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Arzneiverordnungsreport

Experten sehen großes Sparpotenzial

02.10.2012  17:01 Uhr

Von Stephanie Schersch, Berlin / Die Arzneimittelausgaben sind im vergangenen Jahr erstmals seit 2004 gesunken. Trotzdem könnten die Krankenkassen mindestens weitere 3,1 Milliarden Euro für Medikamente sparen. Das geht aus dem neuen Arzneiver­ordnungsreport hervor, der letzte Woche in Berlin vorgestellt wurde.

2011 gaben die Krankenkassen 30,9 Milliarden Euro für Medikamente aus das sind 4 Prozent weniger als im Jahr davor. Diese Zahlen hatte das Bundesministerium für Gesundheit bereits im März bekannt gegeben. Laut Arzneiverordnungsreport sank der Anteil der Arzneimittel an den Gesamtausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung damit auf 17 Prozent (2010: 18 Prozent).

 

Massiver Eingriff

 

Der Ausgabenrückgang beruhe fast ausschließlich auf einem »massiven Eingriff des Gesetzgebers in die Arzneimittelpreise«, sagte der Heidelberger Pharmakologe und Mitherausgeber der Studie Professor Dr. Ulrich Schwabe. Seit August 2010 müssen Arzneimittelhersteller den Kassen einen erhöhten Rabatt von 16 Prozent auf Medikamente gewähren, die keinem Festbetrag unterstehen. Darüber hinaus dürfen sie die Preise für diese Präparate bis Ende 2013 nicht erhöhen. Auch Apotheker müssen den Krankenkassen derzeit einen erhöhten Rabatt gewähren. »Die Frage, ob die Arzneimittelausgaben unter Kontrolle sind, können wir zumindest für das Jahr 2011 mit Ja beantworten«, sagte Schwabe.

Mit dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungs­gesetz, das eine frühe Nutzenbewertung für neue Medikamente vorschreibt, sollen die Arzneimittel­preise langfristig sinken. Die mit dem Gesetz angestrebten Einsparungen in Höhe von 2 Milliarden Euro könnten jedoch nur erreicht werden, wenn auch die Arzneimittel auf dem Bestandsmarkt überprüft würden, sagte Schwabe. Hier hat der Gemeinsame Bundesausschuss mit der geplanten Bewertung von Gliptinen zur Behandlung von Diabetes einen ersten Schritt bereits unternommen.

 

Wie immer haben die Autoren des Reports das Einsparpotenzial bei Arzneimitteln errechnet, in diesem Jahr erstmals auf Basis der Nettokosten, also nach Abzug der gesetzlichen Rabatte von Herstellern und Apotheken. Demnach könnten die Krankenkassen 3,1 Milliarden Euro ohne Nachteile für die Patienten sparen, wenn alle Möglichkeiten ausgeschöpft würden.

 

Dazu müssten Ärzte noch konsequenter günstige Generika verordnen und anstelle von Me-too-Präparaten patentfreie Alternativen wählen. Arzneimittel mit umstrittener Wirksamkeit dürften gar nicht mehr zum Einsatz kommen. Dazu zählen laut Report unter anderem verschiedene Antidementiva und Grippemittel. In ihren Berechnungen haben die Autoren die Einsparungen der Krankenkassen durch Rabattverträge bereits berücksichtigt. Diese lagen 2011 bei 1,6 Milliarden Euro.

 

Niederlande im Vergleich

 

In diesem Jahr vergleicht der Arzneiverordnungsreport darüber hinaus die deutschen Preise mit den Arzneimittelausgaben in den Niederlanden. Demnach liegt das Sparpotenzial hierzulande bei ganzen 7,8 Milliarden Euro. Der große Unterschied beruhe vor allem darauf, dass patentgeschützte Medikamente in den Niederlanden erheblich günstiger seien, sagte Schwabe. Laut Report liegen die Kosten für die 50 umsatzstärksten deutschen Patentarzneimittel im Schnitt 22 Prozent über den entsprechenden Erstattungspreisen in den Niederlanden. Rechnet man allerdings die unter­schied­­lichen Mehrwertsteuersätze heraus (Deutsch­land 19 Prozent, Niederlande 6 Prozent), beträgt der Unterschied nur noch 6 Prozent. Neben patentgeschützten Arzneimitteln sind Schwabe zufolge in Deutschland auch Generika exklusive Mehrwertsteuer durchschnittlich 42 Prozent teurer als im Nachbarland.

 

Mit deutlicher Kritik reagierten die Arzneimittelhersteller auf den Report. Die Studie rechne mit Phantomzahlen, beanstandete der Branchenverband Progenerika mit. Die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der forschenden Pharmaunternehmen, Birgit Fischer, sagte, die permanente Diskussion über das Drücken von Preisen könne die Versorgungsqualität bedrohen. »Das ist eine gefährliche Entwicklung und sie wird durch das methodische Vorgehen des Arzneiverordnungsreports letztlich noch befördert.«

 

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie hatte sich bereits einen Tag vor Veröffentlichung der Studie an die Presse gewandt und ein Gutachten präsentiert, das sich mit den veranschlagten Sparpotenzialen des Arzneiverordnungsreports befasst. Die Professoren Dr. Dieter Cassel von der Universität Duisburg-Essen und Dr. Volker Ulrich von der Universität Bayreuth kommen darin zu dem Ergebnis, dass die Methodik des Reports höchst zweifelhaft sei.

 

Wenig Transparenz

 

Die Kriterien, die den Berechnungen zugrunde liegen, seien wenig transparent, kritisieren sie. Insbesondere im Generikabereich erfolgten die Berechnungen darüber hinaus auf Basis durchschnittlicher Tagestherapiekosten. Unterschiedliche Wirkstärken und Packungsgrößen würden nicht berücksichtigt. Dies könne zu Verzerrungen führen, da zum Beispiel größere Packungen in der Regel günstiger seien als kleine, heißt es in dem Gutachten. Am Ende komme der Report daher zu unrealistischen Einsparpotenzialen.

 

Der Arzneiverordnungsreport wird seit 1985 jährlich herausgegeben. Die aktuelle Ausgabe basiert auf 784 Millionen Verordnungen für Patienten der Gesetzlichen Krankenversicherung aus dem vergangenen Jahr, die vom wissenschaftlichen Institut der AOK ausgewertet wurden. /

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