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IQWiG-Vorbericht

Diuretika sind Mittel der ersten Wahl

22.09.2008
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IQWiG-Vorbericht

Diuretika sind Mittel der ersten Wahl

Von Kerstin A. Gräfe

 

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat seinen zweiten Vorbericht zur Nutzenbewertung verschiedener Antihypertensiva vorgelegt und zur Diskussion gestellt. Im Mittelpunkt stand die Frage, mit welcher Arzneistoffgruppe die Therapie zu beginnen sei.

 

Der vorliegende Bericht vergleicht den Nutzen von fünf in Deutschland zugelassenen Wirkstoffgruppen zur Behandlung des Bluthochdrucks. Einbezogen wurden Diuretika, β-Blocker, ACE-Hemmer, Calciumantagonisten und Angiotensin-II-Antagonisten. Als Maßstab für den Nutzen legte das IQWiG nicht die Senkung des Blutdrucks sondern die Vorbeugung von Komplikationen infolge des erhöhten Blutdrucks an. Im Fokus standen neben der Lebensverlängerung die Prävention von kardiovaskulären Erkrankungen und Nierenschäden. Hinzu kamen Aspekte wie gesundheitsbezogene Lebensqualität, Therapiezufriedenheit oder die Häufigkeit von Krankenhausaufenthalten. Auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen wurden untersucht.

 

Nach IQWiG-Einschätzung sind Diuretika als Therapie der ersten Wahl anzusehen. Es gebe keinen Anlass, andere Wirkstoffe als Anfangstherapie vorzuziehen, da Diuretika im Hinblick auf die Vermeidung von Folgekomplikationen keiner anderen Wirkstoffgruppe unterlegen seien. Vielmehr wiesen sie in einzelnen Aspekten sogar Vorteile auf. So sehen die IQWiG-Wissenschaftler Belege dafür, dass das Risiko einer Herzinsuffizienz unter Diuretika geringer sei als unter Calciumantagonisten und ACE-Hemmern. Für Letztere gebe es aber lediglich Hinweise und keine Belege.

 

Was die unerwünschten Wirkungen betrifft, sieht das IQWiG keine der fünf Wirkstoffgruppen klar im Vorteil. Zwar bestätigt das Institut die potenziell diabetogene Wirkung der Diuretika, jedoch könne aus den verfügbaren Daten ein patientenrelevanter Schaden nicht abgeleitet werden.

 

Die Überarbeitung der bereits laufenden Nutzenbewertung zur Bluthochdrucktherapie war aufgrund der Regelungen im Rahmen der letzten Gesundheitsreform GKV-WSG notwendig geworden. Das IQWiG bezog insgesamt 16 Studien in die Bewertung ein. Von den zehn Vergleichen, die zwischen den fünf untersuchten Wirkstoffgruppen theoretisch möglich sind, konnten lediglich acht durchgeführt werden. Zudem räumte das Institut ein, dass es nicht für jede Wirkstoffgruppe und zu allen Fragestellungen direkte Vergleichstudien mit allen vier übrigen Arzneistoffklassen gegeben habe. Am besten untersucht sind laut IQWiG Diuretika und Calciumantagonisten. Die wenigsten Daten lägen für die Angiotensin-II-Antagonisten vor.

 

Bewertung ohne Praxisrelevanz

 

Erwartungsgemäß wird in Fachkreisen Kritik laut. AstraZeneca Deutschland zum Beispiel zeigt sich in einer Presseerklärung enttäuscht. »Wir haben kein Verständnis, dass das IQWiG entgegen der Empfehlung unabhängiger Mediziner auf die individuell notwendige Therapie der Patienten nicht eingeht«, sagte Dr. Kai Richter, Medizinischer Direktor des Unternehmens. Eine praxisrelevante Bewertung müsse die Vielfalt der Therapie mit allen Wirkstoffklassen anerkennen. Diuretika als Ersttherapie sei den Patienten nicht vermittelbar. Richter moniert, dass das IQWiG den bekannten Nachteil der Diuretika völlig ausblende.

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