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Lieferengpässe

Suche nach Auswegen

23.09.2014  17:00 Uhr

Ob Schilddrüsenpräparate, Antibiotika oder zuletzt auch Codein-Tropfen: Lieferengpässe bei wichtigen Medikamenten gehören mittlerweile zum Alltag in deutschen Apotheken. Im Rahmen der Pharma World informierten der DAV-Vorsitzende Fritz Becker und der Geschäftsführer von Pro Generika, Bork Bretthauer, über Ursachen des Dilemmas und mögliche Auswege.

Becker machte deutlich, dass es zweifelsohne viele Lieferengpässe in deutschen Apotheken gibt. Er betonte jedoch, dass es bislang keine Versorgungsengpässe gab. »Die Apotheken haben immer Möglichkeiten geschaffen, damit alle Patienten versorgt werden konnten.« Einige Lieferengpässe sind für Becker unerklärlich, andere dafür schon nachvollziehbar. So tragen seiner Meinung nach Rabattverträge zu dem Problem bei. Zudem glaubt Becker, dass viele Produkte nicht mehr in der nötigen Anzahl in Europa hergestellt werden.

 

Bretthauer betonte, dass die Pharmaunternehmen natürlich daran interessiert seien, ihre Medikamente liefern zu können. Er nannte drei Gründe für Engpässe. Als erstes ging er dabei auf eine Marktverengung für bestimmte Produkte und Wirkstoffe ein. So seien einige Mittel, etwa Impfstoffe, Biosimilars und bestimmte Krebsmedikamente, sehr komplex in der Herstellung. Wenn hier ein Produzent ausfällt, können andere nicht oder nicht so schnell einspringen, so Bretthauer.

 

Engpässe hierzulande können laut dem Pro-Generika-Geschäftsführer auch durch erhöhte Qualitätsstandards und eine größere globale Nachfrage nach Medikamenten zustande kommen. In diesem Zusammenhang äußerte Becker die Vermutung, dass auf anderen Märkten andere Summen generiert werden können und der deutsche Markt für Unternehmen nicht mehr so lukrativ ist wie früher. Rabattverträge seien mit Schuld an dieser Entwicklung. Bretthauer konnte das nur teilweise bestätigen. »Es ist nicht so, dass es unattraktiv für die Firmen ist, Präparate in Deutschland auf den Markt zu bringen.« Dennoch würden die Rabattverträge den Herstellern das Leben schwer machen. Bretthauer sprach die fehlende Planbarkeit der Produktion an, da die Rabattverträge oft kurzfristig abgeschlossen werden. Dort, wo es Rabattverträge gibt, nehme die Marktverengung zu. Bestimmte Firmen würden gewisse Präparate nicht mehr anbieten, da die Kosten für Zulassung, Herstellung und Lagerung höher lägen als die über Rabattverträge erzielbaren Gewinne.

 

Rabattverträge abzuschaffen, um den Engpässen entgegenzuwirken, wäre eine unrealistische Forderung. Ein zentrales Register für Lieferengpässe kann aber auch nicht die Lösung sein. Darin waren sich Becker und Bretthauer einig. Letzterer sagte, dass ein solches Register nur den Informationsmangel beheben kann, nicht aber die Ursache der Problematik bekämpfen wird. Becker sieht in dem Register sogar ein Risiko. Es könnte nämlich Retaxationsgefahr bestehen, wenn Apotheker Nicht-Lieferfähigkeit geltend machen, obwohl das betreffende Präparat nicht auf der Liste steht.

 

Laut Becker ist das Problem der Lieferengpässe sehr vielschichtig und die ultimative Lösung gebe es bisher nicht. Bretthauer hält es für möglich, dass die Substitutionsausschlussliste ein Schritt in die richtige Richtung ist, um bei bestimmten Wirkstoffen für mehr Stabilität im Markt zu sorgen. Er schlug vor, dass die ersten zwei Jahre nach Patent­ablauf rabattvertragsfrei bleiben sollen, damit sich ein robuster Generikamarkt entwickeln kann und die Versorgung der Patienten gesichert ist. /

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