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Pressekonferenz

Herausforderungen bieten Chancen

24.09.2013  18:19 Uhr

Die Apotheker in Deutschland stehen vor zwei großen Herausforderungen. Zum einen muss die Zufriedenheit mit dem Beruf wieder besser werden. Zum anderen müssen die Apotheker die Herausforderungen der demografischen Entwicklung angehen.

»Viele Apotheker sind heute nicht mehr mit ihrem Beruf zufrieden«, konstatierte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt bei der Pressekonferenz vor dem Deutschen Apothekertag. Als wesentlichen Grund für die Unzufriedenheit nannte Schmidt die immer weiter ausufernden bürokratischen Anforderungen an die Apotheker und die damit verbundenen geringen Freiheitsgrade bei der Berufsausübung. »Das größte Ärgernis ist die Fremdbestimmung, daran müssen wir schnell etwas ändern«, sagte Schmidt.

 

Ein Weg aus der Fremdbestimmung kann dabei über die zweite große Herausforderung der Apotheker gehen, die demografische Entwicklung. In den kommenden Jahren werde die Zahl der Senioren deutlich steigen, weil die geburtenstarken Jahrgänge alt werden. Das bedeute einen deutlichen Anstieg kranker Menschen. Mehr Kranke bedeuteten auch mehr Arzneimitteltherapien und damit neue Aufgaben für Apotheker. Sie seien die Einzigen, die sich mit dem Arzneimittel von der Entwicklung bis zur richtigen Anwendung beschäftigen. Deshalb seien sie dazu prädestiniert, die Therapie der Patienten strukturiert zu begleiten.

 

Das Ziel ist der informierte Patient

 

Das bedeutet, dass Patientengruppen ermittelt werden, die von einer Therapiebegleitung durch Apotheker besonders profitieren. Diese Patienten sollen dann regelmäßiger als bislang in die Apotheke kommen, um dort über Erfolge und Probleme der Behandlung zu sprechen. Ziel sei der informierte Pa­tient, denn – so Schmidt: Ein Patient kann nur an seiner Therapie mitarbeiten, wenn er gut informiert ist.

Schmidt ist sich sicher, dass die demografische Entwicklung die Rolle der Apotheker im Gesundheitswesen deutlich verändern wird. Die Therapiebegleitung und das Medikationsmanagement werden wesentliche Aufgaben der Apotheker werden und ihnen damit auch mehr Verantwortung und Entscheidungsfreiheit bescheren. Selbstverständlich ist für Schmidt, dass Apotheker und Ärzte dann im therapeutischen Team gemeinsam den Patienten behandeln. Klar ist dabei, dass jeder eindeutig definierte Aufgaben hat. Schmidt: »Wir Apotheker begleiten die Arzneimitteltherapie strukturiert über den gesamten therapeutischen Prozess, wir werden uns aber sicher nicht in die Diagnose einmischen; das ist und bleibt die Aufgabe des Arztes.«

 

Es ist das Eine in einer älter werdenden Gesellschaft zu gewährleisten, dass jeder Patient möglichst gut mit Arzneimitteln behandelt wird. Ebenso wichtig ist aber, dass jeder Mensch auch einen niederschwelligen Zugang zu seinen benötigten Arzneimitteln bekommt. Dies sicherzustellen ist laut Schmidt eine weitere große Herausforderung an die Apotheker. Es müsse dem Berufsstand langfristig gelingen, die flächendeckende Versorgung zu gewährleisten, sagte Schmidt. Damit denkt er aber nicht an eine Maximal­lösung. »Wir werden nicht in jedem kleinen Dorf eine Apotheke haben können, wir müssen aber dafür sorgen, dass jeder Mensch eine Apotheke in seiner Nähe hat.«

 

Die Honorierung muss stimmen

 

Eine Voraussetzung für die Übernahme dieser Aufgaben ist für Schmidt deren angemessene Honorierung. Dafür müsse die Politik die Verantwortung übernehmen. »Wir brauchen Rahmenbe­dingungen, die es ermöglichen, wirtschaftlich zu arbeiten«, sagte der ABDA-Präsident. Teil dieser Rahmenbedingungen sei auch der Ausschluss von Rosinenpickerei. Es dürfe nicht sein, dass sich einzelne Anbieter allein auf besonders lukrative Teilsegmente der apothekerlichen Arbeit konzentrierten.

Schmidt sieht in dem Konzept gleichermaßen große Chancen für die Gesundheitsversorgung und die Apotheker: »Wenn wir unser Konzept umsetzen, dann steigt die Qualität der Therapie und die Versorgungssicherheit. Das ist gut für die Patienten.« Gleichzeitig wachse aber auch die Autonomie der Apotheker und damit die Zufriedenheit mit dem Beruf. Wenn die Arbeit wieder mehr Freude mache, dann würden auch die Chancen besser, qualifizierten Berufsnachwuchs zu gewinnen.

 

Dies hält der ABDA-Präsident für extrem wichtig, denn in Deutschland gebe es im Vergleich zu anderen Industrieländern und sogar im Vergleich zu Schwellenländern wenige Apotheker. Wenn es gelinge, die Arbeit in den Apotheken aufzuwerten und gleichzeitig stabilere wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu schaffen, dann hätten die Apotheker im Wettstreit mit anderen Berufen um die besten Nachwuchskräfte wieder deutlich bessere Bedingungen. /

Kommentar

Selbstbestimmung wiederherstellen


Es ist mutig und wichtig, dass sich die ABDA beim Deutschen Apothekertag auch mit der Frage beschäftigen will, wie die Berufszufriedenheit von Apothekern und anderen Mitarbeitern in der Offizin wieder verbessert werden kann. Mutig ist diese Diskussion deshalb, weil etwa von Krankenkassen und Ärzteverbänden deutlicher Gegenwind gegen mehr apothekerliche Verantwortung im Gesundheitswesen zu erwarten ist. Doch wichtig, wenn nicht sogar überlebenswichtig ist die Diskussion, um Apothekern und Kollegen in spe wieder Lust auf Apotheke zu machen.


Wer ein Pharmaziestudium aufnimmt, möchte sich Arzneimitteln, deren richtiger Anwendung und der Beratung von Patienten widmen. Erfahrene Kollegen können sich noch an bessere Zeiten erinnern, mussten aber in den vergangenen Jahren den immer stärkeren Einzug der Bürokratie miterleben. Für jüngere Kollegen heißt es heute spätestens im praktischen Jahr »Willkommen in der Realität der Überbürokratisierung und Fremdbestimmung«. So rauben zum Beispiel die Rabattverträge viel Zeit, die jeder Apotheker tausendmal lieber der Beratung von Patienten widmen würde. Auch überpenible formale Anforderungen an Verordnungen und die sich daraus ergebende Angst vor Retaxa­tionen sind schlicht und einfach nur nervig. Niemand von uns hat dafür Pharmazie studiert, dass wir kontrollieren, ob die Unterschrift des Arztes an der richtigen Stelle steht, in der richtigen Farbe auftaucht und am besten noch eine Handschrift trägt, die den Krankenkassen zusagt. Deshalb ist es wichtig, die professionelle Autonomie zu stärken und dafür einzutreten, dass Apotheker wieder eigenverantwortlich heilberuflich handeln können.
Fachliche Unabhängigkeit, Entscheidungsfreiheit und Gestaltungsspielräume verbessern die Motivation und leisten letzten Endes einen Beitrag zur Nachwuchssicherung. ABDA-Präsident Friedemann Schmidt sprach auf der Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung des Apothekertages von einem massiven Nachwuchsproblem in den öffentlichen Apotheken. Ein hartes Studium, im Vergleich zu anderen Branchen bescheidene Einkommenserwartungen als Angestellter und dann auch noch eine deutlich weniger pharmazeutisch geprägte Tätigkeit als erwartet sowie ein extrem hohes Maß an Fremdbestimmung: Das alles dürfte für Abiturienten nicht allzu attraktiv klingen und das Nachwuchsproblem zukünftig weiter vergrößern. Deshalb ist es höchste Zeit, den Platz der Apotheker im Gesundheitswesen neu zu strukturieren und über eine Neuausrichtung des Berufsbildes nicht nur nachzudenken.


Andere Länder haben bereits vorgemacht, dass das funktioniert. All jene, die sich momentan noch gegen die Übernahme von mehr apothekerlicher Verantwortung stemmen, etwa Krankenkassen oder Ärzte, sollten sich in den Niederlanden, USA oder Kanada einmal ansehen, was alles möglich ist. Dabei geht es natürlich nicht in erster Linie darum, dass dem Apothekenpersonal die Arbeit mehr Spaß macht. Letztlich profitieren die Patienten davon, wenn sich Apotheker noch mehr um die Versorgung und Belange der Patienten kümmern als bisher. Das muss das entscheidende Argument für Politiker sein, warum sie den Heilberufler im Apotheker fördern und dafür sorgen sollten, dass wir unsere im Studium erworbenen Kenntnisse im höheren Maße in der Praxis abrufen können.

Sven Siebenand,

stellvertretender Chefredakteur

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