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Grußworte

Vor-Ort-Apotheken sind alternativlos

20.09.2017  10:26 Uhr

In ihren Grußworten zur Eröffnung der Expopharm demonstrierten die Partner der Apotheker große Einigkeit mit den Pharmazeuten. Nach dem desaströsen Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom vergangenen Herbst untermauerten sie die Bedeutung der Apotheken vor Ort für die Sicherheit der Arzneimittel-Versorgung und die Qualität der Beratung.

Der Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels (Phagro) stärkt den deutschen Apothekern den Rücken. »Es gibt keine vernünftige Alternative zur Vor-Ort-Apotheke und zum unabhängigen Apotheker«, sagte Phagro-Chef Thomas Trümper bei der Eröffnung der Expopharm in Düsseldorf. Hintergrund ist das Urteil des Europä­ischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem vergangenen Herbst. Versandapotheken aus dem EU-Ausland müssen sich seitdem nicht mehr an die deutschen Preis­vorschriften für rezeptpflichtige Arzneimittel halten und können ihren Kunden – anders als deutsche Apotheken – Rabatte beim Kauf dieser Präparate einräumen.

 

Befürworter des Versandhandels würden in Deutschland seitdem »mit großem Trara und rosa-roter Brille« für scheinbar gute Alternativen zum bewährten System in der Arzneimittelversorgung werben. Dabei beneideten viele Länder in und außerhalb der EU Deutschland um das hohe Versorgungsniveau. Beim Kampf für die Preisbindung und ein Rx-Versandverbot gehe es daher keineswegs darum, sich neuen Ideen entgegenzustellen. Vielmehr wolle man »Bewährtes vor Schlechterem bewahren«, so Trümper. Ohnehin agierten die Verantwortlichen in Brüssel höchst widersprüchlich.

 

Hoffnung auf Sieg der Vernunft

 

So setze man zum einen die Daumenschrauben an, um angeblich die Sicherheit in der Arzneimittelversorgung zu garantieren. Andererseits würden Arzneimittel infolge des EuGH-Urteils nun wie jede beliebige Ware angesehen. Dennoch will Trümper die Hoffnung vor allem mit Blick auf die nahende Bundestagswahl nicht aufgeben. Er hoffe schlichtweg, »dass am Ende die Vernunft überwiegt«, sagte er.

Eigenverantwortliches gesundheitliches Handeln wird in Zukunft immer wichtiger. Die Selbstmedikation und die Bedeutung des Apothekerberufs an der Schnittstelle zwischen Patient und Arzt werden daher künftig an Bedeutung gewinnen, zeigte sich Jörg Wieczorek, Chef des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH), überzeugt.

 

Sie werde womöglich zur zentralen Säule der Gesundheitsversorgung und zur Hauptaufgabe der Apotheker, sagte er. »Ihre Aufgabe wird es noch mehr als bisher schon sein, Patienten durch den Gesundheitsdschungel zu lotsen und beratend und orientierend zur Seite zu stehen«, so Wieczorek. »Dies ­gelingt durch eine qualitativ gute Beratung, nicht mit Flyern und Preisschlachten«, betonte er.

 

Wichtiger Bestandteil der apothekengestützten Selbstmedikation seien auch Switches, also die Entlassung von Arzneimitteln aus der Verschreibungs- in die Apothekenpflicht, sagte Wieczorek. Der BAH wolle dazu beitragen, den Wert solcher Switches zu untermauern und die Apotheker in ihrem Selbstverständnis als heilberufliche Berater zu stärken. »Mit der Beratung zu diesen erklärungsbedürftigen Arzneimitteln können Sie sich profilieren. Das macht Sie als Apotheker einzigartig«, verdeutlichte er. Diese persönliche heilberuf­liche Beratung müsse gestärkt und auch entsprechend honoriert werden.

 

Seit jeher unterstütze der BAH die inhabergeführte Apotheke vor Ort, ­betonte Wieczorek. Das gelte auch beim Thema Rx-Versandhandelsverbot – »und zwar ohne Wenn und Aber«. Das Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln sei eine notwendige und schnell umsetzbare Maßnahme, um den negativen Auswirkungen des EuGH-Urteils umgehend zu begegnen.

 

Arzneimittel zu wichtig zum Feilschen

Aus Sicht der Arzneimittelhersteller ­gehören die Rahmenbedingungen für die Rabattverträge nach der Wahl auf die Agenda der neuen Bundesregierung. Man müsse »grundsätzlich neu aus­balancieren, wie Krankenkassen weiterhin Rabattverträge schließen können, ohne dass diese den Kostendruck auf Generika-Unternehmen soweit verschärfen, dass Arzneimittel­engpässe die Folge sind«, sagte Pro-Generika-Chef Wolfgang Späth. Mit den Apothekern ziehe man bei diesem Thema an einem Strang, so etwa bei der Forderung eines Ausschreibungsverbots für versorgungskritische Wirkstoffe. »Diese sind ganz ­sicher zu wichtig zum Feilschen.«

 

Mit dem Arzneimittel-Versorgungsstärkungsgesetz (AM-VSG) hatte die Große Koalition zuletzt eine Vorlaufzeit für Rabattverträge eingeführt. So dürfen die Verträge frühestens sechs Monate nach der Zuschlags­erteilung in Kraft treten. Auf diese Weise sollen die Gewinner der Ausschreibung zunächst Zeit erhalten, um etwa ausreichend Lager­bestände aufzubauen. Diese Regelung könne allerdings nur ein erster Schritt sein, sagte Späth.

 

Er forderte darüber hinaus eine Verpflichtung der Kassen, bei Ausschreibungen stets mehreren Unternehmen einen Zuschlag zu ­erteilen. Auf diese Weise werde »die Verantwortung für die Versorgung auf mehrere Schultern verteilt«, was letztlich zu mehr Liefersicherheit führe. In der Politik sei dieser Vorschlag grundsätzlich auf positive Resonanz gestoßen, gehandelt habe sie jedoch nicht. Stattdessen setze die Koalition auf die Selbstheilungskräfte im Markt. »Diesen Optimismus teile ich nicht«, so Späth.

 

Gute Zusammenarbeit

Zwischen Apothekern und der forschenden pharmazeutischen Industrie scheint die Stimmung gut zu sein. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller (vfa), Frank Schöning, hob Gemeinsamkeiten und die gute Zusammenarbeit der Marktpartner hervor.

 

»Wir wissen nicht nur zu schätzen, dass unsere Arzneimittel über den Vertriebskanal Apotheke auf bewährte und sichere Art und Weise an die Pa­tienten gelangen. Wir verbinden dies heute auch mit dem besonderen Dank für Ihre damit einhergehenden Beratungsleistungen im tagtäglichen, millio­nenfachen Kundenkontakt. Diese dienen nicht nur unseren Produkten, sondern in allererster Linie der ­Gesundheit der Patienten selbst,« sagte Schöning.

 

Die große Erfahrung der Apotheker und deren Engagement am Ende der Versorgungskette seien »elementar wichtig, um die Versorgung der Patienten nicht nur zu gewährleisten, sondern zu optimieren«. Die Leistung der Apotheker auf diesem Gebiet sei so groß, dass diese als eine Selbstverständlichkeit ab­getan werde. Dies sei aber falsch. Die Versorgung der Patienten sei eine der wichtigsten Aufgaben und Herausforderungen, die Pharmaunternehmen und Apotheken eint.

 

Ebenfalls bestehe Einigkeit darin, dass die Krankenkassen bisweilen ziemlich rabiat agierten, etwa bei Zytostatika- und Impfstoffverträgen. Dort werde »jenseits aller politischen Sensibilitäten« bisweilen gegen die Interessen der Apotheken »durchregiert«. Die forschenden Arzneimittelhersteller hätten für diese Vorgehensweise kein Verständnis.

 

Mit der Politik ging Schöning deutlich härter ins Gericht. Das liegt auch am AM-VSG. Nach einem grundsätzlich ­begrüßenswerten und im Grunde auch erfolgreichen Pharmadialog habe es zum Schluss bei der Industrie Ernüchterung gegeben. Schöning: »Es muss uns weiterhin daran gelegen sein, gemeinsam mit den relevanten Akteuren aus dem politischen und gesellschaftlichen Umfeld das derzeitige Bewertungs- und Preissystem für innovative Medikamente in Deutschland zukunftsfähig weiterzuentwickeln.« Nur so könnten die unterschiedlichen Interessen der Beteiligten zum Ausgleich kommen. /

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