Pharmazeutische Zeitung online

Lagebericht 2008

17.09.2008
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Arzneimittelversorgung: Mit Sicherheit

Lagebericht des Präsidenten der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Heinz-Günter Wolf

 

München, 18. September 2008

 

Der Deutsche Apothekertag 2008 findet in einer Zeit der Herausforderungen statt. Wir stehen vor einem Jahr der Entscheidungen. Es geht um viel. Und es geht um sehr Grundsätzliches. Es geht darum, die großen Weichen für die pharmazeutische Versorgung der kommenden Jahre und Jahrzehnte zu stellen – für kranke Menschen, für uns Apotheker, für den pharmazeutischen Nachwuchs. Um diese Herausforderungen zu bestehen, sind von uns Tugenden gefordert: Selbstbewusstsein, Geradlinigkeit, Siegeswillen und Kampfgeist für die gute Sache.

 

Vor zwei Wochen wurde hier in München ein großer Fußballer geehrt und verabschiedet - Oliver Kahn. Von 70.000 Zuschauern im Stadion, und von Millionen von Zuschauern vor den Fernsehern. Oliver Kahn steht wie kaum ein anderer für unbedingten Siegeswillen, für Kampfgeist und für Einsatz. Seine gerade veröffentlichte Autobiographie hat den Untertitel „Erfolg kommt von innen“ - und da hat er recht. Es ist die innere Stärke und es ist der Kampfgeist durch Motivation von innen heraus, der den Erfolg ausmacht. Das gilt auch für uns Apotheker. Wenn wir alle Kräfte bündeln, können wir auch gewinnen.

 

Deshalb: Lassen Sie uns streiten im positiven Sinne für unsere Sache! Streit nach innen ist negativ, er lähmt. Streit nach außen - und zwar für etwas - ist positiv, er beflügelt. Lasst uns über die Flügel weiter nach vorne spielen. Unsere Gegner sind in der Defensive, da sollen sie auch bleiben. Lasst uns weiter auf Sieg spielen!

 

Um in der Sache erfolgreich zu sein, liegt es hier und jetzt an uns, klare Alternativen aufzuzeigen und sie von der Politik einzufordern. Wir sind demokratisch legitimiert, im besten Sinne einer positiven Streitkultur. Wir stehen geschlossen zusammen, als ein Team. Und wir wissen, wo die Gegner stehen - und was sie wollen. Unseren Gegnern geht es vor allem um eines: um Geld. Uns dagegen geht es um eins: um die Menschen, für deren Arzneimittelversorgung wir da sind. Dafür steht unser gemeinsames Zeichen, das rote Apotheken-A. Wir führen gutes im Schilde. Denn das rote Apotheken-A verkörpert: Unabhängigkeit, Freiberuflichkeit, Mittelstand, Qualität und Zuwendung zum Patienten.

 

Auf europäischer Ebene fiel vor wenigen Tagen die Entscheidung im Vertragsverletzungsverfahren zur Krankenhausbelieferung. Sie macht uns von außen her Mut und Zuversicht. Denn der EuGH bestätigt darin das deutsche System der Arzneimittelversorgung. Eine  EuGH-Entscheidung zum bestehenden Fremdbesitzverbot erwarten wir innerhalb der kommenden neun Monate. Die Anhörung hierzu fand vor zwei Wochen statt.

 

Die nationale Ebene wird geprägt von grundlegenden Veränderungen der Krankenkassen-Landschaft rund um den Gesundheitsfonds ab Januar 2009. Neu ist: Krankenkassen unterscheiden sich fortan nicht mehr durch den Beitragssatz, hier sind alle gleich. Sie unterscheiden sich zukünftig durch Zusatzbeiträge oder Boni und durch individuelle Verträge mit Leistungserbringern über zusätzliche Leistungen. Damit bieten sich für uns Chancen, die wir erkennen müssen, die wir ergreifen müssen.

 

Damit eng verbunden sind auf pharmazeutischer Ebene wichtige externe und interne Herausforderungen. Hierzu gehört die Lösung der Versandhandelsproblematik - inklusive Arzneimittelfälschungen und so genannter „pick up Stellen“ in Drogeriemärkten oder U-Bahnhöfen. Hierzu gehört das Ende der Fremdbesitzdiskussion und das klare politische Bekenntnis für die unabhängige Arzneimittelversorgung durch freiberufliche Apotheker. Zu den Herausforderungen auf pharmazeutischer Ebene gehören außerdem der Aufbau eines bundesweit einheitlichen Qualitätsmanagements in Apotheken, die konsequente Einführung eines Medikationsmanagements, die Zukunft der Zielpreismodelle und praxistaugliche Rabattverträge, eine deutliche Absenkung des Apothekenabschlages sowie die Verankerung der Zeitraumversorgung.

 

Wir Apothekerinnen und Apotheker stellen uns diesen Herausforderungen. Wir stehen in der Verantwortung, unsere Leistungen zu überprüfen und dort zu verbessern, wo es sinnvoll ist. Im gesellschaftlichen Interesse einer sicheren Arzneimittelversorgung.

 

Die Politik ihrerseits steht in der Verantwortung, uns einen bombensicheren Rechtsrahmen zu geben. In einer Zeit, die geprägt ist von vielen Unsicherheiten, braucht es feste Haltepunkte. Die Politik will eine unabhängige Arzneimittelversorgung. Wir übernehmen diese. Dafür aber brauchen wir rechtssichere Regeln, Planungssicherheit und Stabilität.

 

Wir fordern die Politik auf, klar zu benennen, für was sie steht. Das betrifft die Bayernwahl in wenigen Tagen, das betrifft die anstehende Regierungsbildung in Hessen, das betrifft die Parteiprogramme zur Bundestagswahl 2009.

 

Wir fordern diese Klarheit, weil viel auf dem Spiel steht. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Freiberuflichkeit des Apothekers! Freiberuflichkeit und Unabhängigkeit, die für kranke Menschen seit hunderten von Jahren Garant für eine unabhängige und sichere Arzneimittelversorgung ist. Hier geht es nicht nur um den Erhalt wichtiger gesellschaftlicher Aufgaben und Funktionen. Es geht um den Erhalt eines gesamten Berufsbildes. Die Verantwortlichen sind aufgerufen, den politischen Eierlauf zu beenden und endlich klar Position zu beziehen. Für die freiberuflich geführte Apotheke, für Unabhängigkeit – gegen Abhängigkeit, - gegen Heuschrecken und gegen die Abschaffung des Mittelstandes!

 

Wir sind uns sicher - der Erhalt und der Ausbau einer sicheren und flächendeckenden Arzneimittelversorgung ist nur mit unabhängigen Apotheken möglich. So lautet das Motto des diesjährigen Apothekertages sehr bewusst: „Arzneimittelversorgung - Mit Sicherheit“.

 

Mit 10,4% Anteil an der Gesamtbeschäftigung gehört das Gesundheitswesen zu den wichtigsten Branchen in Deutschland. Bei einem Wachstumspotential von jährlich über 3% reden manche Experten sogar vom Gesundheitszeitalter und von einer Boombranche. Hier stellt sich die Frage: Wer boomt hier eigentlich? Wir Apotheken gehören zu denen, die Leistungen in dieser Boombranche erbringen. Wir Apotheker erbringen aber auch unlukrative Leistungen, wie den Nacht- und Notdienst, die Rezepturherstellung, die Überwachung und Meldung von arzneimittelbezogenen Problemen.

 

In Apotheken arbeiten 144.000 Menschen - nicht in Großkonzernen, nicht bei Kapitalgesellschaften, nicht bei Nokia in Bochum und auch nicht zu Mindestlöhnen, sondern wohnortnah, familienfreundlich und qualifiziert. Das sind mehr Arbeitsplätze als bei allen pharmazeutischen Herstellern und Großhändlern zusammen! Diese Menschen arbeiten hart, Tag für Tag. Sie wollen eine gerechte Entlohnung für ihre erbrachten Mehrleistungen. Leistung soll sich lohnen, das wurde uns versprochen. Und das ist richtig. Aber eines ist nicht richtig: Es kann nicht sein, dass die Krankenkassen über Rabattverträge den Reibach machen und wir haben die Arbeit! Wir haben uns der Umsetzung der Rabattverträge gestellt, auch wenn es schwer fällt und erheblichen Aufwand verursacht. Wir alle wissen, warum wir das getan haben: Sie waren ein politischer Kompromiss mit dem Ziel, einen Mehrwert für die Krankenkassen zu schaffen.

 

Hierzu helfen wir mit. Aber wir fordern eine gerechte Entlohnung für unsere Mehrleistungen. Weiter zurückgehende Erträge bei ausgeweiteten Leistungsanforderungen wollen und können wir nicht länger verkraften. Ärzte und Krankenhäuser sollen zusammen über 4 Mrd. Euro mehr Geld bekommen, und wir nur mehr Arbeit – so nicht!

 

Wir fordern eine leistungsgerechte Anpassung des Apothekenhonorars, insbesondere des Apothekenabschlages für die GKV. Der Abschlag muss deutlich nach unten! Um dies durchzusetzen befindet sich der DAV aktuell in direkten Verhandlungen mit dem neuen GKV-Spitzenverband. Die erste Verhandlungsrunde hat am vergangenen Freitag stattgefunden. Wir haben unsere Forderungen mit Nachdruck platziert. Und wir werden vehement für deren Erfolg streiten.

 

Bei allem Boom-Potential muss das Gesundheitssystem in Deutschland davor bewahrt werden, dass die Arzneimittelversorgung von fremden Marktkräften überrollt und ausgehöhlt wird. Wir wollen keine kapitalorientierten Großkonzerne als Arbeitgeber und Versorger. Wir wollen keine Heuschrecken. Deutschland muss aufpassen, dass nicht Versorgungsregularien aus anderen Ländern an Stellen bei uns übergezogen werden, wo sie gar nicht passen. Harmonisierung  darf nicht bedeuten, die wirtschaftlichen Voraussetzungen in allen EU-Ländern zu schaffen, damit Großkonzerne möglichst einfach in den Markt gelangen und dann den Mittelstand abschaffen. Das ist die Philosophie der Wirtschaftsliberalen.

 

Harmonisierung muss auch eine soziale Komponente haben. Sie muss den Menschen im Mittelpunkt sehen. Das ist die soziale Dimension. Uns geht es darum, dass kranke Menschen an jedem Ort und zu jeder Zeit sicher, unabhängig und qualitativ hochwertig versorgt werden.

 

„Made in Germany“ ist gerade dafür in der Gesundheitspolitik Vorbild und Qualitätsauszeichnung geworden, und zwar weltweit anerkannt! Und zum besonderen Kennzeichen unseres gesundheitspolitischen „Made in Germany“ gehört unsere bewährte, von Zuwendung geprägte, flächendeckende und sichere Arzneimittelversorgung. Die pharmazeutische Betreuung in Deutschland ist eine der besten der Welt, um die uns viele beneiden – mittelständisch, strukturiert, unabhängig und frei. So soll es bleiben!

 

Ein besonderes Kompliment hat uns dazu kürzlich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung gemacht. Sie titelt: „Apotheker kämpfen für ihre Einzigartigkeit“. Wir sind einzigartig! Ja! Wir Apotheker sind einzigartig guter Teil des anerkannt guten deutschen Gesundheitswesens.

 

Wir Apotheker stellen in der Wirtschaft einen bedeutenden Sektor dar, vor allem aber erbringen wir Dienstleistungen in Kernbereichen des allgemeinen Interesses. Persönlich, rund um die Uhr, auch in ländlichen und wirtschaftlich kaum attraktiven Gebieten. Dafür muss in Ländern mit Konzernapotheken extra staatliches Fördergeld ausgegeben werden. Bei uns nicht! Wir verstehen Eigenverantwortung und Selbstbestimmung als elementaren Ausdruck von Subsidiarität. Bei der Einordnung des apothekerlichen Berufsbildes dürfen nicht alleine wirtschaftliche Kriterien herangezogen werden. Vielmehr gilt es, die freiberufliche Wertschöpfung für die Gesellschaft anzuerkennen und sie auch zukünftig sicherzustellen. Es geht um die Stärkung der freien Berufe im Gesundheitswesen und die Bemündigung der Leistungserbringer und der Patienten. Dort, wo Kompetenz vorhanden ist, muss auch die Verantwortung liegen. Eine brachiale Abschaffung der freien Berufe führt nicht zu mehr Wettbewerb, sondern zum genauen Gegenteil. Sie schwächt das Gemeinwohl, gefährdet die lückenlose Versorgung und anonymisiert die Therapie.

 

Wir beobachten schon seit geraumer Zeit auf EU-Ebene einen Kompetenzstreit zwischen dem Bereich Wirtschaft, vertreten durch EU-Kommissar McCreevy, und dem Bereich Gesundheit, vertreten durch EU-Kommissarin Vassiliou. Dieses Kompetenzgerangel droht sich möglicherweise auf Deutschland zu übertragen. Um dies zu verhindern, müssen wir alle Kräfte unterstützen, die die sichere Arzneimittelversorgung in Deutschland als unabdinglichen Bestandteil des Gesundheitssystems und nicht bloß als Teil der Handelskette verstehen. Der Vizepräsident der Europäischen Kommission, Günter Verheugen, hat mir in einem persönlichen Gespräch bestätigt, dass das Gesundheitssystem und die Bürgerinnen und Bürger nicht den Arzneimittelhändler, sondern den unabhängigen Pharmazeuten brauchen. Schließlich habe der Staat ja auch in die Ausbildung der Pharmazeuten investiert.

 

Ganz in diesem Sinne muss auch weiter gelten: Die Regelungshoheit für die Sozialsysteme liegt nicht bei der EU und auch nicht beim EU-Wirtschaftskommissar. Sie liegt einzig und allein bei den jeweiligen Einzelstaaten. Das heißt im Klartext, unsere bewährtes pharmazeutisches „Made in Germany“ muss auch made in Germany bleiben! Dieses Verständnis teilen im Übrigen auch die Fraktionen von CDU/CSU und SPD. Sie schreiben in ihrem Entschließungsantrag zum aktuellen EU-Weißbuch klar und deutlich, der „Bundestag hält es für dringend geboten, bei allen auf europäischer Ebene angestoßenen Diskursprozessen zur Gesundheitspolitik die nationale Autonomie zu wahren.“ Das Deutsche Parlament hat am 3. Juni dieses Jahres entsprechend den Beschluss gefasst, dass die mittelbare Steuerung nationaler Gesundheitspolitiken durch EU-Zielvorgaben als politisch und methodisch verfehlt zu werten sei. Nur die Mitglieder der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen haben sich bei dieser Debatte der Stimme enthalten. Hier erwarten wir mit Spannung die Positionierung der einzelnen Parteien bei unserer politischen Diskussion am Samstagvormittag.

 

Die freiberuflichen Komponenten der Apotheker zu stärken, diesen Weg hat der deutsche Gesetzgeber bereits mit den zurückliegenden Gesundheitsreformen konsequent verfolgt. Mit dem GKV-Modernisierungsgesetz wurde das Kombimodell als neues Vergütungssystem für die Apotheken eingeführt. Es bewirkt die Neutralstellung der Apotheken auf der Verkaufsseite. Seither erhält der Apotheker für jedes rezeptpflichtige Arzneimittel, das er abgibt, einen einheitlichen Fixbetrag. Anreize, bestimmte hochpreisige Arzneimittel abzugeben, gibt es seither nicht mehr. Mit dem Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz wurden wir Apotheker auch auf der Einkaufsseite neutral gestellt. Seit dem Verbot von Naturalrabatten und der engen Begrenzung von Barrabatten entfallen somit auch die Einkaufsvorteile bei Arzneimitteln. Diese Neutralstellung des Apothekers nutzte die Politik mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz. Da nun Preiswettbewerb auch auf der richtigen Ebene stattfindet, nämlich dort, wo die Arzneimittelpreise gemacht werden, kann der Apotheker jetzt als neutraler Mittler zwischen Krankenkassen, Herstellern, Ärzten und Patienten helfen, entsprechende Verträge abzuschließen, umzusetzen und zum Erfolg zu führen.

 

Wirtschaftliche Neutralstellung der Apotheker ist von ihrer Grundphilosophie kein Selbstzweck. Wirtschaftliche Neutralstellung begründet sehr bewusst die Fähigkeit, im Rahmen unseres Sozialsystems eine vermittelnde Position einzunehmen, um im Ergebnis den Menschen und dem Ganzen durch unsere Leistung zu dienen. So zum Beispiel bei Rabattverträgen, Zielpreismodellen, der Aut-Idem-Regelung, dem Medikationsmanagement und vielem mehr.

 

Wir sind, sehr bewusst vom Gesetzgeber verankert, voll verantwortlicher Teil des Gesundheitssystems. Das ist unsere Aufgabe. Dazu stehen wir. Der Apotheker ist unabhängiger Verbraucherschützer im Interesse der Patienten. Der Apotheker ist Mittler von Produkt und Leistung im Sinne der Krankenkassen und Ärzte. Der Apotheker ist aber keinesfalls verantwortlich für den Produktpreis. Übrigens besteht auch in diesem Punkt nahtlose Übereinstimmung mit dem Vizepräsidenten der EU-Kommission.

 

Auch beim Produktpreis wollen wir Vielfalt. Wir sind für den Erhalt möglichst vieler mittelständischer Arzneimittelhersteller in Deutschland. Gerade deswegen sei mir eine Bemerkung in Richtung des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller erlaubt. Dieser Verband hat jüngst versucht, das Zielpreismodell der Apothekerschaft zu attackieren und in Misskredit zu bringen. Wer als Vertreter der Arzneimittelhersteller gegen das Modell der Zielpreise ist, hat folgendes nicht begriffen: erstens - Zielpreise sind politisch gewollt. Deswegen sollte auch konstruktiv damit umgegangen werden. Sie bedeuten mehr Freiheit und Verantwortung der Apothekerschaft. Und sie bedeuten mehr Arzneimittelvielfalt für die Patienten. Zugleich heben sie weitere Sparreserven für die Krankenkassen. Zweitens werden sie erleben, dass Rabattverträge à la AOK ab 2009 Hersteller dermaßen ausquetschen, dass alle mittelständischen Hersteller in Deutschland um ihr Überleben bangen müssen. Wenn es nur noch einen Gewinner pro Los gibt, sind alle anderen draußen. Hier müssen die Hersteller begreifen: Das Zielpreismodell der Apothekerschaft ist für sie der einzige Rettungsring, den Sie haben. Zielpreise organisieren Preiswettbewerb in einem Korridor, der vielen Arzneimittelherstellern Platz bietet – unterhalb des Festbetrages, aber eben nicht ausschließlich am Ende der Preisskala.

 

Und noch etwas zum Prinzip Verantwortung: Die Vertragsärzte haben angekündigt, dass sie aus der Kostenverantwortung für Arzneimittel raus wollen. Sie begründen dies damit, dass Ärzte selber nur geringe Teile der Arzneimittelkosten beeinflussen können. Eine Lösung ist schnell und einfach gefunden. Zukünftig verordnen Ärzte den Wirkstoff. Wir Apotheker treffen die zugehörige Arzneimittelauswahl zusammen mit dem Patienten – ganz im Sinne des Zielpreismodells. Die Ärzte sind damit aus der Kostenverantwortung heraus. Wir Apotheker gehen in die Verantwortung hinein. Denn Verantwortung und Freiberuflichkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Aber wir übernehmen diese Verantwortung nicht nach dem Muster der Rabattverträge, das da lautet: „wir haben die Arbeit und andere machen den Reibach“. Unsere Devise lautet - Kostenverantwortung ja, aber mit leistungsgerechter Honorierung.

 

Kostenverantwortung für die Krankenkassen - das ist und bleibt das Thema Zielpreise, deren praktische Umsetzung wir gerade mit zwei Krankenkassen entwickeln, als Modell auch für andere. Preisverantwortung für den Verbraucher - das ist das Thema Selbstmedikation. Hier herrscht Wettbewerb auf allen Ebenen. Neben der pharmazeutischen Verantwortung übernehmen wir bei der Selbstmedikation Preisverantwortung und stellen uns komplett dem offenen Wettbewerb. Aber auch hier gilt: Wir sind als Freiberufler neutral gestellt und konzernunabhängig. Nur deshalb können wir Patienten unabhängig beraten und versorgen. Gerade im Bereich der Selbstmedikation müssen und werden wir penibel darauf achten, dass qualitätssichernde Maßnahmen nicht in den Tiefen von Supermarktregalen verschwinden.

 

Zu dieser Thematik werden wir im Arbeitskreis 1 des DAT „Arzneimittelversorgung: Herausforderungen infolge der Bevölkerungsentwicklung“ und am Samstagmorgen, bei der politischen Debatte noch ausführlich diskutieren.

 

Die politisch gewollte Neutralstellung des Apothekers ist zugleich Fundament für die zukünftige Ausrichtung unseres Berufsbildes. Sie bildet den Rahmen für gesellschaftlich gewünschte Leistungen und zeichnet die zukünftige Ausrichtung des Apothekers vor. Das geht weit über den Abverkauf von Arzneimittelpackungen hinaus.

 

Wir Apotheker leisten bislang schon gemeinnützige Aufgaben so selbstverständlich, dass dies wahrscheinlich erst auffallen würde, wenn es sie nicht mehr gäbe. Über 2000 Apotheken versorgen jede Nacht bis zu 20.000 kranke Menschen, die Hilfe in ihrer wohnortnahen Offizin-Apotheke suchen. Dabei werden 7 Mio. Arzneimittelpackungen außerhalb der regulären Öffnungszeiten abgegeben. Jährlich fertigen Apotheken 15 Millionen individuelle, maßgeschneiderte Rezepturen für kranke Menschen an, für die es keine passenden Fertigarzneimittel gibt.

 

Die Ringversuche des Zentrallaboratoriums deutscher Apotheker (ZL) zeigen eindrucksvoll: Apotheken führen wichtige Blutuntersuchungen äußerst zuverlässig durch. Bereits im ersten Halbjahr 2008 haben 98 Prozent aller teilnehmenden Apotheken ein entsprechendes Zertifikat erhalten. Entsprechende Screenings und Früherkennungsmaßnahmen sind besonders wichtige Leistungen der Apotheken im Bereich der Prävention.

 

Allein 2007 haben die Apothekerinnen und Apotheker in Deutschland etwa 8 Mio. Fertigarzneimittel stichprobenhaft geprüft. Jährlich bearbeitet die Arzneimittelkommission deutscher Apotheker rund 7000 von Offizin- oder Krankenhausapotheken gemeldete Fälle zu Arzneimittelrisiken. Entsprechende Berichte werden an die zuständigen Bundesbehörden weitergeleitet. Rund 1500 Arzneimitteluntersuchungen werden jährlich veranlasst, eilbedürftige Mitteilungen in der Fachpresse veröffentlicht und Chargenrückrufe ausgelöst. Dies alles geschieht im Sinne der Patienten und im Sinne des Verbraucherschutzes.

 

So haben wir beispielsweise den runden Tisch zum Thema Patienteninformationen ins Leben gerufen und laden regelmäßig die beteiligten Partner der Politik, Kostenträger und Leistungserbringer zu Gesprächen ein.

 

Beim Thema sichere Vertriebswege übernehmen wir Apotheker eine Vorreiterrolle in der EU – im konstruktiven Zusammenspiel mit unseren Marktpartnern in Deutschland. Im Rahmen einer möglichen neuen Packungscodierung stehen wir sowohl für die Produktsicherung als auch für die Sicherung des Versorgungsweges ein. Wir verstehen uns dabei als neutraler Datenschützer im Sinne der Patienten und stehen auf EU-Ebene im Dialog mit der EFPIA und der Europäischen Kommission.

 

Bedingt durch die politischen Vorgaben ist die Apotheke auch flächendeckend Partner der Krankenkassen. Ich spreche hier, mit Blick auf die Rabattverträge, bewusst von Partnern und nicht von Erfüllungsgehilfen. Die genaue Höhe der erzielten Einsparungen durch Rabattverträge ist noch immer nicht bekannt, da – übrigens auf Nachdruck des DAV im Bundesgesundheitsministerium - erst noch der GKV-Kontenrahmen entsprechend angepasst werden musste. Sicher ist jedoch bereits jetzt, Rabattverträge erzielen für die Krankenkassen - nach eigenen Aussagen -  erhebliche Einsparungen. Für uns Apotheker allerdings bewirken die Rabattverträge ganz erheblichen Mehraufwand. Alleine 10 Mio. Datensätze sind alle 14 Tage in der Apothekensoftware zu aktualisieren und anzuwenden, damit wir Apotheken nicht von Krankenkassen retaxiert werden. Ganz zu schweigen von den immensen Problemen, die sich bei der Arzneimittelumstellung im direkten Gespräch mit unseren Patienten ergeben. Aktuell hat die AOK erneut 64 Wirkstoffe mit einem Umsatz von 2,3 Mrd. Euro ausgeschrieben. Ein Ende des Mehraufwandes ist nicht in Sicht. Wir werden die neuen Ausschreibungen mit Argusaugen beobachten. Und wir kritisieren schon jetzt, dass es künftig nur noch einen Gewinner je ausgeschriebenem Los gibt. Damit werden AOK-Versicherte auf einen einzigen Hersteller verdonnert. Und der kann in Bayern ganz anders heißen als in Hessen. In jeder Apotheke ist damit der Ärger vorprogrammiert. Denn wir sollen den Versicherten erklären, dass sie mit AOK-Chipkarte null Auswahlmöglichkeiten haben. Das kann nicht sein.

 

Auch ordnungspolitisch ist dieses Vorgehen höchst fragwürdig. Denn es bedeutet eine absurde Konsequenz: nur wegen der Kassen-Kohle: Hersteller-Monopole?

 

Die Rahmenvorgaben der Politik sind kein Selbstläufer und auch keine Selbstverständlichkeit. Wer die Politik kennt, weiß, dass einem nichts geschenkt wird. Wir müssen hart dafür arbeiten, unseren Status als freiberufliche neutrale Versorger zu erhalten. Hierfür müssen unsere Leistungen beständig kontrolliert, verbessert und ausgebaut werden. Die ABDA, die Apothekerkammern und die Apothekerverbände haben dabei wichtige Aufgaben übernommen und arbeiten intensiv an der Zukunftssicherung des Berufsstandes.

 

So wird aktuell ein bundeseinheitlich gültiges Qualitätsmanagement System für alle Apotheken eingerichtet. Es baut auf den bereits bestehenden 17 Qualitätsmanagement-Systemen der einzelnen Apothekerkammern auf und harmonisiert diese. Somit wird nicht nur die Qualität der Apotheken langfristig auf hohem Niveau gesichert, sondern auch für Kunden und Patienten erkennbar gemacht. Die Schwerpunkte des Qualitätsmanagements liegen auf pharmazeutischen Leistungen wie der Versorgung, der Herstellung und Prüfung sowie der Information und Beratung. Jährlich sollen die Beratungs- und Herstellungsleistungen der Apotheken überprüft werden.

 

Weiterhin antwortet die Bundesapothekerkammer mit einer Qualitätsoffensive auf die gestiegenen pharmazeutischen Anforderungen an die Apotheken. Die BAK setzt sich das Ziel, die Zahl der Fortbildungsteilnehmer mittelfristig zu verdoppeln. Bis Ende 2010 wollen die 17 Landesapothekerkammern 200.000 Teilnehmer pro Jahr in Fortbildungsveranstaltungen schulen. Das sind hoch gesteckte Ziele vor dem Hintergrund, dass in 2007 bereits 104.000 Apothekenmitarbeiter an Fortbildungen teilgenommen haben. Mit dieser Qualitätsoffensive wird die hohe Qualifizierung in der Offizin weiter ausgebaut und regelmäßig an neue Entwicklungen angepasst. Wir setzen auf die Qualität der Beratung. Regelmäßige Fortbildung muss deshalb zur Pflicht werden!

 

Die Apotheke ist nicht nur der Platz, an dem kranke Menschen ihr Rezept einlösen. Apotheke ist mehr. Sie ist gesellschaftlicher Mittelpunkt mit öffentlichem Auftrag. Sie ist Servicestelle für kranke Menschen, besetzt mit Fachleuten des Gesundheitswesens, die kompetent mit leichten Erkrankungen umgehen können, Tests durchführen, Präventionsmaßnahmen anbieten und Gesundheitsberatung leisten. Hinzu kommt das soziale Miteinander von Mensch zu Mensch. Viele bauen den Service ab – wir nicht! Kranke Menschen erreichen immer noch überall und rund um die Uhr eine persönlich beratende Apotheke innerhalb weniger Minuten. So soll es auch bleiben. Für das körperliche und das geistige Wohlbefinden der Menschen muss auch in Zukunft gelten: Wir müssen die Apotheke und die Kirche im Dorf lassen!

 

Dort wird sie mehr und mehr gebraucht, denn die Ärzte auf dem Land werden weniger. Und unsere Fachkompetenz und die unseres gut ausgebildeten Apothekenteams wird stärker nachgefragt werden. Aktuelle Analysen aus England zeigen, dass für den NHS die Kosten bei Arzneimitteln gegen leichte Erkrankungen niedriger ausfallen, wenn sie direkt von Apotheken abgegeben werden. Wir sind nach wie vor für eine klare Trennung der Zuständigkeiten zwischen Arzt und Apotheker. Aber die erkennbare Unterversorgung in ländlichen Regionen fordert von Ärzten und Apothekern Kooperation statt Abgrenzung. Es geht um die Versorgung kranker Menschen. Hierzu reichen wir den Vertretern der Ärzteschaft die Hand – und fordern sie auf, mit uns gemeinsam den Dialog mit der Politik aufzunehmen.

 

Ein erster Schritt in diese richtige Richtung wäre der Ausbau des Medikationsmanagements. Der Apotheker wird dabei zur Kommunikationsdrehscheibe für multimorbide Menschen. Als Medikationsmanager berät, begleitet und versorgt er Patienten nicht nur in der Apotheke, sondern auch zu Hause, im Heim, stationär oder in unterversorgten Gebieten. Wir übernehmen die Kommunikation für die Patienten mit Krankenhäusern, Ärzten und Krankenkassen. Wir stellen uns diesen neuen Herausforderungen und sind bereit, mehr Verantwortung im Gesundheitswesen zu übernehmen. Wenn der Bürger zum Patienten wird, will er dort versorgt werden, wo er wohnt - und zwar durch uns! Und zwar persönlich! Und nicht von anonymen fliegenden Holländern!

 

Ganz in dieser Philosophie tritt aktuell eine neue Vereinbarung des DAV mit der Barmer Ersatzkasse in Kraft. Sie beinhaltet den Qualitätscheck für Versicherte mit Diabetes mellitus Typ 2. Dabei erläutern Apotheken dem Patienten den Nutzen der Beratung über die Blutzuckerselbstkontrolle, führen mit dem Versicherten die Blutzuckermessung durch und dokumentieren die Ergebnisse. Um an der vergüteten Vereinbarung teilzunehmen, muss die Apotheke bestimmte Qualifikationsanforderungen wie beispielsweise Fortbildungen im Diabetes-Bereich, nachweisen.

 

Zu diesen qualitätsorientierten Themen bietet der Arbeitskreis 2 des DAT „Arzneimittelversorgung: Erfahrungsberichte und Lösungsansätze“ ausführlich Gelegenheit, neue Ansätze kennen zu lernen und zu diskutieren.

 

Wir haben gezeigt, wo wir stehen und was wir können. Wir haben gezeigt, was wir wollen und was wir zusätzlich können. Für das Bestehende brauchen wir Verlässlichkeit. Für das Zusätzliche brauchen wir ihre Unterstützung, meine Damen und Herren aus der Politik. Hierfür müssen Sie aktiv werden und einen stabilen und ausbaufähigen Rechtsrahmen setzen, damit wir ihn mit zusätzlichen pharmazeutischen Leistungen ausfüllen können.

 

Dies sehen auch die Bundesministerinnen Ulla Schmidt und Annette Schavan so. Im Dialog mit Studierenden und Auszubildenden im Gesundheitswesen im Mai diesen Jahres haben sie ein deutlich positives Bild für die Zukunft der Gesundheitsberufe gezeichnet. Sie haben den jungen, verunsicherten Menschen bestätigt, dass die Aussichten für den pharmazeutischen Beruf im Gesundheitswesen „vielversprechend und gut“ sind - dass die Bedeutung des Apothekers als Heilberufler im Zusammenspiel mit den anderen Gesundheitsberufen immer wichtiger wird. Die Gesundheitsministerin nennt hier explizit das Medikationsmanagement in der Apotheke in Zusammenarbeit mit niedergelassenen Ärzten und Pflegeeinrichtungen. Nach ihren Worten wird der Apotheker zukünftig mehr als bisher als Partner der Patienten und als Beratungsinstanz gefragt sein und gebraucht. Es ist jetzt an der Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen! Das als richtig Erkannte muss noch in dieser Legislaturperiode gesetzgeberisch umgesetzt und damit möglich gemacht werden. Wir und der gesamte pharmazeutische Nachwuchs, für den wir hier streiten, stehen bereit, neue Aufgaben zu schultern!

 

Die zukünftige Arzneimittelversorgung in Deutschland braucht einen klaren Rechtsrahmen und langfristig Rechtssicherheit. Es kann nicht sein, dass interessierte Kreise versuchen, über die Wettbewerbsschiene der EU die deutsche Arzneimittelversorgung zu amerikanisieren. Wir sind gegen Großkonzerne und Oligopole im Gesundheitswesen. Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse. Und wir wenden uns gegen die Unterstellung, Liberalisierung sei per se etwas Gutes. Wer eine unabhängige, freiberufliche Arzneimittelversorgung will, muss auch Freiheiten begrenzen. Denn nur der Liedermacher Reinhard Mey singt „über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“.

 

So paradox es klingen mag: Freiheit kann nur durch Begrenzung von Freiheiten entstehen. Das ist auch die Philosophie unserer Verfassung, des Grundgesetzes. Ich zitiere aus dem Katalog der Grundrechte, Artikel 2: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt...“. Der Begriff der Liberalisierung verdreht sich nämlich ins Gegenteil, wenn man ohne Kontrolle einfach alles laufen lässt, wenn jeder ungestraft alles machen kann, was er will. Hierdurch wird vielmehr der Aufbau von Versorgungsoligopolen zementiert. Ich erinnere hier an Ludwig Erhard und die Fundamente unserer Wirtschaftsordnung. Dem entsprechend muss auch zukünftig gelten: Zuerst kommt die Versorgung kranker Menschen und erst dann der wirtschaftliche Gewinn. Wir wollen nicht, dass der Patient zum reinen Marktsubjekt wird. Die Gesundheit des einzelnen muss im Mittelpunkt stehen, nicht der Kapitalzuwachs an der Börse!

 

Diese Werteordnung gilt für den gesamten Arzneimittelvertrieb und damit auch für den Großhandel. Wir sind besonders am Erhalt eines  flächendeckenden und unabhängigen Großhandels interessiert. Wir wollen die Vielfalt auch im Großhandel erhalten, weil Vielfalt Wahlmöglichkeiten verschafft und damit der Freiheit und Unabhängigkeit dient. Wir unterstützen Sie, meine Damen und Herren vom mittelständischen Großhandel, mit ihrer Initiative, in der gleichen Systematik honoriert zu werden, wie dies für Apotheken 2004 mit dem Kombimodell eingeführt wurde. Wir haben uns zu ihrem Vorschlag positiv geäußert. Aber eines muss dabei klar sein: Wenn dieser Vorschlag umgesetzt wird, muss der PHAGRO dafür sorgen, dass Schluss ist mit der Gebührenabzocke. Jeden Monat eine neue Gebührenidee, das kann doch wohl nicht wahr sein!

 

Die mündliche Verhandlung zum EuGH-Verfahren zum Thema Fremdbesitz hat am 3. September stattgefunden. Seriöse Rückschlüsse - oder gar Vorwegnahmen des Verfahrensergebnisses - können aus dem Sitzungsverlauf nicht gezogen werden. Wichtig ist: Wir haben unsere guten und richtigen Argumente detailliert und fachlich versiert vorgetragen. Sie wurden und werden von der Deutschen Bundesregierung und den ebenso betroffenen EU-Mitgliedsstaaten unterstützt. Nun hat der französische Generalanwalt Yves Bot drei Monate Zeit, seinen Schlussantrag zu formulieren. Weitere drei bis sechs Monate vergehen dann bis zu einer Entscheidung des EuGH. Direkte Gespräche mit der Bundesregierung haben ergeben, dass vor der Bundestagswahl im September und vor dem nächsten Apothekertag 2009 keine Initiativen des deutschen Gesetzgebers in Sachen Fremdbesitzverbot zu erwarten sind. Jeder, der hier etwas anderes verbreitet, hat keine Ahnung oder sagt die Unwahrheit im eigenen Interesse!

 

Vor genau einer Woche haben die obersten Richter in Luxemburg ihr Urteil im Vertragsverletzungsverfahren zur Krankenhausversorgung gesprochen. Sie haben unsere Auffassung bestätigt und der Bundesrepublik Deutschland recht gegeben. Alle vermeintlichen Prophezeiungen kapitalorientierter Kreise und ausländischer Versandapotheken waren falsch. Der EuGH hat klipp und klar entschieden: Die Gesundheit der Bevölkerung geht vor Gewinnmaximierung. Arzneimittel und Beratung gehören in eine Hand und sind vor Ort zu leisten, das ist die Botschaft! Und deshalb bleibt die Arzneimittelversorgung in deutschen Krankenhäusern auch so, wie sie ist: hochwertig, schnell, persönlich und patientennah.

 

Zu einem klaren Rechtsrahmen gehört, dass der Versandhandel mit RX-Arzneimitteln auf das vom Europäischen Gerichtshof vorgegebene Maß zurückgeführt wird. Hier geht es nicht um Standespolitik. Es geht uns um die Bewahrung einer ordnungsrechtlich schlüssigen Grundlage für eine hochwertige, sichere und patientenorientierte Arzneimittelversorgung durch die öffentliche Apotheke heutiger Prägung. Wer Pflichten für das Gemeinwohl übernehmen muss, braucht auch verlässliche Rechte! Der EuGH lässt grüßen. Er hat gerade letzte Woche das Regionalitätsprinzip und die persönliche Verantwortung der Apotheke als übergeordneten Gesundheitsschutz vor die Wirtschaftsinteressen gestellt.

 

Durch die momentane Regelung des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln sind Graubereiche geöffnet worden, die einerseits die sichere Arzneimittelversorgung aus der Apotheke umgehen und andererseits Einfallstore für Arzneimittelfälschungen öffnen. Der Freistaat Bayern und der Freistaat Sachsen haben hierzu einen konkreten Gesetzentwurf in den Bundesrat eingebracht. Die beiden Länder formulieren darin klar und deutlich, dass die Zulassung des Versandhandels mit Arzneimitteln zu einer Verminderung der Patientensicherheit geführt hat. Dazu kommt, dass durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes  vom März 2008 höchstrichterlich entschieden wurde, dass Versandapotheken aus dem Ausland Gewerbebetreibende, wie Drogeriemärkte oder Sex-Shops,  in Anspruch nehmen können, um Rezepte zu sammeln oder Arzneimittel abzugeben. Hier stehen skurrilen Geschäftsmodellen jeglicher Art Tür und Tor sperrangelweit offen. Hier ist dringender Handlungsbedarf gegeben. Was zu tun ist, ist jedem, der unabhängig denken kann und von der Sache Ahnung hat, klar. Meine Damen und Herren aus der Politik, übernehmen sie endlich Verantwortung, werden sie endlich aktiv! Viele Länder haben sich für eine entsprechende Bundesratsinitiative ausgesprochen. Einige haben noch immer Beratungsbedarf. Und von einem Land im Südwesten hören wir, dass gezielt versucht wird, Sand ins Getriebe zu streuen – und zwar nicht nur über den Bundesrat, sondern auch über den Bundestag.

 

Hier zeigt sich, wo die Reise hingeht, wenn Konzerne anfangen, Einfluss auf die Arzneimittelversorgung und die Politik zu nehmen. Und so entsteht Raum dafür, dass ein Konzern dem anderen in die Hände spielt und die Rosinen-Schlecker und die dm-Scheffler Zeit gewinnen, Fakten zu schaffen, die eigentlich keiner will. Wer danach fragt, warum hier der eine dem anderen hilft, kommt auf eine einfache Antwort: pick-up-Stellen helfen, Apotheken reif zu schießen, damit sie anschließend um so leichter aufgekauft werden können! Das ist die Logik, die uns der Chef von Celesio in seinem FAZ Interview vom 7. September offenbart, in dem er ausführlich seine Aufkaufstrategie erläutert.

 

Diese Logik unserer Gegner sollte auch die Politik begreifen. Und sie muss sich platzieren. Wir fordern jetzt Verantwortungsübernahme und aktives Handeln ein. Wir brauchen Klarheit, keine Halbherzigkeiten. Arzneimittelsicherheit lässt kein wenn oder aber zu!

 

An dieser Stelle einige Worte zum BVDVA. Ein Verband, der so tut, als würde er für die 2200 Apotheken mit Versanderlaubnis stehen. Steht er aber nicht. In Wahrheit hat dieser kleine Verband sage und schreibe 20 im Internet ausgewiesene Mitglieder. Um nicht in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, wartet er mit immer neuen, hanebüchenen Forderungen auf, die ganz und gar nicht der Arzneimittelversorgung, sondern nur diesen 20 Apotheken dienen. So fordert der BVDVA zum Beispiel Höchstpreise für Arzneimittel. Hier sei ganz klar gesagt, ein Verband, der Höchstpreise fordert, hat nicht die Qualität der Arzneimittelversorgung im Visier, sondern lediglich den Mehrabsatz. Und Mehrabsatz geht zu Lasten der Verbraucher.

 

Wir wollen keine Welt, in der Kaffeeröster Krankenversicherungen verkaufen, in der Call-Center Menschen betreuen oder Tankwarte Arzneimittel abgeben. Wir wollen optimale Beratung und sichere Versorgung. Der Garant dafür sind wir. Optimale Beratung und sichere Versorgung bedingt eine rechtssichere Arzneimittelpreisverordnung und eine rechtssichere  Apothekenbetriebsordnung, ausnahmslos für alle Apotheken. Es darf keine Sonderwürste oder Privilegien für pick-up Stellen, Supermarktregale oder ausländische Kapitalgesellschaften geben!

 

Im Gegensatz zu allen anderen vermeintlichen Heilsbringern stellen wir Apotheken erkannter Maßen sicher, dass – wenn der Rechtsrahmen stimmt – jeder Kranke zu jeder Zeit, das für ihn notwendige Arzneimittel ungefälscht, mit persönlicher Beratung und kostenneutral erhält. Das war in der Vergangenheit so, und das soll – wenn es nach uns geht - auch in Zukunft für kranke Menschen möglich bleiben. Dafür kämpfen wir, aktiv. Mit guten Argumenten und mit guten Konzepten. Zur Erfüllung ihrer gesellschaftlichen Aufgaben müssen die unabhängigen, freiberuflichen und dem Gemeinwohl verpflichteten Apotheken aber auch auf wirtschaftlich soliden Beinen stehen!

 

Es ist wahr, die Welt steht nicht still. Apotheker in ganz Europa beginnen, Möglichkeiten zu ergreifen, die ihnen eine sich wandelnde Gesundheitslandschaft und technologische Veränderungen bieten. Die Zukunft birgt viele pharmazeutisch sinnvolle Möglichkeiten. Wir Apotheker erkennen dies und sind bereit, unsere berufliche Praxis entsprechend zu entwickeln.

 

Unsere Öffentlichkeitsarbeit für die unabhängige Apotheke hat hier in den vergangenen Monaten eindrucksvolle Arbeit geleistet. Mit guten Argumenten und wirksamen Aktionen wurde das rote Apotheken A mit allem, wofür es steht, offensiv eingesetzt. Ich nenne beispielhaft unsere Kampagne „Alles schläft, einer wacht“.  Ganz aktuell und beispielgebend ist unsere Unterstützung der deutschen Mannschaft bei den Paralympics in Peking. Wir unabhängigen Apotheker treten ein für Menschen mit Handicap. Wir helfen denen, die Hilfe brauchen!

 

In 10 Tagen entscheiden 9,3 Mio. Menschen über eine neue Zusammensetzung des bayerischen Landtags. In 12 Monaten wird der Deutsche Bundestag neu gewählt. Im Wahlkampf vorab werden die gesundheitspolitischen Konzepte der Parteien bekannt. Wir werden hier sehr genau hinsehen und die politischen Positionen Stück für Stück auf Vereinbarkeit mit unseren Prüfsteinen abklopfen. Unsere Prüfsteine für die Parteien sind:

 

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Die Positionierung für den Mittelstand und die freien Berufe,

das Bekenntnis zur inhabergeführten und unabhängigen Apotheke und

der Erhalt der sicheren und qualitativ hochwertigen Arzneimittelversorgung bei leistungsgerechter Vergütung.

 

Ich danke für die vielen Beweise der Geschlossenheit unseres Berufsstandes. Und ich danke für die Entschlossenheit, mit der wir unsere Sache vertreten. Wir haben in den vergangenen Monaten unglaubliche Leistungen vollbracht, als Mannschaft, als Team, mit Teamgeist. Selbstbewusst stehen wir auf und streiten gradlinig für unsere gute Sache. Mein Dank gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Apothekerkammern, den hauptamtlichen wie den ehrenamtlichen. Mein Dank gilt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Apothekerverbänden, den hauptamtlichen wie den ehrenamtlichen. Mein Dank gilt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Apothekerhäusern in Eschborn, Berlin und Brüssel. Sie alle haben in einem professionellen Mannschaftsspiel in den vergangenen Monaten Großartiges geleistet, Teamgeist, Kampfgeist und Siegeswillen bewiesen und gezeigt, dass wir unabhängigen Apothekerinnen und Apotheker fester und gewollter Bestandteil der Gesellschaft sind.

 

Wir stehen bereit, auch neue Aufgaben zu schultern und neue Verantwortung zu übernehmen.

 

Wir setzen auf Sieg! Wir setzen auf Zukunft – und zwar auf unsere Zukunft!

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