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Arzneimittelatlas

Zwangsrabatt hilft Arzneikosten sparen

13.09.2011
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Von Uta Grossmann, Berlin / Die forschenden Arzneimittelher­steller fordern, den Zwangsrabatt auf den Prüfstand zu stellen. Er war vor einem Jahr von sechs auf 16 Prozent erhöht worden, um die Arzneimittelausgaben zu bremsen. Nun zeigt sich, dass die Kassen sogar einen Milliardenüberschuss erwirtschaften.

Die Arzneimittelkosten der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind im Jahr 2010 um 177 Millionen Euro auf 30,2 Milliarden Euro angestiegen. Das ist im Vergleich zu 2009 ein Anstieg um 0,6 Prozent. 2009 fiel der Anstieg mit 5,7 Prozent deutlich höher aus. Diese Zahlen nennt der vorige Woche in Berlin vorab vorgestellte Arzneimittelatlas 2011. Das Buch erscheint im Oktober. Das Berliner IGES-Institut hat den Atlas im Auftrag des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA) auf Basis von GKV-Marktdaten von Insight Health erstellt.

 

Mehrverbrauch an Medikamenten geht zurück

 

IGES-Chef und Atlas-Herausgeber Professor Dr. Bertram Häussler nannte als Gründe für den geringen Ausgabenanstieg den seit Jahren rückläufigen Mehrverbrauch an Arzneimitteln und die Erhöhung des Herstellerrabatts von sechs auf 16 Prozent, die im August 2010 wirksam wurde. VFA-Hauptgeschäftsführerin Birgit Fischer forderte, den Zwangsrabatt auf den Prüfstand zu stellen – auch angesichts der Milliardenüberschüsse bei den Krankenkassen. Nachdem voriges Jahr für 2011 ein Kassendefizit von 3,2 Milliarden Euro prognostiziert worden war, ist nun von einem GKV-Überschuss von 3,5 Milliarden Euro die Rede. Die Arzneimittelhersteller haben nach Angaben des Arzneimittelatlas im Jahr 2010 gut eine Milliarde Euro mehr Rabatt gewährt als im Vorjahr.

Der erhöhte Zwangsrabatt schlug dabei mit 660 Millionen Euro zu Buche. »Ein Zwangsrabatt kann nur in einer Notsituation einmalig helfen«, sagte Fischer. Er lasse sich nicht unter allen Umständen rechtfertigen und aufrechterhalten. Als Sparmaßnahme greife er zu kurz und löse keine Probleme des Gesundheitssystems, sagte Fischer.

 

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) muss den Herstellerrabatt von 16 Prozent, der zunächst bis 2013 gelten soll, ohnehin jährlich überprüfen – das fordert das Gesetz, bestätigte ein Ministeriumssprecher der Pharmazeutischen Zeitung. Mit Blick auf die im Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG) eingeführte frühe Nutzenbewertung und die Preisverhandlungen für innovative Arzneimittel sorgen sich die Pharma­her­steller, ob das künftige Abwicklungsprozedere die Interessen der Industrie ausreichend berücksichtigt.

 

Frühe Nutzenbewertung und Preisverhandlungen sollen nicht bl0ß als reine Budgetinstrumente gangbar gemacht werden. VFA-Hauptgeschäftsführerin Fischer sagte, eine politische Begleitung und Moderation des Prozesses sei notwendig. Es gebe handfeste Probleme wie die Frage, wie man eine zweckmäßige Vergleichstherapie definiert. Denn die Vergleichstherapie hat Einfluss auf den Preis, der zwischen den Spitzenverbänden der Pharma­industrie und dem GKV-Spitzenverband auszuhandeln ist. Auch die Vergleichbarkeit von Abgabepreisen in unterschiedlichen europäischen Ländern halten die Hersteller für fragwürdig.

 

Fischer: Zukunftschancen offenhalten

 

Fischer plädierte dafür, jetzt eine gesellschaftliche Debatte zu führen, bevor kritische Verfahren etabliert seien und ungewollte Wirkungen zeigten. Es gelte, Spielregeln zu etablieren, die Zukunftschancen offenhalten. Das Ringen um Bewertungs- und Vergleichskriterien dürfe nicht dazu führen, dass Innovationen künftig blockiert und der hohe Standard der Versorgungsqualität in Deutschland gefährdet werden.

 

Die forschenden Arzneimittelhersteller können ihre Forschungsbemühungen mit Erfolgen belegen. 24 neue Medikamente brachten sie 2010 auf den Markt. Bei HIV, Rheuma und in der Schlaganfall-Prävention seien erhebliche Fortschritte in der Therapie durch innovative Arzneimittel erreicht worden, sagte Fischer. In der Krebsbehandlung kündigten sich gerade Umwälzungen an, bei Hepatitis-C gar ein »Quantensprung«. /

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