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Sehbehinderte Kunden

Reden ist Gold

24.09.2013
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Von Maria Pues, Offenbach / Welche Unterstützung benötigen blinde oder sehbehinderte Patienten in der Apotheke? Was gilt es im Kundengespräch und der Beratung zu beachten? Ein Seminar des Hessischen Apothekerverbands gab Antworten auf diese und weitere Fragen.

Wenn Annette Stelker ein Geschäft betritt, das ihr nicht gut vertraut ist, bleibt sie im Eingangsbereich stehen und wartet ab. Wenn es schlecht läuft, kommt unvermittelt eine Hand aus dem Nichts und schiebt oder zieht sie wortlos in irgendeine Richtung. Im Idealfall wende sich ein Mitarbeiter an sie, indem er sich zunächst vorstelle und ihr anbiete, sie zu führen, erläuterte die blinde Referentin des Seminars »Blinde oder sehbehinderte Kunden in der Apotheke« des Hessischen Apothekerverbands (HAV) in der vergangenen Woche in Offenbach. Unterstützt wurde sie bei dem Seminar vom sehenden Manfred Duensing. Beide arbeiten bei der Deutschen Blindenstudienanstalt in Marburg (Blista).

Stelker ist eine von nach WHO-Schätzungen etwa 164 000 blinden Menschen in Deutschland. Hinzu kommt über eine Million Menschen mit Sehbehinderung (Unterscheidung siehe Kasten), deren Sehvermögen sich erheblich unterscheiden könne, erläuterte die Diplom-Psychologin und Leiterin der Blindentechnischen Grundausbildung. Präzise Zahlen gibt es für Deutschland anders als für andere Länder nicht. Mancher Sehbehinderte nehme noch helle oder dunkle Schatten wahr, mancher auch Farben und wieder andere sähen noch scharf – allerdings wie durch ein Fernrohr nur in einem sehr begrenzten Feld. Das führe bei Sehenden häufig zu Missverständnissen. »Der sieht ja doch was«, hieße es dann. Die Betroffenen seien in ihren alltäglichen Verrichtungen dennoch stark eingeschränkt und benötigten vielfach Unterstützung, betonte sie. Wie diese im Einzelfall aussehen kann, sollte jeweils erfragt werden.

Tabelle: Gesetzliche Definitionen

Definition blind/sehbehindert
Wesentlich sehbehindert Das Sehvermögen beträgt weniger als 30 Prozent der normalen Sehkraft.
Hochgradig sehbehindert Das Sehvermögen beträgt zwischen 2 und 5 Prozent
Blind Das Sehvermögen beträgt zwischen 0 und 2 Prozent
Amaurose Die Lichtwahrnehmung fehlt völlig; das Sehvermögen beträgt 0 Prozent.

Erhalten blinde oder sehbehinderte Patienten Arzneimittel auf Rezept, benötigen sie naturgemäß mehr Erläuterungen als sehende Patienten, sagte Stelker. Patienten müssen die verschiedenen Arzneimittelpackungen auch zu Hause noch unterscheiden zu können. Apotheker und PTA sollten ihnen die einzelnen Packungen in die Hand geben, dabei erläutern, um was es sich handelt, und Hinweise geben, wie man sie unterscheiden kann. Viele Arzneimittel verfügen heute über eine zusätzliche Kennzeichnung in Brailleschrift. Diese gibt aber nur den Arzneimittelnamen und die Wirkstärke wieder. Angaben zur Darreichungsform sowie zum Verfalldatum fehlen in der Braille-Version und sollten dem Patienten daher genannt werden, damit dieser sicher sein kann, sein gewohntes Medikament zu erhalten.

 

Klebeband als Kennzeichen

 

Auch Einnahmehinweise auf dem Rezept oder die wichtigsten Informationen aus dem Beipackzettel wie Kontraindikationen und Anwendungshinweise sollten dem blinden oder sehbehinderten Patienten vorgelesen werden. Zwar gibt es im Internet in Kooperation mit der Roten Liste und dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband eine Website, auf der man sich bereits etliche Beipackzettel vorlesen lassen kann (siehe Kasten). Die Auswahl ist jedoch noch begrenzt. Zudem haben gerade ältere Patienten häufig keinen Internetanschluss.

 

Wie stellt man aber sicher, dass ein Patient die zuweilen große Zahl an Informationen zu Hause auch noch nutzen kann? Die gewohnten Aufkleber und Erinnerungszettelchen helfen nicht weiter, wenn der Patient sie nicht lesen kann. Stelker macht sich ihre eigenen Notizen in Brailleschrift. Dazu benutzt sie einen speziellen Kunststoffrahmen mit kleinen Feldern, in den ein Papier einspannt wird. Innerhalb eines Feldes lässt sich jeweils ein Buchstabe stechen – in Spiegelschrift, da man nachher die Erhebungen tasten muss. Wer die Brailleschrift nicht beherrsche, könne auch ein Diktiergerät verwenden, rät Stelker. Zur einfachen Unterscheidung von ähnlich aussehenden Packungen eignen sich aber auch Streifen von Klebe- oder Isolierband. Ebenfalls nützlich ist ein Prägegerät für Dymo®-Band, das in Brailleschrift prägt und das Alphabet neben Braille- auch in normaler Schrift anzeigt. Damit können kurzgefasste Informationen auch von Sehenden für Braille-Kundige dauerhaft lesbar angebracht werden.

 

Tropfen, Augenarzneimittel und Warzenmittel seien für blinde oder seh­behinderte Patienten die drei am schwierigsten anzuwendenden Arzneimittelgruppen, erklärte Stelker auf Nachfrage. Der Schwierigkeitsgrad steigt in der genannten Reihenfolge. Tropfen träufelt sie sich zum Abzählen direkt auf die Zunge oder in einen Plastikbecher, wobei man anhand des Tropfgeräusches abzählen kann. Wenn möglich, sollten Tropfen aber durch eine andere Arzneiform ersetzt werden. Selbst Saft sei durch tastbare Markierungen an der Dosierhilfe leichter anzuwenden, berichtet sie. Für Augentropfen gibt es Applika­tionshilfen sowohl für Mehrdosen- als auch für Einmaldosenbehältnisse. Diese erleichtern es, bei der Anwendung die Augentropfen ins Auge zu träufeln, ohne dieses mit dem Behältnis zu berühren.

 

»Warzenmittel gehen gar nicht«, sagte Stelker. Hierbei benötige sie definitiv die Hilfe eines Dritten. Vergleichsweise einfach anzuwenden seien Tabletten. Da sie sich – auch im Gegensatz zu manchen Kapseln – in ihrer Form und/oder ihren Bruchkerben unterscheiden, lassen sie sich meist gut durch Tasten identifizieren.

 

Risiko Rabattvertrag

 

Bei der Anwendung der meisten Arzneimittel habe sie – neben der sicheren Identifizierung – aber keine anderen Probleme als sehende Patienten auch, berichtete sie. Mehr Risiken und Nebenwirkungen als bei sehenden Patienten berge jedoch der rabattvertrags­bedingte Austausch ihrer gewohnten Arzneimittel, betonte sie. Mangelndes Sehvermögen stellt daher einen berechtigten Grund dar, den Austausch aufgrund pharmazeutischer Bedenken nicht vorzunehmen. /

Weitere Infos im Netz

  • Deutsche Blindenstudienanstalt: blista.de
  • Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband: dbsv.org
  • Hilfsmittel im Alltag: deutscherhilfsmittelvertrieb.de
  • Beipackzettel in Großschrift und mit Vorlesemöglichkeit: patienteninfo-service.de

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