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Arzneipflanzenforschung

Stachelmohn gegen Malaria

10.09.2014
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Von Daniela Biermann, Guimarães / Mexikanischer Stachelmohn wirkt bei milden Malariafällen fast ebenso gut wie Artimisinin, wächst in vielen betroffenen Ländern und ist wesentlich kostengünstiger. Forscher arbeiten an einem klinisch geprüften Mittel für den Eigenanbau, wenn der nächste Arzt weit entfernt ist.

»Auch für traditionell angewandte Heilpflanzen lohnen sich klinische Studien«, sagte Professor Dr. Merlin Willcox von der Universität Oxford auf dem 62. Jahreskongress der Gesellschaft für Arzneipflanzen- und Naturstoffforschung (GA) im portugiesischen Guimarães. Sie seien zudem notwendig, da sich nur mit wissenschaftlichen Daten zuverlässige Dosierungen und Nebenwirkungen feststellen lassen, so der Arzt und Forscher.

Doch für welche Pflanzen lohnt sich der Aufwand? Gegen Malaria werden beispielsweise weltweit rund 1200 verschiedene Pflanzenarten angewendet. Labordaten und herkömmliche ethnobotanische Studien konnten nach einer Analyse von Willcox nicht den Erfolg unter Standardbedingungen voraussagen. Daher wählte sein Team einen anderen Ansatz, die sogenannte »Reverse Pharmacology«. Allein in Mali ermittelten die Wissenschaftler 66 Spezies in 166 Rezepturen gegen Malaria. Sie schauten daher zunächst retrospektiv, welche traditionelle Behandlung bei unkomplizierter Malaria anscheinend geholfen hatte und wählten die Pflanze Argemone mexicana, den Mexikanischen Stachelmohn, aus. Das Mohngewächs stammt ursprünglich aus Süd-Florida und der Karibik und wurde durch die Spanier weltweit verbreitet.

 

Optimale Dosis finden

 

Zunächst schien die Pflanze entgegen der Erwartung der Forscher überhaupt nicht zu wirken, als sie einen mit der Pflanze vertrauten traditionellen Heiler im ländlichen Mali baten, Kinder mit bestätigter leichter Malaria den Stachelmohn wie gewohnt zu verordnen. Statt den Müttern wie sonst üblich einen Sack der getrockneten Pflanze mitzugeben und dem Rat, den Kindern so viel wie möglich von ihrem Tee einzuflößen, verordnete er nur ein kleines Glas für drei Tage. Er dachte, dies sei wissenschaftlicher – ein typisches kulturelles Missverständnis in der Ethnobotanik.

 

Daraufhin entwarfen Willcox und Kollegen eine prospektive Studie mit 80 Kindern, größtenteils jünger als fünf Jahre. Diesmal ließen sie den Heiler die Pflanze in drei verschiedenen Dosen über unterschiedliche Zeiträume verordnen. Tatsächlich ging es dem Großteil der Kinder mit mittlerer bis hoher Dosis nach sieben Tagen besser (73 und 65 Prozent klinische Besserung versus 35 Prozent bei niedrigster Dosis) und die Parasitenlast im Blut war deutlich gesunken. Kein Patient musste aufgrund einer Verschlimmerung der Symptome ins weit entfernte Krankenhaus. Allerdings zeigten sich bei der höchsten Dosis Auffälligkeiten im EKG.

 

Artimisinin ebenbürtig

 

Im nächsten Schritt führte das Team eine randomisierte, kontrollierte Studie durch. Die Kinder erhielten entweder eine Artimisinin-kombinierte Standardtherapie (ACT) oder zweimal täglich eine Tasse Tee aus der Mohnpflanze. Bei 89 Prozent der Kinder, die Tee erhalten hatten, kam es zu einer klinischen Verbesserung gegenüber 95 Prozent unter ACT, bei besserer Verträglichkeit in der Tee-Gruppe. Die Pflanze eigne sich also gewissermaßen als Erste-Hilfe-Maßnahme bei unkomplizierter Malaria oder wenn kein Arzt erreichbar ist.

 

Anschließend suchten die Forscher nach den aktiven Substanzen der Pflanze und fanden die Alkaloide Berberin, Protopin und Allocryptopin. Allerdings sind sie schlecht bioverfügbar und ließen sich kaum im Blut nachweisen. »Wie die Pflanze wirkt, wissen wir daher derzeit nicht«, räumt Willcox ein. Fernes Ziel sei es, einen standardisierten Eigenanbau zu betreiben. »Wir wollten kein neues, patentgeschütztes Arzneimittel entwickeln, sondern ein zuverlässiges, erschwingliches, verbessertes Phytopharmakon für die Menschen in armen Gegenden.« Der ganze Prozess habe sechs Jahre gedauert und etwa 400 000 Euro gekostet – ein Bruchteil der üblichen Entwicklungskosten in der Pharmaindustrie. Tatsächlich sei seitdem die Nutzung der Pflanze gestiegen – nicht als Ersatz, aber als Ergänzung der üblichen Malariatherapeutika. Die Forschungsinitiative für traditionelle Malaria-Methoden (http://giftsofhealth.org/ritam) setzt sich daher dafür ein, mehr solcher Studien durchzuführen. /

 

Mehr zum GA-Kongress lesen Sie in der Druckausgabe PZ 37/2014 im Ressort Verbände

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