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Blähungen

Luft im Bauch

21.09.2007  13:50 Uhr

Blähungen

Luft im Bauch

Von Annette Immel-Sehr

 

Blähungen sind den meisten Menschen einfach peinlich. Schon Kinder müssen lernen, dass sie den Abgang von »Winden« zu kontrollieren haben. Mitunter entstehen im Darm aber so viele Gase, dass auch der wohlerzogenste Mensch Probleme und Schmerzen bekommt.

 

Blähungen stellen an sich keine gesundheitliche Gefahr dar. Trotzdem können sie für den Betroffenen eine erhebliche Belastung sein und bei empfindlichem Magen-Darm-Trakt kolikartige Schmerzen hervorrufen. In der Apotheke sprechen die meisten die Beschwerden nur ungern an und umschreiben sie lieber als Verdauungsproblem. Bei genauerem Nachfragen, wird dann oft »gestanden«, dass nicht nur Magendrücken und Völlegefühl auftreten, sondern eben auch Blähungen.

 

Jedes Böhnchen gibt ein Tönchen

 

Bei der Verdauung entstehen, vor allem im Dickdarm, Gase wie Kohlendioxid, Methan und Wasserstoff. Sie werden zum Großteil durch die Kapillargefäße im Darm resorbiert und geruchlos über die Lunge ausgeatmet. Eine kleine Menge entweicht vor oder während des Stuhlgangs. Bilden sich übermäßig große Gasmengen, so kann dies über eine Stimulation von Nozizeptoren in der Darmwand Schmerzen auslösen. Der Bauch ist vorgewölbt und fühlt sich gespannt an.

Häufige Flatulenz-Ursachen

hastiges Essen und unbewusstes Schlucken von Luft

ballaststoffreiche oder zuckerreiche Nahrung

häufiger Konsum kohlensäure-haltiger Getränke

überhöhte Zufuhr von Zuckeraustauschstoffen wie Fructose, Xylit oder Sorbit

mangelnde Bewegung

Obstipation

Maldigestion durch Mangel an Magensäure, Galle oder Enzymen

allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel

instabile oder atypische Darmbakterienflora etwa nach Antibiotika-Therapie

Infektionen und Entzündungen des Darmes

 

Die Menge der gebildeten Gase ist unter anderem von der Zusammensetzung der Nahrung abhängig. Der Verzehr von Hülsenfrüchten wird oft mit dem Auftreten von Blähungen in Verbindung gebracht. Sie enthalten, ebenso wie Vollkornprodukte und Kohlgemüse, beachtliche Mengen an Ballaststoffen, welche im Dünndarm des Menschen nicht verdaut werden können. Die Ballaststoffe gelangen in den Dickdarm und dienen dort bestimmten Bakterien der Darmflora als Nahrung - als Abbauprodukte entstehen Gase. Vor allem wer nur selten ballaststoffreiche Lebensmittel verzehrt, hat danach mit Blähungen zu kämpfen. Ein »geübter«  Darm mit einer passenden Darmflora kommt dagegen gut mit der Verwertung von Ballaststoffen zurecht. Auch eine überhöhte Kohlenhydratzufuhr kann über einen verstärkten mikrobiellen Abbau von noch nicht resorbierten Kohlenhydraten eine Gärungsdyspepsie verursachen.

 

Diabetiker aktiv beraten

 

Acarbose und Miglitol hemmen das Enzym α-Glucosidase und dadurch den Abbau von Kohlenhydraten. Dies führt wunschgemäß dazu, dass der Blutglucosespiegel nach einer Mahlzeit nur langsam steigt. In der Folge gelangen aber vermehrt unverdaute Kohlenhydrate in den Dickdarm und führen dort nach mikrobieller Spaltung zu gesteigerter Gasbildung. Die Symptome sind ernährungs- und dosisabhängig und können im Verlauf der Behandlung nachlassen. Die Beschwerden fallen milder aus, wenn einschleichend dosiert wird. Wichtig ist aber vor allem, die vorgeschriebene Diabetes-Diät einzuhalten, das heißt nur moderat Saccharose (Haushaltszucker) und Saccharose-haltige Nahrungsmittel zu verzehren.

 

Arzt oder Selbstmedikation

 

Plötzlich auftretende, starke quälende Blähungen sollten ärztlich abgeklärt werden, um ernsthafte Darmerkrankungen rechtzeitig erkennen und behandeln zu können. In jedem Fall sollten Kunden mit Gewichtsverlust, starken Schmerzen, Erbrechen, Blut im Stuhl oder mit allgemein schlechtem Gesundheitszustand an den Arzt verwiesen werden. Leichte Beschwerden lassen sich dagegen gut selbst therapieren.

 

Dimeticon und Simeticon, Makromoleküle der Polysiloxangruppe, können die Oberflächenspannung von Gasschäumen im Darm herabsetzen, sodass diese zerfallen. Die Verdauungsgase werden frei und können den Darm auf natürliche Weise, hauptsächlich über die Atemluft, verlassen. Entsprechende Medikamente müssen regelmäßig zum oder nach dem Essen eingenommen werden. Kautabletten sollten fein zerkaut und dann rasch geschluckt werden. Emulsionen sind vor Gebrauch kräftig zu schütteln. Die Substanzen werden nicht resorbiert und sind sehr gut verträglich, auch während Schwangerschaft und Stillzeit. In flüssiger Form sind Dimeticon- und Simeticon-Zubereitungen auch für Säuglinge geeignet.

Polymere mit Silicium

Dimeticon ist ein flüssiges, farbloses und chemisch inertes Polydimethylsiloxan. Simeticon entsteht aus Dimeticon durch Einbau von Siliciumdioxid. Die Substanzen werden außer bei Flatulenz auch zur Reduzierung störender Gasansammlungen bei Endoskopie- und Ultraschalluntersuchungen sowie als Antidot bei Tensid-Intoxikationen eingesetzt. Seit einiger Zeit gibt es Dimeticon-haltige Zubereitungen zur äußerlichen Anwendung bei Kopflaus-Befall. Dabei werden die Kopfläuse durch das Eindringen von Dimeticon in die Tracheen erstickt.

Liegt den Verdauungsbeschwerden ein Mangel an Pankreasenzymen zugrunde, können Enzympräparate hilfreich sein. Sie werden auch in Kombination mit entschäumenden Wirkstoffen angeboten.

 

Therapie mit Heilpflanzen

 

Eine Vielzahl von Heilpflanzen enthält ätherische Öle, die aufgrund ihrer spasmolytischen, gärungswidrigen und verdauungsfördernden Wirkung bei Flatulenz wirkungsvoll eingesetzt werden können. Zu den klassischen Carminativa gehören Pfefferminze, Anis, Fenchel und Kümmel, meist als Tee oder Tinktur. In vielen pflanzlichen Präparaten sind sowohl Carminativa als auch bitterstoffhaltige Drogen wie Pomeranzenschale, Condurangorinde, Wermutkraut und Enzianwurzel enthalten. Da diese die Magensaft- und Galleproduktion anregen, können sie bei Blähungen vor allem dann helfen, wenn Verdauungsstörungen die Ursache der Flatulenz sind. Zubereitungen aus bitterstoffhaltigen Drogen entfalten ihre Wirkung am besten, wenn sie eine halbe Stunde vor der Mahlzeit eingenommen werden. Scharfstoffhaltige Phytopharmaka und Gewürze wie Senfsamen, Kalmus-, Galgant- und Ingwerwurzel steigern ebenfalls die Magensaftsekretion und Darmperistaltik und können so bei Blähungen helfen.

 

Bei krampfartigen Beschwerden schaffen Kamillen- oder Pfefferminztee sowie Wärmeauflagen wie Wärmflasche oder Leibwickel Linderung. Gegen schwere Spasmen im Magen hilft Butylscopolamin, allerdings bedürfen wiederkehrende starke Krämpfe einer Klärung durch den Arzt.

 

In die Reiseapotheke packen

 

Gerade auf der Reise haben viele Menschen mit Flatulenz zu kämpfen. Ungewohnte Nahrung, vor allem aber eingeschränkte Bewegungsmöglichkeiten bei langen Reisen fördern das Festsitzen von Verdauungsgasen. So weit sollte man es gar nicht kommen lassen. Schon vor Antritt der Reise empfiehlt es sich, der Bildung von zähen Gasschäumen im Darm durch entschäumende Präparate vorzubeugen. Dies ist besonders bei Langstreckenflügen zu beachten, denn durch die veränderten Druckverhältnisse an Bord dehnen sich die Darmgase um bis zu 40 Prozent aus und verursachen erheblichen Druck.

Tipps für den Alltag

langsam essen und gründlich kauen

stark blähende Lebensmittel individuell herausfinden und meiden

bei Ernährungsumstellung hin zu einer ballaststoffreichen Kost; mit kleinen Portionen beginnen

auf stark kohlensäurehaltige Getränke verzichten

verdauungsfördernde Gewürze wie Kümmel, Anis, Bohnenkraut, Koriander, Majoran, Thymian, Rosmarin und Ingwer verwenden

gegebenenfalls Gründe für Obstipation klären und behandeln

bei Bedarf Darmflora mit Probiotika regenerieren

ausreichend bewegen

»Winde« fahren lassen; passende Gelegenheiten bewusst herbeiführen

 

Dreimonatskoliken

 

Etwa 80 Prozent der Säuglinge leiden in den ersten drei Lebensmonaten häufig unter Blähungen; bei rund 10 bis 15 Prozent aller Kinder können diese auch zu krampfartigen, äußerst heftigen Bauchschmerzen führen, den sogenannten Dreimonatskoliken. Jungen sind dabei häufiger betroffen als Mädchen. Charakteristischerweise zieht das Baby die Beinchen an den geblähten Bauch, das Gesicht verfärbt sich hochrot, blau oder fahlweiß, die Füße sind meist kalt und die Hände zusammengeballt.

 

Die genauen Ursachen der Dreimonatskolik sind unklar und wahrscheinlich vielschichtig. Diskutiert werden eine unzureichende Entwicklung und damit mangelnde Funktionalität des Magen-Darm-Trakts sowie Nährstoffunverträglichkeiten. Manche Kinderärzte vermuten eine verstärkte Peristaltik, andere wiederum zu langsame Darmbewegungen, welche dann zu einer Ansammlung von Gasen im Darm führen. Auch das Essverhalten scheint einen Einfluss zu haben, wenn der Säugling sehr schnell trinkt und dabei Luft verschluckt, ohne zwischendurch aufzustoßen.

 

Da eine Dreimonatskolik wahrscheinlich von mehreren Faktoren ausgelöst wird, sind unterschiedliche Therapieansätze sinnvoll:

 

Entschäumer oder Fenchel-Anis-Kümmel-Zubereitungen geben,

Bauch im Uhrzeigersinn um den Nabel massieren oder mit Kümmelöl einreiben,

im »Fliegergriff« umhertragen: dabei das Baby mit dem Bauch auf den Unterarm legen, mit der anderen Hand stützen,

Wärmflasche (Achtung: nicht zu heiß!) auf den Bauch legen.

 

Es ist übrigens nicht gerechtfertigt, den stillenden Müttern die Verantwortung für die Blähungen ihrer Kinder zuzuschreiben. Ein allgemeingültiger Zusammenhang zwischen der Ernährungsweise der Mutter und dem Auftreten von Blähungen beim gestillten Säugling ist nicht erwiesen. Nichtsdestotrotz sollten Mütter individuell beobachten, ob der Verzehr bestimmter Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Knoblauch oder Zwiebeln beim gestillten Kind Probleme verursacht und diese dann gegebenenfalls weglassen.

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