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Den Deutschen geht es gut

19.09.2006
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Den Deutschen geht es gut

Von Conny Becker

 

Den zweiten Gesundheitsbericht für Deutschland stellte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt vergangenen Montag in Berlin vor. Während die Deutschen sich einer steigenden Lebenserwartung und generell guten Gesundheit erfreuen, rauchen, trinken und wiegen sie immer noch zu viel und sollten sich mehr bewegen.

 

Nach 1998 hat Deutschland wieder einen neuen Gesundheitsbericht, den Experten des Robert-Koch-Instituts und des Statistischen Bundesamtes gemeinsam mit der Kommission Gesundheitsberichterstattung erarbeitet haben. Ihm zufolge ist die Lebenserwartung für Bürger der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren gestiegen. Sie liegt für Frauen bei 81,6 und für Männer bei 76 Jahren und damit in Europa mit an der Spitze. Für Gesundheitsministerin Schmidt besonders erfreulich ist: »dass Dreiviertel der über 18-Jährigen in unserem Land ihre Gesundheit als gut oder sehr gut empfinden«.

 

Der Bericht »Gesundheit in Deutschland« enthält aber auch Kritikpunkte. So raucht immer noch jeder dritte Erwachsene. Jede sechste Frau und jeder dritte Mann trinken zu viel Alkohol. Zwar essen die Deutschen bewusster und bewegen sich mehr als noch vor etwa 15 Jahren, dennoch ist die Hälfte der Frauen und etwa Zweidrittel der Männer übergewichtig oder adipös.

 

Durchgängig zu beobachten sei, dass sozial schwächer gestellte Menschen ungesünder lebten, berichtete Professor Dr. Bärbel-Maria Kurth vom RKI. Folglich sei auch die Lebenserwartung im ärmsten Bundesland, Mecklenburg-Vorpommern, am geringsten. Insgesamt habe sich das Gesundheitsverhalten der Ost- und Westdeutschen inzwischen angeglichen. So haben sich Ostdeutsche hinsichtlich körperlicher Aktivität und gesunder Ernährung verbessert; bezogen auf den Body-Mass-Index hat sich der Westen laut Kurth allerdings dem ungünstigen hohen Ostniveau angenähert.

 

Die ehemals ungesündere Lebensweise in Ostdeutschland dürfte auch Grund dafür sein, dass Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen dort häufiger sind als im Westen. An Muskel- und Skeletterkrankungen wie Arthrose oder Osteoporose leiden dagegen mehr Menschen in Westdeutschland. Deutschlandweit beobachteten die Statistiker, dass der Anteil von Herz-Kreislauf-Erkrankungen an der Gesamtsterblichkeit seit 1990 zurückgegangen ist (um 38,2 Prozent bei Männern und 33,1 Prozent bei Frauen). Ebenso sank die Sterblichkeit an Krebserkrankungen, wenngleich die Zahl der Neuerkrankungen immer weiter steigt (2002: 335 Krebsfälle pro 100.000 Einwohner). Wieder an Bedeutung gewinnen laut dem Bericht die vormals rückläufigen Infektionskrankheiten (unter anderem Tuberkulose, HIV oder Syphilis), bedingt durch vermehrtes Reisen, einer Zunahme riskanter Verhaltensweisen und der wachsenden Resistenz von Erregern. So stieg die Zahl von Tuberkulose-Erregern, die mindestens gegen eines der Standardmedikamente resistent sind, von 9 Prozent in 1990 auf 13,3 Prozent in 2003.

 

Eine wachsende Rolle vor allem bei Frühberentungen spielen psychische Erkrankungen, von denen überwiegend Frauen betroffen sind. Platz eins bei der vorzeitigen Berentung stellen aber nach wie vor Krankheiten des Muskel- und Skelettsystems dar: Derzeit leiden etwa jede fünfte Frau und jeder siebte Mann unter chronischen Rückenschmerzen.

 

Der Gesundheitsbericht stellt den Status quo dar, überwiegend auf dem Stand 2004/2005, und liefert damit der Politik einen Überblick über Felder im Gesundheitssystem, in denen Handlungsbedarf besteht. Einer der größten Schwachpunkte derzeit sei, dass Präventionsangebote noch nicht dort ankommen, wo sie besonders benötigt werden. Gerade im Hinblick auf eine immer älter werdende Gesellschaft, gelte als »einzige Antwort: die Stärkung der Prävention und Vermeidung von Folgeerkrankungen«, so Schmidt. Dies werde in den Eckpunkten zur Gesundheitsreform berücksichtigt, ebenso im Präventionsgesetz, das besonders »Setting-Ansätze« betont. Das heißt, Präventionsmaßnahmen werden an Kindergärten, in sozial schwächeren Wohngebieten oder Betrieben angeboten und müssen nicht aktiv nachgefragt werden. Zusätzlich solle ein »Checkheft« für notwendige Vorsorgeuntersuchungen eingeführt werden, das bei guter Führung eine geringere Zuzahlung verspricht. Den 220-seitigen Gesundheitsbericht können Interessierte unter www.rki.de finden oder kostenlos beim Robert-Koch-Institut, GBE, Seestraße 10, 13353 Berlin anfordern.

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