Pharmazeutische Zeitung online
Typ-2-Diabetes

Skalpell statt Spritze?

13.09.2011
Datenschutz bei der PZ

Von Christiane Berg und Annette Mende / Chirurgen fordern eine breitere Anwendung von operativen Magenverkleinerungen und -bypässen als kurative Therapie für Typ-2-Diabetiker. Widerspruch kommt von der Deutschen Diabetes Gesellschaft. Sie spricht von »undifferenzierten Heilsversprechen für Menschen mit Diabetes«.

»Die wissenschaftliche Evidenz der metabolischen Chirurgie zur Therapie des Diabetes mellitus Typ 2 und des metabolischen Syndroms ist belegt.« Das betonten Professor Dr. Lars Sjöström, Göteborg, und Professor Dr. Matthias Blüher, Leipzig, auf dem Weltkongress der Internationalen Vereinigung für Chirurgie der Adipositas und Stoffwechselerkrankungen (IFSO) in Hamburg.

 

Sjöström stellte Ergebnisse der seit 1987 laufenden Swedish Obese Subjects (SOS) Studie vor: Über zwei Jahrzehnte wurden in der Langzeit-Untersuchung etwa 4000 adipöse Menschen beobachtet, die zur einen Hälfte konservativ, also bewegungs-, ernährungs- und verhaltenstherapeutisch, zur anderen Hälfte chirurgisch mit Magenbandagen, vertikaler Gastroplastie oder Magenbypässen behandelt wurden.

 

In der Gruppe der Operierten war das Gewicht nach zehn Jahren um durchschnittlich 19,2 kg, die Diabetes-Inzidenz auf 75 Prozent reduziert. Bei mehr als 70 Prozent der insulinpflichtigen Patienten kam es kurz nach der Operation zu einer Diabetes-Remission. Die Patienten konnten auf eine Insulin-Gabe verzichten. Nach zehn Jahren befand sich noch immer die Hälfte dieser Patienten in Remission. In der konservativ behandelten Gruppe war dagegen nach zehn Jahren eine Zunahme des Gewichts von durchschnittlich 1,3 kg zu verzeichnen. Diabetes-Remissionen konnten nicht erzielt werden. Die Gesamtsterblichkeit der Chirurgiegruppe war im Vergleich zur Kontrollgruppe in dieser Zeit um 29 Prozent verringert.

»Speziell die schon direkt nach der OP zu verzeichnenden metabolischen Effekte sind bemerkenswert«, sagte Blüher. Endgültige Daten ständen noch aus, doch wisse man, dass durch die Minimierung der Nahrungs­passage die Ausschüttung gastrointestinaler Hormone wie GLP-1 (Glucagon-like Peptide 1), GIP (glucose dependent insulinotropic polypeptide) oder auch Ghrelin verändert wird. In der Folge haben die Patienten weniger Hunger und sind schneller satt. Es wird vermehrt Insulin produziert.

 

Metabolische OP-Effekte

 

Blüher: »Von der veränderten Hormonsekretion profitieren auch weniger stark übergewichtige und wahrscheinlich sogar normalgewichtige Menschen. Auch hier scheint das Prinzip zu funktionieren. Es muss aber noch in weiteren Studien überprüft werden.« Die Universität Heidelberg habe daher die randomisierte Studie DiaSurg2 auf den Weg gebracht, in der die Wirksamkeit chirurgischer Maßnahmen bei nicht übergewichtigen Diabetikern gezielt getestet werden soll.

 

Wie Blüher forderte auch der IFSO-Kongresspräsident Professor Dr. Rudolf Weiner, Frankfurt am Main, die Aufnahme der metabolischen Chirurgie zur Therapie von Adipositas mit metabolischen Komorbiditäten einschließlich Vor- und Nachsorge ab einem BMI von 30 in den Leistungskatalog der GKV. Diese könne die Kosten durch herkömmliche Therapieoptionen, beispielsweise Diabetes-Medikamente und Insulin, senken. Die entsprechende Weiterbildung von Ärzten, Apothekern und Diätassistenten zur Nachsorge müsse voran­getrieben werden.

Allein durch die Zunahme von Diabetes mellitus infolge der weltweiten Adipositas-Epidemie sei mit einem »volkswirtschsaftlichen Tsunami« zu rechnen. Derzeit werden in Deutschland jährlich etwa 6000 Patienten operiert. Nach Schätzungen der Expertengruppe »Metabolische Chirurgie«, der sowohl Blüher als auch Weiner angehören, kommen pro Jahr mehr als 20 000 Patienten für einen chirurgischen Eingriff infrage.

 

Kritik von der Deutschen Diabetes Gesellschaft

 

In einer Pressemitteilung bezeichnete Professor Dr. Andreas Fritsche, Pressesprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), diese Aussagen der Expertengruppe als »wissenschaftlich nicht belegte Propagierung einer langfristig nicht geprüften Therapieoption«. Er widersprach deren Forderung, »die metabolischen Effekte der chirurgischen Intervention nicht nur bei stark adipösen Typ-2-Diabetikern, sondern beispielsweise bereits bei Patienten mit einem Body Mass Index (BMI) von > 30 kg/m2« zu nutzen. Laut Fritsche liegen »bislang keine wissenschaftlich hochwertigen Stu­dien vor, die bei Diabetes-Patienten mit einem BMI von 30 bis 35 chirurgische Maßnahmen mit einer optimalen konservativen medikamentösen Therapie vergleichen«.

 

Fritsche verweist auf die möglichen Nebenwirkungen beziehungsweise negativen Folgen der OP. Neben den Risiken des Eingriffs selbst seien das unter anderem Vitaminmangel, Unterzuckerungen und Depressionen. Eine zunächst vielversprechende Therapie für schwer übergewichtige Patienten sollte daher »nicht undifferenziert für alle Patienten mit Typ-2-Diabetes und einem BMI über 30 propagiert werden«, so Fritsche. / 

Mehr von Avoxa