Pharmazeutische Zeitung online
Jugendliche

Medienkonsum nicht verdammen

23.09.2015
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Von Annette Mende / Jugendliche, die ihre Freizeit hauptsächlich online und mit Computerspielen verbringen, laufen Gefahr zu verblöden und emotional zu verflachen. Dieser Auffassung sind nicht nur zahllose genervte Eltern, sondern auch Buchautorin Susan Greenfield, Professorin am Lincoln College Oxford. Drei Neurowissenschaftler widersprechen ihr nun vehement.

Die Debatte um die Folgen exzessiven Medienkonsums hat in Großbritannien jüngst durch Greenfields Buch »Mind change: how digital technologies are leaving their mark on our brains« mal wieder Fahrt aufgenommen. Greenfield, die sich in Oxford als Pharmako­login unter anderem mit dem dopaminergen System beschäftigt, hatte zuvor bereits mehrere populärwissenschaftliche Bücher über das Gehirn veröffentlicht. In »Mind change« geht sie nun mit Internet und Computerspielen hart ins Gericht und behauptet, dass sie einen schädlichen Einfluss auf Gehirn, Emotionen und Verhalten haben.

 

In einem Editorial im »British Medical Journal« beklagen Vaughan Bell vom University College London sowie Dorothy Bishop und Andrew Przybylski von der University of Oxford, dass Greenfield ihre Thesen nicht in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht hat, wo sie dem Prozess des Peer Review, also der Beurteilung durch andere Experten auf diesem Gebiet, unterworfen gewesen wären. Bell, Bishop und Przybylski sind nämlich überzeugt, dass Greenfields Ächtung der digitalen Medien einer wissenschaftlichen Grundlage entbehrt, und fordern »weniger Schock und mehr Gehalt« in der Diskussion (DOI: 10.1136/bmj.h3064).

 

Stärkung bestehender Freundschaften

So wirke sich der Gebrauch sozialer Netzwerke nicht, wie von Greenfield behauptet, negativ auf Beziehungen, Empathie und Identität von Jugendlichen aus, sondern fördere im Gegenteil bestehende Freundschaften und die Qualität von Beziehungen. Von diesen Vorteilen profitierten zwar nicht alle Nutzer gleich stark, doch spiegelten die sozialen Netzwerke lediglich bestehende Probleme wider, statt neue zu schaffen: Wer sich in die digitale Welt flüchtet, weil es in der realen zwischenmenschlich knirscht, wird auch dort nicht glücklich werden. Generell können soziale Netzwerke jedoch bei der Bewältigung sozialer Herausforderungen helfen, so die Editorialisten. Was die Identität angeht, so spreche die Evidenz zumindest bei Facebook dafür, dass Nutzer diese üblicherweise wahrheitsgetreu abbilden.

 

Eine von Greenfields Thesen ist, dass die Interaktion über das Internet autistische Störungen triggern könnte. Bell, Bishop und Przybylski halten das vor dem Hintergrund der neurophysiologischen Grundlagen des Autismus für absolut unplausibel. Die Behauptung sei daher irreführend für die Öffentlichkeit, nicht hilfreich für Eltern und potenziell stigmatisierend für Menschen mit Autismus.

 

Computerspiele sind Greenfield ebenfalls ein Dorn im Auge. Sie glaubt, dass diese Impulsivität auslösen, die Aufmerksamkeitsspanne verkürzen und aggressiv machen. Ihre Kritiker sehen darin jedoch eine unzulässige Verein­fachung. So führe das Spielen von Action­spielen nachweislich zu einer, wenn auch geringen, Verbesserung der neurophysiologischen Leistung. Die Folgen von Gewaltspielen würden dagegen nach wie vor kontrovers diskutiert. Es gebe Evidenz dafür, dass sie aggressive Gedanken und Verhalten vorübergehend geringfügig verstärken, wobei die Qualität der entsprechenden Untersuchungen umstritten sei. Immer populärer seien Spiele, bei denen mehrere Spieler zusammenarbeiten und die wiederum soziales Denken und Verhalten fördern. Bei der Betrachtung der Folgen von Computerspielen komme es daher sehr darauf an, von welchen Spielen die Rede sei.

 

Transaktives Gedächtnis

 

Sachverhalte zu googeln, statt sie zu lernen, führt zu Wissensverlust und mentaler Verflachung, so Greenfield weiter. Obwohl dem intuitiv wohl niemand widersprechen mag, lassen Bell, Bishop und Przybylski auch dies nicht einfach gelten. Der Effekt sei zwar tatsächlich zu beobachten, doch beileibe nicht auf das Internet beschränkt. Dass Menschen sich Dinge nicht merken, wenn sie sicher sein können, dass die Information bei Bedarf leicht verfügbar ist, sei beispielsweise auch in Arbeitsteams zu beobachten, in denen weniger qualifizierte Gruppenmitglieder sich auf das Wissen der Erfahreneren verließen. Es gebe sogar einen Fachbegriff für dieses Phänomen: transaktives Gedächtnis.

Insgesamt raten die drei Editorialisten dazu, den Einfluss des Internets nicht überzubewerten. Er sei nur für geschätzt 1 Prozent des subjektiven Wohlbefindens verantwortlich. Außerdem gebe es aus der neurowissenschaftlichen Forschung derzeit keine Hinweise darauf, dass der durchschnittliche Internetkonsum dem Gehirn Heranwachsender schaden könne.

 

Sie sehen eher die Gefahr, dass die aktuelle Diskussion die Aufmerksamkeit von den tatsächlichen Risiken der digitalen Technologien ablenkt. Diese bestehen aus ihrer Sicht darin, dass Kinder immer mehr Zeit vor einem Bildschirm verbringen statt sich zu bewegen oder andere sinnvolle Dinge zu tun. Die Folgen – Fettleibigkeit und Diabetes sowie schlechte Schulnoten, weil wegen der vielen verdaddelten Stunden keine Zeit für die Hausaufgaben bleibt – seien für die Zukunft der Kinder weitaus bedrohlicher als der fragwürdige Einfluss der Computernutzung auf die Hirnentwicklung. /

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