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Fachübersetzer

Beipackzettel auf Farsi

05.10.2010  13:35 Uhr

Von Daniela Biermann / Arztbriefe, Beipackzettel, Zulassungsanträge: In einer globalisierten Welt besteht ein großer Bedarf an fachlichen Übersetzungen in der Medizin. Die Übersetzer sind echte Spezialisten – im doppelten Sinne.

Wenn ein Medikament in der Europäischen Union zugelassen wird, müssen die Produktinformationen in 24 Sprachen vorliegen. Kein Pharmaunternehmen leistet sich dazu einen eigenen Pool von Übersetzern. Die Firmen beauftragen Agenturen wie Translation Engineering oder Med-Translations. »Wir vermitteln die Aufträge an mehr als 500 Übersetzer, deren Eignung wir zuvor geprüft haben«, erklärt die Geschäftsführerin des Freiburger Unternehmens Med-Translations, Tanja Mukovic, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Denn der Auftraggeber muss sich darauf verlassen können, schnell eine fachlich und rechtlich einwandfreie Übersetzung zu bekommen. Zusätzlich bietet die Agen­tur auch Services wie Vollständig­keits­prüfung des Zulassungsdossiers oder Layout von Texten an.

 

Lukratives Geschäft für Spezialisten

 

Der Großteil der medizinischen Fach­über­setzer hat ein naturwissenschaftli­ches Studium absolviert, erklärt Muko­vic. »Die meisten haben zunächst auch in ihrem Beruf gearbeitet, dann aber noch ein Übersetzer-Diplom erworben, zum Beispiel über ein Fernstudium«, verrät die Unternehmerin. Wer einen der lukrativen Aufträge an Land ziehen und sich nicht allein durchschlagen will, muss sich zunächst bei den Agenturen qualifizieren. Dazu müssen die Übersetzer zum Beispiel für Med-Translations mehrere Texte mit unterschiedlichem Schweregrad übersetzen. Geprüft werden unter anderem die korrekte Terminologie und der Stil. »Wir nehmen etwa drei von 100 Bewerbern an«, sagt Mukovic. Diese werden allerdings wie Augäpfel gehütet, ohne Geheimhaltung läuft nichts in der Branche. Zu lukrativ ist das Geschäft, und zu wenige hoch spezialisierte Übersetzer gibt es.

 

Med-Translations vermittelt zum Beispiel auch Apotheker und Fachärzte. »So gibt es Chirurgen, die morgens im OP stehen und nachmittags übersetzen«, erzählt Mukovic. Da sich der Job finanziell lohne, würden viele aber mittlerweile nur noch übersetzen, zum Beispiel Ärztinnen mit Kind, für die sich Klinik- und Familienbetrieb schlecht vereinbaren lassen. Dafür müssen sie zum Teil auch nachts arbeiten, wenn eine US-amerikanische Firma noch schnell eine Übersetzung braucht.

 

Zu den Klienten der Übersetzungsagenturen gehören Arztpraxen, Unikliniken, Verlage, Pharmafirmen und manchmal sogar Patienten. Im Portfolio ist alles enthalten, was irgendwie mit Medizin zu tun hat. Das kann ein Auftrag eines reichen Arabers sein, der sich in Deutschland behandeln lässt und den Arztbrief mit nach Hause nehmen will. Oder die Übersetzung eines Anatomie-Atlanten, eines wissenschaftlichen Fachartikels oder gar eines ganzen Arzneibuchs. Beipackzettel und Fachinformationen müssen in der Europäischen Union beim zentralen Zulassungsverfahren in allen offiziellen Sprachen der Mitgliedsstaaten vorliegen. Und wenn Pharmafirmen ihre Medikamente auch in Russland oder Japan vertreiben wollen, verlangen diese Staaten die Zulassungsanträge in ihrer Amtssprache.

 

Zwölf-Stunden-Tag und Wochenende

 

»Wir können alles abdecken, solange der Text auf Englisch oder Deutsch vorliegt«, sagt Mukovic. So vermittelt sie Übersetzungen für Aserbaidschanisch, die persiche Sprache Farsi, Thai oder verschiedene chinesische Dialekte. Die Übersetzung erfolgt stets von der Fremd- in die Muttersprache. Zwar sei Englisch nach wie vor die Fachsprache schlechthin, so Mukovic. Ein deutscher Apotheker mit Übersetzer-Diplom in einer anderen europäischen Sprache habe jedoch noch bessere Chancen. Und auch Aufträge ins Russische und Chinesische nehmen zu.

Da die meisten Aufträge spontan verteilt werden, ist das Arbeitspensum schwer zu planen, berichtet ein Übersetzer. Er arbeite meist zwölf Stunden am Tag, oft auch am Wochenende oder in der Nacht, je nach Auftraggeber. Der ständige Blick ins E-Mail-Fach sei Pflicht. Schwierig sei es vor allem, wenn der Ausgangstext von schlechter Qualität sei. Die zentrale Zulassung der europäischen Arzneimittelbehörde habe seine Arbeit jedoch vereinfacht. Denn die Behörde macht viele Vorgaben zu den Formulierungen. Trotzdem lerne er immer wieder etwas Neues.

 

Ein geübter Übersetzer braucht zum Beispiel für einen Arztbrief etwa zwei Stunden. Für eine klinische Studie sind es wiederum einige Wochen. Hierbei wird dann auch ein größeres Übersetzerteam eingesetzt. Für eine Fachinformation plus Beipackzettel bleiben manchmal nur drei bis vier Tage. Meistens muss es schnell gehen, denn jeder Tag ohne Zulassung verkürzt den Zeitraum, in dem ein Unternehmen mit Patentschutz Geld verdienen kann. »Der Job ist nur etwas für Leute, die unter Zeitdruck arbeiten können«, bestätigt Mukovic. »Aber er ist genau das Richtige für Naturwissenschaftler, die Sprachen lieben.« /

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