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Zahnungsprobleme

Schmerzhafter Durchbruch

12.09.2006
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Zahnungsprobleme

Schmerzhafter Durchbruch

Von Sven Siebenand

 

Wenn die ersten Zähnchen kommen, ist es mit der Ruhe des Babys erst einmal vorbei. Das Kind ist unruhig, quengelt, weint und sabbert viel. Die gestressten Eltern sind dankbar für Therapieempfehlungen und Ratschläge, um die Schmerzen des Nachwuchses zu lindern.

 

Bereits in der sechsten bis achten Schwangerschaftswoche entstehen beim Embryo die Zahnleisten, aus denen sich die Keimanlagen für die 20 Milchzähne und die 32 bleibenden Zähne bilden. Ab dem vierten Monat lagern sich Mineralien in die werdenden Zähne ein und sorgen damit für die notwendige Verfestigung und Härtung. »Besonders wichtig für die Mineralisation des Milchgebisses ist der Zeitraum vom fünften bis siebten Schwangerschaftsmonat«, sagt Dr. Miriam Landgraf, Gemeinschaftspraxis für Kinder- und Jugendzahnheilkunde in Bad Soden. Zum Zeitpunkt der Geburt sind die Kronen der mittleren Schneidezähne bereits fertig ausgebildet, die restlichen Kronen sind etwa zur Hälfte mineralisiert.

 

Die Schmerzen und Probleme beginnen dann, wenn die noch versteckten Zähne nach der Geburt weiter wachsen und irgendwann der erste Milchzahn die Mundschleimhaut durchbricht. Das geschieht im Normalfall zwischen dem sechsten und neunten Monat. Üblicherweise treten zunächst die zentralen, dann die seitlichen Schneidezähne hervor. Danach folgen die Backen- sowie die Eckzähne. Begleiterscheinungen des Zahndurchbruchs sind vermehrtes Sabbern, ein gerötetes, empfindliches Zahnfleisch sowie bei manchen Kindern Schmerzen und Quengeligkeit.

 

Kauen hilft

 

Viele Babys helfen sich bei Zahnungsschmerzen selbst, indem sie die Faust in den Mund nehmen und darauf kauen. Das erzeugt Gegendruck und lindert den Schmerz. Ebenso geeignet sind mit Wasser oder Kühlmasse gefüllte Beißringe. Denn harte Gegenstände unterstützen den Durchbruch des Zahnes und massieren das gereizte Zahnfleisch. Die Beißringe sollten im Kühlschrank, keinesfalls im Eisfach gekühlt werden. Exemplare mit dem Weichmacher Phthalat sind in der EU mittlerweile verboten. Besorgte Eltern achten häufig auf Vermerke wie »ohne Weichmacher«, »ohne Phthalat« oder »PVC-frei« oder sie greifen gleich zu Modellen aus Polyethylen (PE) oder Polypropylen (PP).

 

Als natürliche Alternative zu den Beißringen schwören einige Eltern auf Veilchenwurzel aus der Apotheke. Experten weisen allerdings darauf hin, dass die Wurzelstücke bakteriell belastet sein könnten. In jedem Fall sollten die Eltern die Wurzel daher regelmäßig auskochen. Unter Aufsicht (damit sich das Kind nicht daran verschluckt) sind auch Karotten aus dem Kühlschrank oder Brotrinde weitere natürliche Alternativen.

 

Homöopathische Alternativen

 

Wenn der Säugling trotz Beißübungen gereizt und unruhig bleibt, können homöopathische Globuli helfen. Osanit® Zahnkügelchen sind ein Komplexmittel aus Magnesium phosphoricum, Calcium carbonicum »Hahnemanni«, Ferrum phosphoricum, Calcium phosphoricum und Chamomilla. Halbstündlich, bei starken Schmerzen viertelstündlich, werden circa acht Kügelchen auf die Zunge des Kindes gelegt. Sie nehmen Schmerz und Entzündung und wirken beruhigend. Bei besonders launischen und weinerlichen Kindern empfehlen sich als Einzelmittel auch Chamomilla-D6-Globuli. Bei verspätetem Zahnen hilft Calcium phosphoricum (bei schlanken Kindern) oder Calcium carbonicum »Hahnemanni« (bei kräftigen Kindern).

 

Auch eine Mineralsalztherapie nach Dr. Schüßler ist möglich: Calcium phosphoricum (Nr. 2) fördert Zahndurchbruch und -bildung. Zahnungsschmerzen, die mit Fieber einhergehen, können mit Ferrum phosphoricum (Nr. 3) behandelt werden.

 

Rötung und Pusteln auf der einen Wange des Säuglings rühren wahrscheinlich daher, dass das Kind auch nachts sabbert, die Spucke auf die Kopfunterlage rinnt und das durchfeuchtete Stück Stoff die Gesichtshaut reizt. Eine pflegende Babycreme wirkt in der Regel beruhigend.

 

Den Zahnungsschmerz stillen auch Gels, mit denen die Zahnleiste des Babys sanft einmassiert wird. Einige von ihnen enthalten Lokalanästhetika wie Lidocain (zum Beispiel Dentinox®-Gel N Zahnungshilfe). »Gegen die gelegentliche Anwendung eines solchen Präparats ist nichts einzuwenden, für den Dauergebrauch sind sie jedoch nicht gedacht«, rät Landgraf.

 

Die Ursache von Durchfall und Fieber, die mit dem Zahnen einhergehen können, ist noch nicht geklärt. Zum einen wird angenommen, dass das Zahnen und die Abnahme der mütterlichen Antikörper zeitlich parallel stattfinden. Das Immunsystem des Säuglings ist dadurch geschwächt und reagiert sensibler auf Krankheitserreger. Zum anderen könnte der Prozess des Zahndurchbruchs auch die körpereigene Abwehr vorübergehend etwas schwächen, sodass Infekte häufiger auftreten.

 

Die Eltern sollen den Kleinen ausreichend zu trinken geben, gegebenenfalls können schmerzstillende und fiebersenkende Zäpfchen oder Säfte, zum Beispiel mit Paracetamol, eingesetzt werden. Bei anhaltenden Beschwerden sollten sie mit dem Kind zum Arzt gehen.

 

Dieser wird den Eltern sicher auch bestätigen, dass Bernsteinketten, die beim Zahnen helfen sollen, nichts als Hokuspokus und unnötige Gefahrenquelle sind. Die Kinder können beim Spielen damit hängen bleiben und sich verletzen. Reißt die Kette, besteht zudem die Gefahr, dass das Kind Perlen in den Mund nimmt, verschluckt oder inhaliert.

 

Komplikationen selten, aber möglich

 

»Bei bis zu 10 Prozent aller Kinder bilden sich direkt über den durchbrechenden Zähnen unter der Schleimhaut so genannte Durchbruchs- oder Eruptionszysten«, erklärt die Zahnärztin. Sie entstehen durch Abhebung des Zahnsäckchens von der Krone des im Durchbruch begriffenen Milchzahns. Als bläuliche pralle Aufwerfungen auf dem Kiefer sind sie zu erkennen. Meistens entleeren sich die Zysten von selbst und heilen schnell ab. Sehr selten müssen sie vom Zahnarzt geöffnet werden.

 

Ebenfalls selten ist eine Dentitio difficilis (Perikoronitis). Dabei kommt es zu einer eitrigen Entzündung in der Zahnfleischtasche um den Milchzahn. Typische Merkmale sind Schwellung, Rötung, Blutung und Absonderung von Eiter bei leichtem Druck. In diesem Fall sollte unbedingt der Zahnarzt einen Blick darauf werfen und gegebenenfalls eine Antibiotika-Therapie einleiten.

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