und zehn Prozent Fachausdrücke. »Das bedeutet, dass jede zehnte bis jedes zwanzigste Wort ein Fachwort ist, das ist erschreckend«, betonte Lehr. Sein Team optimierte daraufhin die Texte von vier Präparaten. Sie verwendeten kurze Sätze und aktive Formulierungen und vermieden Fachausdrücke. Anschließend prüften sie die Texte erneut mit der Software zur Textverständlichkeit. Der Score lag nun im Durchschnitt um 2.5 (1.0-4.4) Punkte höher.

 

Um zu sehen, wie die modifizierten Beipackzettel bei den Patienten ankommen, starteten die Forscher eine Online-Umfrage. 105 Studienteilnehmer sollten die optimierten Packungsbeilagen bewerten und mit unbearbeiteten Beipackzetteln vergleichen. Auch hier zeigte sich: Die überarbeiteten Fassungen wurden bevorzugt. »Doch wenn man nur Wörter und Sätze ändert, ist die Optimierung limitiert«, sagte Lehr. Deshalb gab es einen weiteren Versuch.

 

Gekürzte Version besser

 

Die Wissenschaftler erstellten von zwei Präparaten gekürzte Packungsbeilagen. Auf einer Seite fassten sie alle relevanten Informationen übersichtlich und in leicht verständlicher Sprache zusammen. Das Ergebnis: 90 Prozent der 155 Testleser bevorzugten die gekürzte Version gegenüber der herkömmlichen Packungsbeilage. Zudem machten sie bei einer anschließenden Befragung zum Inhalt der Beipackzettel weniger Fehler. »Die Studien zeigen klar, dass Packungsbeilagen mit wenig Aufwand einfach zu optimieren sind«, fasste Lehr abschließend zusammen. Doch sei hier noch viel Forschungsarbeit zu leisten. Eine weitere Studie ist demnach für 2018 geplant. /

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