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Digitale Hörgeräte

Guter Klang durch moderne Systeme

12.09.2006
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Digitale Hörgeräte

Guter Klang durch moderne Systeme

Von Brigitte M. Gensthaler, München

 

Ein Hörgerät hat ein anderes Image als eine Brille. Wer eine Brille trägt, gilt als klug und belesen, während ein Hörgerät oft als Zeichen für Alter und Gebrechlichkeit gewertet wird. Mit diesen Vorurteilen will die »Woche des Hörens« aufräumen.

 

In Deutschland hören 13 bis 15 Millionen Menschen schlecht und rund drei Millionen haben ein Hörgerät. Viele benutzen die teuren Apparate aber gar nicht. Unter dem Motto »Gut hören zählt« weist die Fördergemeinschaft Gutes Hören (FGH) vom 18. bis 22. September auf die Bedeutung des Hörvermögens und Korrekturhilfen hin (www.woche-des-hoerens.de).

 

Mit dem Alter nehmen Hörschäden deutlich zu. In einer Studie aus dem Jahr 2000 war ein Viertel der Menschen zwischen 50 und 60 Jahren und mehr als die Hälfte der über 70-Jährigen betroffen. Bei den Senioren über 90 sind es sogar neun von zehn. Mit fatalen Folgen. »Das Gehör hat Kommunikations-, Informations- und Orientierungsfunktion. Es ist das Tor zur Welt«, hob die Heidelberger Altersforscherin Professor Dr. Ursula Lehr zum Auftakt der bundesweiten Aktionswoche in München hervor.

 

Eine gute Seh- und Hörfähigkeit sichere Wohlbefinden und Lebensqualität im Alter. Aus eigenen Untersuchungen wisse sie, dass Altenheimbewohner unter Umständen für dement gehalten werden, obwohl ihre mangelnde Gesprächsfähigkeit »nur« auf einem Hörproblem beruht. »Wer schlecht hört, versteht nicht, wird folglich kaum angesprochen und vereinsamt.« Mit einem gut angepassten Hörgerät könnten die Menschen wieder am Leben teilnehmen. Wenn Hörhilfen unbenutzt in der Schublade liegen, seien allerdings nicht nur Eitelkeit und mangelnde Gewöhnung schuld. Oft könnten ältere und motorisch eingeschränkte Menschen die Geräte nicht bedienen, reinigen oder die Batterien nicht wechseln.

 

Auch Kinder hören schlecht

 

Von 1000 Neugeborenen in Deutschland leiden ein bis drei an gravierenden Hörschäden, informiert die FGH. Weit über eine halbe Million Kinder haben eine behandlungsbedürftige Hörstörung. Bei rund 80.000 Kindern ist diese so schwer, dass die Kleinen spezielle Sonderschulen besuchen müssen. Experten gehen davon aus, dass künftig jeder zehnte Jugendliche lärmbedingte Hörschäden aufweisen wird. 

 

Abgesehen von genetischen Einflüssen kann man das Hörvermögen selbst beeinflussen. »Die beste Prävention ist Lärmvermeidung«, erklärte Professor Dr. Roland Laszig von der HNO-Uniklinik Freiburg. Man solle sich immer wieder Ruhe gönnen, Lärmspitzen aus dem Weg gehen und gegebenenfalls beim Heimwerken, Rasenmähen und Schießsport Ohrenschutz tragen. Auch einige Medikamente wirken ototoxisch; ob die Therapie unvermeidbar ist, kann der Patient mit Arzt oder Apotheker besprechen. Durchblutungsstörungen und Atherosklerose belasten das Organ ebenfalls. Wirkungsvoll, aber oft vernachlässigt ist die professionelle Reinigung von Gehörgang und Hörgerät.

 

Hörsysteme mit Intelligenz

 

Rasante technische Fortschritte machen Hörgeräte heute nicht nur klein und unauffällig, sondern verbessern das Hören enorm. 1996 kam das erste Digitalgerät auf den Markt, heute gibt es fast keine Analogapparate mehr, informierte Diplomingenieur Horst Warncke von der Vereinigung der Hörgeräte-Industrie.

 

Früher mussten die Ohren mit Ohrpass-Stücken verschlossen werden, um eine Rückkopplung und damit Pfeifgeräusche des Hörgeräts zu vermeiden. Dadurch klangen die eigene Stimme, Kau- und Körpergeräusche laut und dröhnend; außerdem konnten sich die Ohren durch Druck und Wärmestau entzünden. Dank der digitalen Rückkopplungs-Unterdrückung können die Ohren offen bleiben. Außerdem haben Digitalhörgeräte einen Tiefton-Booster und verarbeiten Signale in Echtzeit, was die Hörqualität deutlich hebt.

 

Auch störendes Geräuschgewirr ist vermeidbar, machte Warncke deutlich. Moderne Geräte passen sich Situationen an, erkennen Sprache und senken beispielsweise Lärm und Windgeräusche ab. »In Ruhe herrscht wirklich Ruhe.« Neueste Systeme arbeiten mit künstlicher Intelligenz, die dafür sorgt, dass Sprache aus jeder Richtung optimal erkannt und über Lärm hervorgehoben wird. Künftig könnten sogar Stimmen einzelner Menschen identifiziert und bevorzugt verstärkt werden, erwartet der Techniker.

 

Die Anpassung eines Hörgeräts erfordert Zeit und Geduld, machten die Experten deutlich. Bis das individuell beste Gerät und die optimale Einstellung gefunden sind, sind oft mehrere Sitzungen beim Hörgeräte-Akustiker nötig. Und schließlich kann es Wochen dauern, bis sich das Gehirn auf die neue Klangqualität eingestellt hat.

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