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Nahrungsergänzung

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11.09.2006
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Nahrungsergänzung

Mehr Werbung als Wirkung

Von Conny Becker

 

In der Beratung zur Selbstmedikation mit Arzneimitteln ist das Apothekenteam geschult, beim Thema Nahrungsergänzung jedoch häufig überfragt. Ständig kommen neue Produkte auf den seit Jahren boomenden Markt, die Heil und Glückseligkeit versprechen. Einer genauen Prüfung halten die wenigsten Produkte stand.

 

Der Trend zum Kauf von Mineralstoff- und Vitaminsupplementen ist ungebrochen. Er ist gekoppelt mit einer Wohlstandsgesellschaft, die in Teilen bewusst ungesund isst und lebt und dies per Substitution vermeintlich oder gesichert fehlender Substanzen wettzumachen versucht. Und dies, obwohl das ganze Jahr über nahezu alle Obst- und Gemüsesorten überall erhältlich sind und die Ernährung im Allgemeinen abwechslungsreicher geworden ist. Da auch Milch- und Getreideprodukte sowie Fisch und fettarme Fleischsorten relativ preiswert zu haben sind, ist ein echter Vitamin-Mangel mit gesundheitlichen Konsequenzen bei gesunden Menschen in Deutschland nicht mehr zu beobachten. Sähe die Ernährung entsprechend den Empfehlungen aus, ist laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) selbst eine Vitamin-Unterversorgung vermeidbar.

 

Da sich jedoch nicht jeder so vorbildlich verhält und zudem einige Krankheiten eine Unter- oder Mangelversorgung hervorrufen können, sind Supplemente manchmal sinnvoll. Wer in der Apotheke zur Nahrungsergänzung berät, muss zunächst einige wichtige Fragen klären: Ist der Kunde gesund oder krank, in einer besonderen Lebenssituation wie Schwangerschaft, Leistungstraining oder Alter und ist ein Mangel an einem Vitamin oder Mineralstoff diagnostiziert oder zumindest zu vermuten. Auch bei Patienten mit Nahrungsmittelunverträglichkeit können Supplemente angebracht sein.

 

Risikogruppen erkennen

 

Sowohl nach Informationen des AID-Infodienstes als auch der DGE sind Vitaminsupplemente und Nahrungsergänzungsmittel (NEM) normalerweise überflüssig. Dennoch nennen sie einige Ausnahmen, die es in der Apotheke herauszufiltern gilt. So gelten Vitamin D, Folat, Iod und eventuell Vitamin E als diejenigen Substanzen, bei denen eine höhere Zufuhr erwünscht wäre. NEM können hier in Einzelfällen sinnvoll sein.

 

Zur allgemeinen Orientierung, ob die Versorgung mit einem Nährstoff ausreichend ist oder nicht, dienen die DACH-Werte, die die DGE zusammen mit den österreichischen und schweizerischen Fachgesellschaften im Jahr 2000 herausgegeben hat (siehe Tabelle im Serviceteil der Druck-Ausgabe). Diese Referenzwerte enthalten allerdings einen Puffer von 20 bis 30 Prozent, sodass sie nicht zwingend täglich erreicht werden müssen. Die DGE weist darauf hin, dass eine rechnerische Unterversorgung noch lange keinen Mangel darstellt. So sei etwa die tägliche Vitamin-E-Aufnahme bei Jugendlichen und Erwachsenen zu gering verglichen mit den DACH-Werten. Die Institution rät jedoch nicht zur Substitution, sondern zu einer vollwertigen Ernährung (pflanzliche Öle, Vollkornprodukte).

 

Was den Kleinen fehlt

 

Risikopersonen für eine Unterversorgung gibt es in jeder Altersgruppe. Generell können eine stark einseitige Ernährung, eine geringe Nahrungsaufnahme (Diät, altersbedingter Appetitverlust) oder Störungen bei der Verdauung, Resorption und Verwertung einen Nährstoffmangel verursachen. Aber auch ein chronisch hoher Alkohol- oder Tabakkonsum, die Einnahme von Arzneimitteln oder eine vegane Ernährung können Gründe sein.

 

Schon Säuglinge haben trotz optimal zusammengestellter Muttermilch oder nährstoffadaptierter Babynahrung zwei Probleme hinsichtlich ihres Nährstoffbedarfs. Sie müssen zum einen zur Rachitisprophylaxe ein Jahr lang täglich 400 bis 500 IE (10 bis 12,5 µg) Vitamin D supplementieren, was mit einer Fluoridgabe kombiniert werden kann. Zum anderen empfehlen die Fachgesellschaften, dreimal 2 mg Vitamin K am ersten und fünften Lebenstag sowie in der vierten bis sechsten Lebenswoche oral zu geben, um Vitamin-K-Mangel-bedingten Blutungen vorzubeugen. Da Muttermilch ab dem vierten Lebensmonat allein nicht mehr ausreicht, um den Eisen- und Vitamin-C-Bedarf des Säuglings zu decken, gilt die Empfehlung, schrittweise Beikost zuzufüttern.

Indikatoren für Schmu

Als unseriös anzusehen sind Präparate, auf denen die Adresse des Herstellers nicht vollständig angegeben ist oder aber nur eine Anschrift im Ausland oder eine Postfachfirma. Auch wenn das Mittel Wunder bewirken soll oder verbotenerweise Aussagen über eine prophylaktische oder therapeutische Wirkung gemacht werden, ist es abzulehnen. Ebenso ist Vorsicht geboten, bei NEM, die in der Werbung von einzelnen »Experten« oder »ehemaligen Kunden« angepriesen werden.

Essen Kinder ausgewogen, sollte ihre Mineralstoff- und Vitaminversorgung ausreichend sein. Anders sieht es jedoch aus, wenn verschiedene Infektionskrankheiten kurz nacheinander auftreten. Denn in diesem Fall nehmen Kinder häufig zu wenig Nahrung und damit essenzielle Nährstoffe auf. Überdies können Infektionen die Resorption, Metabolisierung und Elimination von Vitaminen stören. Laut DGE-Angaben können bei systemischen Infektionen wie einer Pneumonie oder Bronchitis der Vitamin-A-Spiegel, bei Erkältungskrankheiten die Vitamin-C-Konzentration in den Leukozyten und im Plasma signifikant sinken. Der krankheitsbedingte Hausarrest mindert zudem die Vitamin-D-Produktion. In Rücksprache mit dem Arzt kann hier ein NEM eingesetzt werden. Generell ist bei Kindern auf eine ausreichende Calciumzufuhr zu achten, vor allem, wenn die Kinder wenig Milchprodukte zu sich nehmen.

 

Jugendliche haben parallel zum Wachstum einen erhöhten Nährstoffbedarf, können diesen aber über die Ernährung abdecken. Problematisch wird es jedoch bei magersüchtigen Teenagern, da schon bei einer 1000- bis 1500-kcal-Diät die notwendigen Nährstoffe höchstens nach ausführlicher Ernährungsberatung ausreichend zugeführt werden können. Auch wer sich vegan ernährt, muss seine Ernährung besonders sorgfältig zusammenstellen. Zu achten ist vor allem auf die Vitamine B2, B6, B12 und D, Calcium, Eisen, Zink und Iod.

 

Folsäure nicht nur für Schwangere

 

Deutlich erhöht ist der Bedarf an Vitaminen und Mineralstoffen in Schwangerschaft und Stillzeit. Gilt die werdende Mutter als »schlechte Esserin«, vor allem aber im Fall von Mehrlings- und kurz aufeinanderfolgenden Schwangerschaften, sind Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll, um eine Unterversorgung zu vermeiden. Nicht jedes Präparat ist hier angebracht, da zum Beispiel eine (versehentliche) Überdosierung von Vitamin A im ersten Drittel der Schwangerschaft fruchtschädigend wirken kann. Das sollten die werdenden Mütter wissen und möglichst auf speziell für Schwangere konzipierte Präparate zurückgreifen. In jedem Fall aber sollten die Frauen Folsäure und Iod supplementieren, da hier selbst eine nährstoffreiche Ernährung den Bedarf nicht ausreichend deckt. Daher empfiehlt die DGE, bei Kinderwunsch sowie in den ersten drei Monaten während der Schwangerschaft 400 µg Folsäure über NEM beziehungsweise Arzneimittel einzunehmen, um Neuralrohrdefekte zu vermeiden. Schwangere und Stillende sollten darüber hinaus täglich 100 bis 150 µg Iod in Tablettenform erhalten, möglichst nach vorheriger Iodanamnese (siehe auch PZ 36/06). Laut DGE ist auch die Versorgung mit Vitamin D, Calcium und Eisen in dieser Lebensphase häufig problematisch.

 

Die Folsäure-Versorgung liegt Verzehrstudien zufolge in allen Altersgruppen unter den DGE-Empfehlungen. Besonders wichtig ist das B-Vitamin auch für ältere Menschen, da es den Homocysteinspiegel im Blut senkt, der, wenn erhöht, als Risikofaktor für Atherosklerose gilt. Hier ist die kombinierte Gabe mit Vitamin B6 sowie Vitamin B12 sinnvoll, da dieses im Stoffwechsel mit Folsäure zusammenwirkt. Zudem kann auch die Versorgung mit Vitamin B12 bei Älteren kritisch sein, da es ihnen häufig an dem für die Resorption notwendigen Intrinsischen Faktor fehlt. Dieser wird nämlich im Alter, insbesondere bei Magenschleimhautentzündungen nur vermindert gebildet. Aus diesem Grund ist ein Vitamin-B12-Mangel hierzulande der häufigste behandlungsbedürftige Vitaminmangel.

 

Im Alter kann ebenfalls der Vitamin-D-Spiegel zu gering sein, da mit der Zeit die Fähigkeit der Haut abnimmt, Vitamin D zu bilden. Überdies halten sich ältere Menschen selten im Freien auf, sodass auch das für die Bildung essenzielle Sonnenlicht häufig fehlt. Eine generelle Empfehlung zur Supplementation gibt die DGE zwar nicht, rät aber zu einer, verglichen mit jüngeren Erwachsenen, doppelt so hohen täglichen Zufuhr (10 µg/400 IE). Wenn diese über die Ernährung nicht sichergestellt werden kann, ist an eine Supplementation, eventuell zusammen mit Calcium zu denken, um einer Osteoporose vorzubeugen. Auch eine Vitamin-K-Unterversorgung wird mit der Entstehung von Osteoporose in Zusammenhang gebracht, eine generelle Einnahmeempfehlung gibt es allerdings nicht.

 

Risikoreiche Präparate

 

Die maximale Dosierung von Nährstoffen in Nahrungsergänzungsmitteln ist immer noch strittig. Für Vitamine lautete früher die Merkformel: Oberhalb der dreifachen empfohlenen Tagesdosierung handelt es sich um ein Arzneimittel, darunter um ein NEM. Diese Aussage gilt jedoch nicht mehr. Denn die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K sollten wegen der Gefahr von Überdosierungen in Form von NEM höchstens in Höhe des Tagesbedarfs supplementiert werden, bei Vitamin A sogar nur bis zu 400 µg. Derzeit ist eine EU-Regelung zu Höchst- und teilweise auch Mindestmengen in Arbeit. Bis diese fertiggestellt ist, kann man sich an die Höchstlinienempfehlungen vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) halten. Um Überdosierungen zu vermeiden, sollten mehrere Nahrungsergänzungsmittel nur nach genauer Prüfung parallel eingenommen werden. Generell gilt: Wenn kein erhöhter Nährstoffbedarf vorliegt, sind Präparate mit Nährstoffkonzentrationen zu wählen, die höchstens den DACH-Referenzwerten entsprechen.

 

Unfreiwillig gedopt

 

Laut Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) sind NEM auch für aktive Freizeitsportler überflüssig. Ein Vitamin- oder Mineralstoffmangel könne wenn überhaupt bei Hochleistungssportlern oder solchen Sportlern auftreten, die extrem auf ihr Gewicht achten müssen. Als Leistungssport gilt eine körperliche Aktivität, bei der wöchentlich mindestens zusätzlich 2000 kcal verbraucht werden.

 

Abgesehen von wenigen Ausnahmen (wie Magnesiumgaben bei gleichzeitiger nährstoffarmer Diät) ist die Supplementation in Fitnesscentern somit unnötig. Zudem ist für den Einsatz von NEM wie Gelatinepräparaten, Coenzym Q10, Lecithin, L-Carnithin oder Taurin ein ernährungsphysiologischer Nutzen nicht belegt. Der BzgA zufolge liegen auch für Präparate mit dem Leucin-Abkömmling HMB (Hydroxymethylbutyrat), CLA (konjugierte Linolsäure), Phosphatsalzen, Chitosan, speziellen Bienenerzeugnissen oder Inosin zum erwünschten Muskelaufbau praktisch keine Erkenntnisse vor. Lediglich Kreatin scheint etwas von dem halten zu können, was es verspricht. Während es bei Ausdauersportarten wirkungslos ist, konnte bei kurzen, sich wiederholenden Belastungen hoher Intensität (Sprint, Gewichtheben) ein leistungssteigender Effekt beobachtet werden. »Wegen möglicher Nebenwirkungen wie Übelkeit und Erbrechen ist Kreatin generell abzulehnen«, rät die Behörde zu einer Substanz, die natürlicherweise auch in (Muskel-)Fleisch zu finden ist.

 

Bedenklich ist zudem, dass die Auswirkungen von zum Teil 50-fach gegenüber der normalen täglichen Aufnahme erhöhten Dosierungen nicht erforscht sind - ebenso wenig wie die Kombination verschiedener hoch dosierter Substanzen. Besonders rät das BzgA von dem Bezug von Präparaten aus dem Internet ab. Da diese häufig aus den USA stammen, können sie höhere Dosierungen enthalten als nach deutschem Arzneimittelrecht erlaubt. In anderen EU-Staaten zugelassene Präparate sind dagegen hierzulande auch abweichend vom deutschen Lebensmittelrecht verkehrsfähig.

 

Erst vor wenigen Wochen warnte auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Risikobewertung davor, NEM per Mausklick zu beziehen. Einige dieser Produkte, die einen raschen und verstärkten Muskelaufbau bewirken sollen, enthielten Untersuchungen zufolge Anabolika, die jedoch nicht deklariert waren. Störungen des Hormonhaushalts als Nebenwirkung seien zu befürchten.

Rauchen und Alkohol

Zigarettenkonsum treibt den Bedarf an antioxidativen Vitaminen in die Höhe. Rauchern fehlt es laut DGE neben Vitamin C (hier sind 150 mg täglich empfehlenswert) auch an Carotinoiden, die aufgrund eines erhöhten Lungenkrebsrisikos allerdings nicht supplementiert werden sollten. Einer »Supplementierung« von α-Tocopherol per Inhalation bescheinigte das BfR vor drei Jahren »grundsätzliche Bedenken«. Während selbst für die orale Gabe noch keine gesicherten Daten zur Krebsprophylaxe vorliegen, könne gerauchtes Vitamin E (in Kombination mit Hunderten Schadstoffen!) nicht empfohlen werden.

 

Wer zu tief ins Glas schaut, verschlechtert seine Verwertung von B-Vitaminen. Bei starkem Vitamin-B1-Mangel kann der Bewegungsapparat und die geistige Leistungsfähigkeit irreversibel geschädigt werden (Wernicke-Korsakow-Syndrom). Hier ist hoch dosiertes Thiamin angezeigt. Alkoholabusus stört auch die Vitamin-D- und Calcium-Versorgung, worauf die erhöhte Inzidenz an Knochenbrüchen bei Alkoholikern zurückzuführen ist.

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