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Pharmazeutische Betreuung

Schwester Agnes auf Hausbesuch

10.09.2007
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Pharmazeutische Betreuung

Schwester Agnes auf Hausbesuch

Von Thomas Fiß, Wolfgang Hoffmann und Christoph Ritter

 

An der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald, wird ein neues Versorgungskonzept getestet, das die Pharmazeutische Betreuung weiter verbessern soll. Dreh- und Angelpunkt des Modellprojekts »AGnES«: Schwestern oder Arzthelferinnen, die alte und multimorbide Menschen daheim betreuen.

 

Das Ausmaß von arzneimittelbezogenen Problemen ist bekannt: Der Anteil arzneimittelbedingter Krankenhausaufenthalte an der Gesamtheit der internistischen Krankenhausaufnahmen liegt bei durchschnittlich 3 Prozent (1). Dabei sind nur wenige Wirkstoffgruppen Verursacher der Probleme (2-4). Multimorbide, eingeschränkt mobile Patienten sind relativ häufiger von dieser Situation betroffen (5-7). Vor dem Hintergrund, dass ein Großteil der arzneimittelbezogenen Probleme vermeidbar ist, zeigt sich ein erhöhter Bedarf für Pharmazeutische Betreuung dieser Patientengruppe (6-10). Die Datenlage hinsichtlich der Erfassung arzneimittelbezogener Probleme und deren Vermeidung aus der Häuslichkeit heraus ist bislang ungenügend. Vor allem integrative Versorgungsmodelle können die Pharmazeutische Betreuung effektiver in den Alltag integrieren. Die Kompetenzen der Apotheke am Ort mit ihren kurzen Versorgungswegen können durch neue Betreuungsformen ergänzt werden.

 

Als modernes Konzept zur Unterstützung der Hausärzte in ländlichen Regionen ist am Institut für Community Medicine der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald, das Konzept der Community Medicine Nurse entwickelt worden. Während der Implementationsstudie wurden die Module unterstützendes Monitoring, Telemedizin, Prävention und Pharmazeutische Betreuung entwickelt. Hinter dem Namen AGnES (arztentlastende gemeindenahe E-Health-gestützte systemische Intervention) verbirgt sich eine speziell qualifizierte Community-Medicine Nurse (CM-Nurse) mit der Primärqualifikation zur Gesundheits- und Krankenpflegerin und einer umfangreichen Zusatzausbildung in den Bereichen Telemedizin, Ökonomik und Pharmakotherapie. Aktuell gibt es das Projekt AGnES in Mecklenburg-Vorpommern mit drei CM-Nurses sowie das Modellprojekt Gemeindeschwester in Brandenburg mit ebenfalls drei CM-Nurses. In Sachsen sind im Juli diesen Jahres noch vier weitere CM-Nurses hinzugekommen.

 

Alte und Multimorbide als Zielgruppe

 

Im Delegationsverfahren des Arztes besucht die CM-Nurse den Patienten in der Häuslichkeit und übernimmt Aufgaben der Gesundheitsüberwachung. Durch den engen Kontakt und das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Schwester ergibt sich eine Vielzahl weiterer Interventionsmöglichkeiten. Zielgruppe sind vor allem alte, multimorbide und in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen. Ziele des Moduls Pharmazeutische Betreuung sind unter anderem die Verbesserung der medikamentösen Therapie durch die intensivierte Zusammenarbeit Arzt-Apotheker-CM-Nurse sowie die Erhöhung der Arzneimittelsicherheit. Durch permanentes Monitoring kann die Änderung des Gesundheitszustandes gut beobachtet und evaluiert werden. Im Rahmen des Moduls Pharmazeutische Betreuung erfolgen zu zwei Zeitpunkten datenbankgestützte Medikamentenanamnesen, die die CM-Nurse anhand eines standardisierten Patienteninterviews durchführt. Der bisher nicht untersuchte Ansatz besteht darin, hierbei auch OTC-Präparate mitzuerfassen.

 

Ein zur Durchführung des Patienteninterviews entwickelter Fragebogen fokussiert auf mögliche Probleme im Zusammenhang mit der Arzneimittelanwendung. Dazu gehören Fragen der Compliance, der Dosierung, mögliche Interaktionen sowie Nebenwirkungen. Als Basis einer optimalen Pharmazeutischen Betreuung durch den Apotheker sammelt die CM-Nurse eine Vielzahl relevanter Informationen zu den genannten Problemen. Die Pharmazeutische Betreuung des Apothekers soll zusätzlich den Arzneimittel-Check aller erfassten Medikamente sowie die Dosierungskontrolle, die Suche nach Kontraindikationen und die Interaktionsprüfung auf Basis der ABDA-Datenbank beinhalten. Grundlage einer Intervention durch den Apotheker ist die Dokumentation der Analyse auf dem eigens für die Studie entwickelten Dokumentationsbogen als innovatives Instrument der Pharmazeutischen Betreuung und der intensivierten Kommunikation. Trotz des Mehraufwandes für die Apotheken sind bislang in den Studienregionen alle lokalen Apotheken an der Studie engagiert beteiligt.

 

Studien belegen Nutzen

 

Drei bereits abgeschlossene Implementierungsstudien mit neun beteiligten Apotheken belegen die gute praktische Umsetzbarkeit sowie den Nutzen des Moduls Pharmazeutische Betreuung. Im Rahmen einer Diplomarbeit wurden in der Pilotregion Sassnitz auf der Insel Rügen 20 multimorbide Patienten mit einem Durchschnittsalter von 75 Jahren zu Hause besucht. Bei zwei Erhebungszeitpunkte wurden, bereinigt um die doppelt erfassten Packungen, 284 Medikamente erfasst, davon waren 11,3 Prozent verfallen. Viele Medikamente wurden im falschen Abstand zum Essen eingenommen. Die Interaktionsprüfung in der Apotheke ergab 56 Interaktionen der verschiedenen Schweregrade. Erfreulicherweise wurde keine schwere Interaktion gefunden. Ein Drittel der Warnungen wurden durch OTC-Präparate oder Nahrungsbestandteile ausgelöst. Das vor Beginn der Studie entwickelte Interventionsschema für identifizierte arzneimittelbezogene Probleme erwies sich als sinnvoller Leitfaden für eine standardisierte Intervention. Es konnten noch eine Vielzahl anderer Probleme identifiziert werden. Hierzu gehörten vor allem Compliance-Probleme, sodass die Medikamente nicht entsprechend der ärztlichen Vorschrift eingenommen wurden. Aber auch Nebenwirkungen wurden aufgrund der systematischen Abfrage identifiziert. Die Patienten wünschten sich weiterhin eine kontinuierliche Betreuung und werteten die bisherigen Interventionen im Rahmen der Studie als positiv.

 

Ausblick auf zukünftige Studien

 

Zukünftige Studien schließen ein größeres Patientenkollektiv ein und dienen der statistischen Validierung und Outcomemessung. Als Outcome-Parameter sollen die permanent durch die CM-Nurse erfassten Werte Blutdruck sowie Blutzucker und HbA1c genutzt werden. Auch die Apotheken am Ort sollen wieder in den Prozess der Betreuung eingeschlossen werden und so ihre Kompetenzen als Heilberufler stärken können. In den ländlichen Regionen Sachsens haben sich bereits 18 Apotheken zur Teilnahme bereit erklärt. Die Anamnesedurchführung erfolgt durch die CM-Nurse und die erfassten Daten werden anschließend zum Apotheker übermittelt. Nach der klinisch-pharmazeutischen Auswertung durch den Apotheker erhält der Arzt die Auswertung und sucht gegebenenfalls mit dem Apotheker nach entsprechenden Lösungen.

Literatur

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Suh DC, Woodall BS, Shin SK, Hermes-De Santis ER. Clinical and economic impact of adverse drug reactions in hospitalized patients. Ann Pharmacother 2000 Dec; 34(12): 1373-1379.

Leape LL. Error in medicine. JAMA 1994 Dec 21; 272(23): 1851-1857.

Gandhi TK, Weingart SN, Borus J, Seger AC, Peterson J, Burdick E, et al. Adverse drug events in ambulatory care. N Engl J Med 2003 Apr 17; 348(16): 1556-1564.

Moore N, Lecointre D, Noblet C, Mabille M. Frequency and cost of serious adverse drug reactions in a department of general medicine. Br J Clin Pharmacol 1998 Mar; 45(3): 301-308.

Gurwitz JH, Field TS, Avorn J, McCormick D, Jain S, Eckler M, et al. Incidence and preventability of adverse drug events in nursing homes. Am J Med 2000 Aug 1; 109(2): 87-94.

Winterstein AG, Sauer BC, Hepler CD, Poole C. Preventable drug-related hospital admissions. Ann Pharmacother 2002 Jul; 36(7-8): 1238-1248.

Goettler M, Schneeweiss S, Hasford J. Adverse drug reaction monitoring: cost and benefit considerations. Part II: cost and preventability of adverse drug reactions leading to hospital admission. Pharmacoepidemiol Drug Saf 1997 Oct; 6 Suppl 3: S79-S90.

Howard RL, Avery AJ, Slavenburg S, Royal S, Pipe G, Lucassen P, et al. Which drugs cause preventable admissions to hospital? A systematic review. Br J Clin Pharmacol 2006 Jun 26.

McDonnell PJ, Jacobs MR. Hospital admissions resulting from preventable adverse drug reactions. Ann Pharmacother 2002 Sep; 36(9): 1331-1336.

 

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