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Biotech-Branche

Forschungsstark und krisenfest

13.09.2010
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Von Uta Grossmann / In der deutschen Biotechnologie-Branche sind über 500 innovative, forschungsintensive Firmen versammelt. In der Wirtschaftskrise hat sich die Branche stabiler als viele andere gezeigt.

Die Biotechnologie ist ein weites Feld, auf dem die Gentechnik in vielerlei Verfahren zum Einsatz kommt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD definiert Biotechnologie als »Anwendung von Wissenschaft und Technik auf lebende Organismen, Teile von ihnen, ihre Produkte oder Modelle von ihnen zwecks Veränderung von lebender oder nichtlebender Materie zur Erweiterung des Wissensstandes, zur Herstellung von Gütern und zur Bereitstellung von Dienstleistungen«.

 

Bakterien produzieren Humaninsulin

 

Mit Methoden der Gentechnik und der Molekularbiologie werden »Mikroorganismen derart genetisch verändert, dass sie neue Eigenschaften erhalten« – so erklärt die Bundesregierung auf ihrer Homepage, wie die Biotechnologie vorgeht. Bekanntes Beispiel ist das Humaninsulin zur Behandlung von Diabetes, das Bakterien produzieren, deren Erbanlagen verändert worden waren. Seit 1982 wird Humaninsulin mittels Gentransfer industriell hergestellt. Innerhalb der Biotechnologie gibt es verschiedene Zweige. Die »rote« Biotechnologie widmet sich der Entwicklung von Medikamenten oder diagnostischen Methoden.

Auf diesem Gebiet sind 241 der 531 Bio­technologie-Unternehmen tätig, die www.biotechnologie.de im Branchenbe­richt 2010 als reine Biotech-Firmen aus­weist. Die Website führt im Auftrag des Bundesminis­teriums für Bil­dung und For­schung (BMBF) seit 2006 Firmenumfra­gen nach OECD-Richtlinien durch, um international vergleichbare Kennzahlen der deutschen Biotech-Branche zu erheben.

 

51 Unternehmen zählen in Deutschland zur industriellen oder »weißen« Biotech­nologie, die technische Enzyme, neue Biomaterialien oder biotechnologische Produktionsprozesse entwickelt. Mit der »grünen« Pflanzenbiotechnologie befas­sen sich 24 Firmen, mit der Bioinfor­ma­tik 23 Unternehmen. Die restlichen 192 Firmen sind keinem dieser Gebiete ein­deutig zuzuordnen, sondern bieten sogenannte nichtspezifische Dienstleistungen für die Biotechnologiebranche an. Die jüngste Umfrage von biotechnologie.de wurde im April vorgestellt. Demnach ist die deutsche Biotechnologie im Gegensatz zu anderen Branchen in der Krise gewachsen. Die Zahl der Biotechnologie-Firmen stieg von 501 im Jahr 2008 auf 531 (2009). Der Umsatz hielt sich im Krisenjahr 2009 mit zwei Milliarden Euro auf Vorjahresniveau. 17 Firmen wurden neu gegründet (2008 und 2009 waren es jeweils 15), fünf Firmen mussten Insolvenz anmelden. In den Vorjahren lag die Zahl der insolventen Firmen im zweistelligen Bereich.

 

Geografische Schwerpunkte der Biotech-Branche sind München, das Rheinland, die Region Berlin-Brandenburg und Baden-Württemberg. Im gesamten kommerziellen Biotechnologiebereich der deutschen Wirtschaft arbeiten laut biotechnologie.de 31 600 Menschen, ein Zuwachs von fünf Prozent im Vergleich zu 2008; die reinen Biotech-Unternehmen kommen auf 14 950 Mitarbeiter (plus 3,5 Prozent).

 

Kleine Firmen überwiegen

 

45 Prozent der Biotech-Firmen haben weniger als zehn Mitarbeiter, in weiteren 42 Prozent sind zwischen zehn und fünfzig Menschen angestellt. Nur 28 deutsche Biotechnologie-Firmen haben mehr als hundert Mitarbeiter – die größte ist der Aufreinigungs- und Diagnostikspezialist Qiagen aus Nordrhein-Westfalen, der in Deutschland 1100 seiner weltweit 3500 Mitarbeiter beschäftigt.

 

Weltweit steht der Standort Deutschland in der Biotechnologie gut da. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) bezeichnet Deutschland in einer neuen Broschüre, die am 1. Oktober erscheint, als »Europameister für Biopharmazeutika«. Weltweit sei Deutschland bei der Produktion gentechnisch hergestellter Arzneimittel nach den USA die Nummer zwei. Länder wie Japan oder Indien rangierten weit dahinter. Innerhalb Deutschlands sind die größten Standorte der gentechnischen Wirkstoffproduktion Frankfurt am Main (Sanofi-Aventis), Penzberg (Roche) und Biberach (Boehringer Ingelheim). Nach VFA-Angaben werden in Deutschland 19 Wirkstoffe zugelassener Biopharmazeutika produziert, weitere Wirkstoff-Kandidaten werden in klinischen Studien erprobt.

 

Mit Biopharmazeutika, also Arzneimitteln, deren Wirkstoffe mithilfe gentechnisch veränderter Organismen hergestellt werden, wurde 2009 in Deutschland ein Umsatz von knapp 4,7 Milliarden Euro zu Herstellerabgabepreisen erwirtschaftet (Apotheke und Krankenhaus; siehe Grafik). Diese Zahl nennt die Studie »Perspektiven zum Wirtschaftsstandort Deutschland«, die auf einer gemeinsamen Umfrage der Boston Consulting Group (BCG) und der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland beruht und im April vorgestellt wurde.

 

Moderates Wachstum

 

Gegenüber dem Vorjahr wuchs der Umsatz mit Biopharmazeutika um 5,4 Prozent, wobei vor allem Immunologieprodukte gegen Rheumatoide Arthritis und weitere Autoimmunkrankheiten sowie Krebsprodukte (Antikörperpräparate gegen Darm- und Brustkrebs) für das Umsatzplus sorgten. Einen signifikanten Einbruch gab es bei den Antiinfektiva, deren Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um fast 30 Prozent zurückging. Die Studie begründet das mit dem »rückläufigen Einsatz der beiden Impfstoffe zur Prävention von Gebärmutterhalskrebs durch menschliche Papillomviren (HPV)«.

Der Gesamtumsatz mit gen­tech­nischen Präparaten im deut­schen Apothekenmarkt zu Apo­thekenverkaufspreisen be­trug 2009 nach Berechnun­gen des VFA Bio, der Interessen­grup­pe Biotechnologie im VFA, 4,5 Milliarden Euro.

 

Erster deutscher Antikörper

 

Der gesamte deutsche Pharma­markt erzielte 2009 einen Mehr­umsatz von 3,9 Prozent im Ver­gleich zu 2008. Der Anteil der Biopharmazeutika am Gesamt­phar­mamarkt blieb nach Anga­ben der BCG-Studie 2009 stabil bei 16 Prozent. Dabei liegt der Prozentsatz in einzelnen Thera­pie­bereichen deutlich höher.

 

Beispielsweise machen Bio­pharmazeutika in der Immu­no­logie bereits 67 Prozent des Umsatzes im gesamten Phar­ma­markt aus, in den Gebieten Stoffwechsel (etwa Insuline gegen Diabetes) und Onkologie sind es jeweils fast ein Drittel (32 beziehungsweise 29 Prozent).

 

Für Schlagzeilen sorgte 2009 der erste von einer deutschen Biotech-Firma entwickelte trifunktionale Krebsantikörper, Catumaxumab (Removab) gegen Bauchwassersucht (maligner Aszites) von der Münchener Trion Pharma.

 

Seit sich die Biotechnologie Mitte der 90er-Jahre in Deutschland kommerzialisiert hat, haben deutsche Biotech-Firmen Hunderte von diagnostischen Produkten auf den Markt gebracht, aber nur acht innovative Medikamente. Der Grund: Die Entwicklung von biotechnologischen Therapeutika dauert am längsten und verschlingt am meisten Kapital. Die meist kleinen, forschungsstarken aber kapitalarmen Firmen sind auf die Finanzierung durch Wagniskapital (Venture Capital, VC) angewiesen. Doch an dieses Wagniskapital ist immer schwerer heranzukommen, wie Olaf Wilhelm, Vorstandsmitglied des Branchenverbandes der Biotechnologie-Industrie Bio Deutschland, während der Biotechnica im Juni in Düsseldorf berichtete. Innovativ arbeitende kleine und mittlere Biotech-Unternehmen erhielten für die Entwicklung der Produktkandidaten kaum Kredite, sagte Wilhelm.

 

Nach seinen Angaben hat die Verfügbarkeit von Wagniskapital 2009 nochmals spürbar um rund 30 Prozent auf 140 Millionen Euro abgenommen. Die Unternehmen mussten sich deshalb auf wenige vielversprechende Kandidaten in der Produkt-Pipeline konzentrieren.

Eine weitere Möglichkeit, um mit dem Finanzierungsengpass zu­rechtzukommen, sind Kol­labora­tionen und strategische Partner­schaf­ten kleiner und mittlerer Biotechfirmen mit Vertretern der traditionell zur Groß-Industrie zählenden Pharma- und Chemie-Konzerne.

 

Investitionen in die Forschung

 

Eine gute Nachricht ist die nach wie vor hohe Bereitschaft der Bio­tech-Unternehmen, in Forschung und Entwicklung (F&E) zu inves­tieren. Eine Milliarde Euro steck­ten sie 2009 nach Zahlen von Bio Deutschland in F&E. Je nach Unternehmen sind das mindestens 25 Prozent, oft sogar mehr als 50 Prozent der Ausgaben. Die forschenden Pharmaunternehmen insgesamt investieren in Deutschland etwa 13 Prozent ihres Umsatzes in F&E-Aktivitäten, ein im Vergleich zur restlichen Industrie immer noch sehr hoher Anteil.

 

Die Summe öffentlicher Fördermittel betrug nach Angaben der Informationsplattform biotechnologie.de im Jahr 2009 insgesamt 51 Millionen Euro und ist damit über die vergangenen Jahre hinweg konstant geblieben. /

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