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Zu dick für die OP

25.09.2007
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Zu dick für die OP

Von Gudrun Heyn

 

Starkes Übergewicht kann eine Operation erheblich komplizieren. Die betroffenen Patienten benötigen spezielle Maßnahmen bei der Narkose und erfordern besondere Aufmerksamkeit des Anästhesisten. Während des Eingriffes und noch Tage danach ist ihr Risiko für Komplikationen und die Mortalität erhöht.

 

Der Trend zum Übergewicht ist in Europa ungebrochen. Bereits heute sind in der Bundesrepublik bis zu 2 Prozent aller Personen, die wegen einer Operation in ein Krankenhaus kommen, extrem adipös, hieß es auf dem Hauptstadtkongress der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. Dabei bereiten besonders Patienten mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 35 den Medizinern große Sorgen.

 

Das Risiko dieser Patienten für Komplikationen ist auffallend hoch. Bereits durch bestehende Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder Fettstoffwechselstörungen drohen verstärkt Herzinfarkte und Schlaganfall. Besonders kritisch sind zudem Eingriffe in bestimmte Körperregionen, wie dem Oberbauch. Schon bei Normalgewichtigen kann es dabei zu Störungen der Atmung kommen. Aufgrund ihrer Fettmasse leiden extrem adipöse Patienten jedoch besonders häufig darunter. »Ihre Chance, solch einen Eingriff zu überleben ist etwa 20 Prozent geringer als bei einem Normalgewichtigen«, sagte Professor Dr. Jochen Strauß vom Helios Klinikum Berlin-Buch. Weniger Probleme bereiten den Anästhesiologen dagegen Eingriffe an den Extremitäten oder im Brustbereich, wo die Atmung unbeeinträchtigt bleibt. So steigt etwa bei Bypass-Operationen das atembedingte Komplikationsrisiko nur unwesentlich an.

 

Generell ist die Sauerstoffversorgung extrem adipöser Menschen eine große Herausforderung. Bei etwa einem Fünftel der Übergewichtigen gelingt es den Narkoseärzten nicht, einen Atemkatheter zu legen, denn das Intubieren erfordert bei diesen Patienten besondere Erfahrung und gegebenenfalls sogar ein spezielles Equipment. Aber auch die Narkose selbst ist problematisch. So werden fettlösliche Narkotika zu langsam abgebaut und erschweren die Dosierung. »Kaum fettlösliche, moderne Inhalationsanästhetika sind dagegen für den normalen Krankenhauseinsatz häufig noch zu teuer«, sagte Strauß. Bei der Narkoseeinleitung mit einer Maske kommt es zudem durch die fettmassenbedingte Atembehinderung zu hohen Drucken, einem Überblähen des Magens und häufiger Aspiration. Bei der Narkoseausleitung muss mit einer Kompression der Lunge gerechnet werden.

 

Eine Alternative ist die Periduralanästhesie. Selbst bei Operationen im Bauch stellt sie sicher, dass die Atmung unbeeinträchtigt bleibt. Doch auch eine Regionalnarkose ist bei stark übergewichtigen Patienten nicht immer möglich. Oft lassen sich anatomische Leitstrukturen nicht tasten wie etwa die Dornfortsätze der Wirbelsäule. Außerdem können die langen, dünnen Nadeln beim Durchstechen der Fettschicht instabil werden und brechen.

 

Meist stoßen die Ärzte jedoch schon vor dem Eingriff an die Grenzen des technisch Machbaren. Häufig ist die Röhre eines Computertomografen oder eines Kernspintomografen nicht breit genug für die extrem adipösen Patienten. Und mit Ultraschall lässt sich eine dicke Fettschicht nicht durchdringen. So muss bereits bei der Diagnose auf alte Methoden zurückgegriffen werden. Geht es anschließend in den Operationssaal, wartet die nächste technische Herausforderung, denn ein normaler OP-Tisch verkraftet nur ein Gewicht von 200 Kilogramm.

 

Risiko Alkoholkonsum

 

Andere Probleme bereiten den Anästhesisten Menschen mit einem erhöhten Alkoholkonsum. Auch bei ihnen ist erhöhte Aufmerksamkeit gefordert. Aktuelle Zahlen aus der Anästhesieambulanz der Charité zeigen, dass jeder sechste Patient aufgrund eines Alkoholproblems ein erhöhtes Komplikationsrisiko während und nach einer Operation hat. Bei den Betroffenen treten verstärkt Blutungen, Herzrhythmusstörungen, Infektionen und Wundheilungsstörungen auf. Auch das Risiko für eine postoperative Lungenentzündung ist um das Vierfache erhöht.

 

Bereits eine tägliche Alkoholdosis von mehr als 60 g reicht aus, um ein Operationsergebnis negativ zu beeinflussen. Dies entspricht einem regelmäßigen Konsum von drei bis vier Bieren oder einer Flasche Wein. In einer Studie hat man nun festgestellt, dass diese Personen während einer Operation unter deutlich mehr Stress leiden. Bis zu drei Tagen nach dem Eingriff ist der Anteil des Stresshormons Cortisol im Blut erhöht und kann seine immunschwächende Wirkung entfalten.

 

»Mit der Gabe stressreduzierender Medikamente während der Operation, wie etwa Morphin, lässt sich jedoch die Infektionsrate deutlich senken«, berichtete Professor Dr. Claudia Spies von der Charité. Für Anästhesisten sei es daher wichtig, vor jedem Eingriff die betroffenen Personen zu erkennen. Dazu habe sich der Einsatz von Computerfragebögen besonders bewährt.

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