Pharmazeutische Zeitung online
PZ-Innovationspreis

Raltegravir ausgezeichnet

22.09.2008
Datenschutz bei der PZ

PZ-Innovationspreis

Raltegravir ausgezeichnet

Von Brigitte M. Gensthaler, München

 

Das HIV-Medikament Raltegravir hat das Rennen um den 14. PZ-Innovationspreis gemacht. Das Präparat ist der erste Vertreter der Integrasehemmer und verfügt somit über einen bislang einzigartigen Wirkmechanismus.

 

»Eine unabhängige Jury aus Ärzten und Apothekern wählte den Wirkstoff aus 27 Arzneistoffen aus«, sagte PZ-Chefredakteur und Initiator des Preises, Professor Dr. Hartmut Morck. Bei einer Pressekonferenz im Rahmen des Deutschen Apothekertags überreichte er den Preis an Dr. Thomas Lang und Dr. Markus Rupp von der MSD Sharp & Dohme GmbH, Haar. »Dank seines neuartigen Wirkmechanismus eröffnet Raltegravir eine neue Therapieoption für HIV-Infizierte. Es ist gut wirksam, relativ gut verträglich und birgt ein geringes Interaktionspotenzial«, so Morck.

 

Die HIV-Forschung zählt zu den Schwerpunkten des forschenden Pharmaunternehmens, informierte Lang, Medizinischer Direktor bei MSD. Befand sich MK-0518/Raltegravir 2004 noch in klinischer Phase-I, folgte bereits im Oktober 2007 die Zulassung der amerikanischen Behörde FDA und kurze Zeit später die der europäischen EMEA. Derzeit seien noch weitere Stoffe aus der Klasse der Integrase-Hemmstoffe in Entwicklung. Lang verwies auf die Fortschritte der Medizin: »Heute leben HIV-infizierte Menschen unter der Therapie um 13 Jahre länger als noch Anfang der 1990er-Jahre.«

 

Raltegravir (Isentress®) ist der erste Vertreter dieser Stoffgruppe in Europa. Er dringt in den Zellkern ein und blockiert das virale Enzym Integrase. Damit wird der Einbau des HI-Virusgenoms in die menschliche DNA und in der Folge die Virusreplikation gestoppt. Das prämierte Medikament hat somit einen anderen Wirkmechanismus als alle bislang verfügbaren Wirkstoffe und eignet sich gut für die Kombitherapie. Da es nicht über das Cytochrom-P450-System verstoffwechselt wird und den p-Glykoprotein-vermittelten Arzneistofftransport nicht beeinflusst, ist die Wechselwirkungsrate relativ gering.

 

Aufgrund der relativ langen Halbwertszeit von sieben bis zehn Stunden werden bei zweimal täglicher Einnahme von 400 mg dauerhaft hohe Serumspiegel erreicht, sagte Rupp. Raltegravir wird renal und hepatisch eliminiert; daher müsse die Dosis bei nieren- oder leberinsuffizienten Patienten nicht angepasst werden. Pluspunkt: Die Patienten können das Medikament unabhängig von der Nahrung schlucken.

 

Die europäische Zulassung beruht auf den 24-Wochen-Daten aus zwei großen placebokontrollierten Phase-III-Studien (BENCHMRK-1 und -2) mit knapp 700 therapieerfahrenen Patienten ab 16 Jahren, die bereits Resistenzen gegen Wirkstoffe aus drei verschiedenen Klassen aufwiesen. Zusätzlich zu einer optimierten Basistherapie (OBT) erhielten sie entweder zweimal täglich 400 mg Raltegravir oder Placebo. In beiden Studien war Raltegravir signifikant wirksamer als Placebo. Bei knapp zwei Drittel der Patienten im Verumarm sank die Viruslast unter die Nachweisgrenze von 50 HIV-RNA-Kopien/ml, während nur ein Drittel der Patienten im Placeboarm dieses Ziel erreichten.

 

Vor wenigen Wochen wurden die 48-Wochen-Daten dieser Studien im New England Journal of Medicine veröffentlicht, berichtete Rupp. Es zeigte sich, dass das Medikament plus OBT die HIV-RNA-Spiegel auch langfristig unterdrückt.

 

62 Prozent der Patienten mit Raltegravir und 33 Prozent unter Placebo erreichten eine Viruslast unter 50 Kopien/ml. Raltegravir wurde von den Studienteilnehmern relativ gut vertragen. Die häufigsten Nebenwirkungen waren Durchfall, Übelkeit, Müdigkeit und Kopfschmerzen. Auch gegen den neuen Arzneistoff bilden sich Resistenzen. Laut Rupp sind jedoch zwei Mutationen nötig, um dessen Wirkung abzuschwächen.  

 

Derzeit läuft ein umfangreiches Studienprogramm. So zeigen 96-Wochen-Daten einer Phase-III-Studie mit therapienaiven HIV-Infizierten eine anhaltende Wirksamkeit bei »exzellentem Nebenwirkungsprofil«, sagte Rupp. Die Firma strebt die Zulassungserweiterung als First-line-Therapie an. In einer Studie in den USA werde Raltegravir auch bei infizierten Kindern geprüft.

Kommentar: Begrüßenswert

Dass Pharmaforschung nicht nur zur Gewinnoptimierung betrieben wird, zeigt das Unternehmen MSD, dessen neuer Integraseinhibitor Raltegravir mit dem PZ-Innovationspreis ausgezeichnet wurde. Dieser neue Arzneistoff gilt als weitere Therapieoption mit vollkommen neuem Wirkungsmechanismus. Im Gegensatz zu anderen Firmen hat MSD darauf verzichtet, mit hohen Preisen möglichst schnell die Entwicklungskosten einzuspielen. Man hat sich an den Preisen bisheriger antiviral wirkender Stubstanzen orientiert. Besonders bemerkenswert ist, dass man die neue Substanz möglichst schnell auch den Entwicklungsländern zur Verfügung stellen will. Alle HIV-Infizierten sollen von der neuen Substanz profitieren, was ich sehr begrüße.

 

Professor Dr. Hartmut Morck

Chefredakteur

Mehr von Avoxa