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Medizin- und Pharmaziestudium

Mehr Praxis, mehr gemeinsames Lernen

29.09.2014
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Von Daniela Biermann / Die Ärzteausbildung soll gleichzeitig wissenschaftlicher und praxisbezogener werden. Diese Empfehlungen gab im Juli der Wissenschaftsrat. Geplant ist zudem eine stärkere Vernetzung mit anderen Heilberufen wie den Pharma-zeuten. Beim Apothekertag im September in München forderten die Pharmaziestudenten ähnliche Reformen.

Bei den Medizinern könnte eine Reform der Approbationsordnung schon bald erfolgen, zumindest liegen seit Juli dazu allgemeine Vorschläge vom Wissenschaftsrat vor, dem wichtigsten wissenschaftspolitischen Beratungsgremium in Deutschland. Die Empfehlungen könnten das Medizinstudium komplett auf den Kopf stellen. 

Und auch die Vertreter der Pharmaziestudierenden forderten im September beim Deutschen Apothekertag in München eine radikale Neustrukturierung ihres Studiums. Dabei sind die zentralen Änderungsvorschläge bei Medizinern und Pharmazeuten sich ziemlich ähnlich: Der Patient, nicht einzelne Disziplinen, soll stärker im Mittelpunkt stehen. Zwar soll es weiter eine solide naturwissenschaftliche Ausbildung geben, hinzukommen sollen aber auch psychosoziale und kommunikative Kompetenzen, schlug der Wissenschaftsrat für die Mediziner vor. Genau das forderten auch Vertreter von Apothekern und Pharmaziestudierende beim Apothekertag.

 

Patientenkontakt schon im Grundstudium

 

Medizinstudenten sollen in Zukunft nicht erst nach dem Physikum (Erster Abschnitt der Ärztlichen Prüfung) mit Patienten in Berührung kommen, sondern möglichst schon ab dem ersten Semester. Nach Empfehlung des Wissenschaftsrats sollen die vorklinischen, eher basiswissenschaftlichen Inhalte des Grundstudiums stärker mit den klinischen Fächern des Hauptstudiums verzahnt werden. Bislang ist das Medizinstudium stark anhand der einzelnen Fächer wie Anatomie, Physiologie oder auch der Fachdisziplinen gegliedert. Der Wissenschaftsrat hat in seinem Gutachten vom Juli vorgeschlagen, die bisherigen Studieninhalte möglichst fächerübergreifend zu unterrichten, zum Beispiel ein Organ in den Vordergrund zu stellen.

Wissenschaftliches Denken und Handeln soll auch weiterhin die Grundlage bei Diagnose und Therapie spielen, so der Wissenschaftsrat. Die angehenden Ärzte sollen in die Lage versetzt werden, evidenzbasierte Entscheidungen individuell für den einzelnen Patienten zu fällen. Auch in den Apotheken soll mehr evidenzbasierte Pharmazie praktiziert werden, so ein Punkt des beim Apothekertag verabschiedeten Perspektivpapiers »Apotheke 2030«. Die Medizinstudenten sollen zudem demnächst zwingend eine vierwöchige Projektarbeit sowie eine wissenschaftliche Forschungsarbeit über mindestens zwölf Wochen anfertigen müssen.

 

Versorgungsprozesse werden laut dem Wissenschaftsrat der Mediziner zukünftig verstärkt in multiprofessionellen Teams und damit arbeitsteilig organisiert sein. Das lasse die Zusammenarbeit mit den Gesundheitsfachberufen und damit die interprofessionelle Ausbildung und einen entsprechenden Kompetenzaufbau wichtiger werden. Auch auf Pharmazeutenseite ist man sich einig, dass die Gesundheitsberufe in Zukunft noch stärker zusammenarbeiten müssen. Die Apotheker fokussieren eine strukturiere Zusammenarbeit derzeit im Bereich des Medikationsmanagements, bei dem sie mehr Verantwortung für die Arzneimittel-Therapiesicherheit der Patienten als bisher übernehmen wollen. Dafür ist eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Apotheker nötig. So empfiehlt nicht nur der Wissenschaftsrat eine interprofessionelle Ausbildung. Beim Apothekertag waren sich die anwesenden Experten einig, dass frühes gemeinsames Lernen die Wertschätzung der Kernkompetenzen des anderen Berufs zu schätzen lehrt.

 

Apothekerausbildung in den USA

 

Anregungen, wie ein modernes Pharmaziestudium aussehen könnte, gab beim Apothekertag der deutsche Pharmazieprofessor Dr. Hartmut Derendorf, der seit mehr als 30 Jahren am College of Pharmacy an der Universität Florida lehrt. Dort habe man sich damals hingesetzt, die alte Ausbildungsordnung ignoriert, ein weißes Blatt Papier genommen und aufgeschrieben, was ein Apotheker nach dem Studium können sollte. »Die Kompetenzliste sah ganz anders aus, als das, was bislang gelehrt wurde«, berichtete Derendorf.

Die Ausbildung sei in den USA früher rein naturwissenschaftlich gewesen. Die Naturwissenschaften bilden zwar auch weiterhin die unbestrittene Basis des Studiums, hinzu kamen aber auch soziale Aspekte und Kommunikation, kurz: mehr patientenorientierte Fähigkeiten. »Seitdem gibt es nicht nur an meiner Universität mehr Studienplätze, mehr Stellen und auch gestiegene Gehälter«, so Derendorf. An der Universitätsklinik gebe es 70 Apotheker für 800 Betten – eingestellt aus wirtschaftlichen Gründen. Sie gehen mit den Ärzten gemeinsam auf die Stationen und hätten unter den Medizinern einen hervorragenden Ruf dank ihrer hohen Kompetenz in der Arzneimitteltherapie. »Das kann kein Arzt heute mehr in der nötigen Tiefe beherrschen«, so Derendorf.

 

Klinische Pharmazie aufrüsten

 

»Es wird im Moment noch zu wenig Wert auf den Patienten gelegt«, klagte auch der Präsident des Bundesverbands der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD), David Reiner. Er forderte, die an sechs Pharmaziestandorten noch unbesetzten Stellen für Klinische Pharmazie schnellstmöglich zu besetzen. Die Klinische Pharmazie sei immer noch nicht als eigenständige Disziplin ins Studium integriert und solle nicht weiter von anderen Disziplinen übernommen werden. Reiner hält es für eine gute Idee, das Studium von Grund auf neu zu konzipieren. »Dabei wollen wir Studenten mit eingebunden werden, schließlich sind wir schon heute die Apotheker von morgen«, so der BPhD-Präsident.

 

Reformbedarf sah auch Friedemann Schmidt, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, und kündigte an, sich des Themas anzunehmen. Er warnte jedoch davor, die Approbationsordnung vorschnell zu ändern, da direkt alle Pharmaziestandorte in Deutschland betroffen wären. Für Modellstudiengänge wie bei den Medizinern gebe es derzeit keinen Spielraum. Einen Antrag zur Änderung der Studieninhalte und -länge vom Hessischen Apothekerverband wurde in den Ausschuss verwiesen. Nun müssen sich erst einmal Vertreter der Apotheker- und Ärztekammern mit den Hochschulprofessoren zusammensetzen. Bis sich die Studiengänge tatsächlich ändern, werden wohl noch ein paar Semester ins Land gehen. /

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