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Influenza

Neue Impfstoffe verfügbar

04.10.2011
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Von Conny Becker / Die neuen Grippeimpfstoffe für die Saison 2011/12 sind auf dem Markt. Zwar schützen sie vor denselben Erregern, doch sind sie durchaus unterschiedlich. Ein Überblick über ihre Zusammensetzung, die jeweiligen Besonderheiten sowie die Vakzine der Zukunft.

Wie in jeder normalen Grippesaison ist der Impfstoff gegen Influenza auch dieses Jahr trivalent. Denn in der menschlichen Bevölkerung zirkulieren während der Grippewellen seit Jahren die Influenza-A-Subtypen H1N1 und H3N2 sowie Influenza-B-Viren der Victoria- oder Yamagata-Linie. Seit 2009/10 ist ein neues H1N1-Virus dominant, das im Frühjahr 2009 die Influenzapandemie, die sogenannte Schweinegrippe, auslöste. Damals war ein Großteil der Bevölkerung naiv gegenüber dem neuen Erreger, was sowohl die Pandemie an sich erklärt wie auch die Herstellung eines höher konzentrierten monovalenten Impfstoffs, der nur gegen dieses Virus schützte. Im vergangenen Jahr ersetzte nun der weiterhin zirkulierende Schweinegrippe-Stamm den bisherigen H1N1-Subtyp.

Aufgrund der genetischen Variabilität der Gippe­viren ändert sich auch die Zusammensetzung der Vakzine von Saison zu Saison. In diesem Jahr hat die Weltgesundheitsorganisation allerdings dieselbe Zusammensetzung wie im vergangenen Jahr empfohlen, das heißt Antigene eines A California/7/2009(H1N1)-ähnlichen Virus, eines A/Perth/16/2009(H3N2)-ähnlichen Virus sowie eines B/Brisbane/60/2008-ähnlichen Virus aus der Victoria-Linie. Risikogruppen wie Über-60-Jährige, chronisch Kranke, Schwangere und Beschäftigte im Gesundheitswesen sollten sich aber dennoch erneut impfen lassen (siehe dazu auch Grippeimpfung: Impfmuffel im weißen Kittel, PZ 39/2011). Denn Langzeitbeobachtungen der Antikörperspiegel nach Impfung ergaben, dass die Seroprotektionsrate im Laufe von einem Jahr deutlich abnimmt. Zudem hat sich gezeigt, dass Personen, die im Herbst 2009 gegen das pandemische Influenzavirus geimpft wurden, in der Saison 2010/11 besser gegen eine Infektion mit diesem Stamm geschützt waren, wenn sie im Herbst 2010 eine Impfung mit dem saisonalen Tripel-Impfstoff (mit dem gleichen H1N1-Subtyp) erhalten hatten (1).

 

Keine Wirkverstärker

 

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat nach eigenen Angaben bislang bereits Chargen mit insgesamt 18 Millionen Dosen freigegeben. Üblich sind 20 bis 30 Millionen Dosen pro Jahr, die gegebenenfalls auch für das Ausland bestimmt sein können. Bis Anfang September genehmigte das PEI 16 Grippeimpfstoffe für diese Saison, bei denen es sich in allen Fällen um Totimpfstoffe handelt, das heißt um inaktivierte Virusimpfstoffe, die keine Infektion auslösen können. Je etwa die Hälfte dieser Vakzine enthält als Antigene verschiedene Viruseiweiße (Spaltimpfstoffe) beziehungsweise lediglich Hüllproteine, also die Oberflächenantigene Hämagglutinin und/oder Neuraminidase (Untereinheitenimpfstoffe). Dabei nimmt die Immunogenität in der Reihenfolge Ganzvirusimpfstoff > Spaltimpfstoff > Untereinheitenimpfstoff, sprich mit der zunehmenden Aufreinigung des Hämagglutinin-Antigens ab, wohingegen die Verträglichkeit zunimmt. Nebenwirkungen wie Fieber, Kopfschmerz oder Schüttelfrost treten jedoch generell nur ein bis zwei Tage nach der Impfung auf. Die stärker immunogenen Ganzvirusimpfstoffe spielen hierzulande bei der saisonalen Grippeimpfung bislang keine Rolle, kamen aber teilweise bei der Pandemie zum Einsatz, da völlig naive Immunsysteme sich mit den aufgereinigten Impfstoffen nicht genügend stimulieren ließen. Alternativ kamen damals Spalt- beziehungsweise Untereinheitenimpfstoffe mit Adjuvanzien zum Einsatz (2).

 

Nachdem der monovalente Pandemieimpfstoff Pandemrix® vor zwei Jahren so viel Aufregung verursacht hatte, betont das Paul-Ehrlich-Institut, dass es sich nun wieder um Vakzine ohne Wirkverstärker handelt. Lediglich Fluad® enthält ein Adjuvanz, ist aber nur für Personen ab 65 mit einer in der Regel geschwächten Immunantwort indiziert. Eine Alterseinschränkung gilt auch für Afluria®: Aufgrund von beobachtetem Fieber und Fieberkrämpfen bei Kleinkindern darf er erst ab einem Alter von fünf Jahren angewandt werden. Dagegen ist Mutagrip® Kinder explizit für die Jüngsten entwickelt worden und enthält nur die halbe Antigenmenge. Alle übrigen Grippeimpfstoffe sind für Erwachsene und Kinder ab sechs Monaten zugelassen, Letztere erhalten bei der Impfung die halbe Dosis.

 

Zielgruppen sollten sich möglichst im Oktober oder November impfen lassen, da der Impfschutz erst nach 10 bis 14 Tagen aufgebaut ist. Verabreicht werden die Vakzine intramuskulär, nur Intanza® wird bei Über-60-Jährigen intradermal gegeben. Da die Erreger meist auf Hühnerembryonen angezüchtet werden, stellt eine starke Allergie gegen Hühnereiweiß eine Kontraindikation gegen das Gros der Grippe-impfstoffe dar. Als Alternative steht hier die zellkulturbasiert hergestellte Vakzine Preflucel® zur Verfügung. Das bislang ebenfalls für Allergiker geeignete Optaflu® wird es dagegen laut Hersteller in diesem Jahr voraussichtlich nicht geben.

 

Bald nasal impfen

 

Inzwischen wird diskutiert, ob künftig ein quadrivalenter Impfstoff aus zwei Influenza-A-Subtypen sowie den zwei Influenza-B-Linien eingesetzt werden sollte. Denn die tatsächlich auf der nördlichen Hemisphäre dominierende B-Variante stimmt verhältnismäßig schlecht mit den Empfehlungen überein, die ein halbes Jahr zuvor aufgrund den Daten der Südhalbkugel getroffen wurden: In den USA war dies zwischen 2001 und 2010 nur in fünf der zehn Grippesaisons der Fall. Da zwischen den beiden B-Linien keine oder nur kaum Kreuzreaktivität besteht, bietet eine Immunisierung mit der falschen B-Komponente nahezu keinen Schutz. Zwar wird die Mehrzahl der Infektionen durch Influenza-A-Stämme ausgelöst, dennoch sind Erkrankungen durch B-Stämme häufig bei Kindern und Jugendlichen anzutreffen. Zudem wurde in den letzten Jahren beobachtet, dass in den USA, aber auch in Europa parallel zwei Stämme beider B-Linien zirkulierten. Bis zu einer Empfehlung einer zweiten B-Komponente durch die WHO, zusätzlich zu den trivalenten Impfstoffen, ist laut Angaben des PEI in den nächsten Jahren aber nicht zu rechnen. Zu unklar seien noch die Prüfkriterien dieser Vakzine, die vor allem an Kindern untersucht werden würde. In der Pipeline von Novartis und AstraZeneca wartet ein quadrivalenter Wirkstoff jedoch bereits.

 

Sehr wahrscheinlich ist dagegen, dass auch hierzulande bald ein Nasal-impfstoff mit lebend attenuierten, abgeschwächten Viren verfügbar ist, bei dem die ebenfalls trivalente Vakzine als Nasenspray verabreicht wird. In den USA ist er als FluMistTM bereits seit 2007 auf dem Markt, Anfang dieses Jahres hat die europäische Arzneimittelbehörde (EMA) ihn ebenfalls unter dem Namen Fluenz zugelassen. Während in den USA auch Erwachsene nasal geimpft werden können, ist Fluenz in Europa nur für Kinder ab zwei und bis zu 18 Jahren indiziert. Neun Studien mit rund 24 000 Kindern und Jugendlichen ergaben, dass die nasale Impfung nicht nur Placebo um 62 bis 100 Prozent überlegen war. Sie konnte auch um 35 bis 53 Prozent besser vor einer Grippeerkrankung schützen als ein vergleichbarer trivalenter Totimpfstoff. Bei Erwachsenen war die Datenlage nach Informationen der EMA weniger überzeugend. Generell wurde der Nasalimpfstoff gut vertragen, häufig berichteten die Geimpften jedoch über Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen, eine verstopfte oder laufende Nase sowie Unwohlsein. (3) Nach Angaben des Herstellers Medimmune/AstraZeneca wird die neue Vakzine voraussichtlich in der nächsten Saison in den Handel kommen. /

Quellen

 

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Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland, Saison 2010/11 des Robert-Koch-Instituts, S. 68 f.

Bundesgesundheitsblatt 2010 (53) 1242-1249, DOI 10.1007/s00103-010-1161-5, online publiziert am 30. November 2010.

Kurzinformation der EMEA zu Fluenz unter www.ema.europa.eu/ema/index.jsp?curl=pages/medicines/human/medicines/001101/human_med_001405.jsp

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